Herzstillstand
Sie kam nur mühsam zu sich. Alles um sie herum schien verzerrt und gleichzeitig irgendwie verschwommen. Erschöpft schloss sie erneut die Augen.
Der Schmerz holte sie wieder an die Oberfläche zurück. Dumpfer Schmerz, überall!
„Können sie mich hören“, irgendwo im Hintergrund redete jemand. „Können sie mich ansehen?“
Flatternd öffnete sie die Augen. Weiß. Alles um sie herum war chromblitzend und weiß. Eine Krankenschwester stand an ihrem Bett und schaute sie prüfend an. Langsam kam die Erinnerung wieder. Sie hatte die Operation überstanden! Wieder überrollte sie eine Welle des Schmerzes. Sie schloss die Augen und versuchte ihre Atmung in den Griff zu bekommen. Diese Anstrengung trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Entschlossen konzentrierte sie sich weiter auf den Atemvorgang Langsam wurde der Schmerz etwas erträglicher und sie tauchte aus der merkwürdigen Unwirklichkeit auf.
„Mein Mann“, flüsterte sie.
„Er hat sich bis jetzt noch nicht gemeldet, sicher ist er gleich bei ihnen“, beruhigte die Krankenschwester.
„Wie spät…“, sie konnte sich daran erinnern, dass sie am frühen Morgen in den Operationsraum gekommen war.
„Es ist jetzt 18 Uhr.“
Unwillkürlich schnappte sie nach Luft, was eine unerträgliche Schmerzwelle auslöste. Die Schwester legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Ganz ruhig“, und erleichtert, „da ist ihr Mann, glaube ich.“
Wirklich stand er plötzlich neben dem Bett und schaute sie prüfend an.
„Na, alles gut überstanden!“
Das Antworten übernahm die Krankenschwester. „Ihre Frau hatte während der OP einen Herzstillstand. Sie sollten mit dem Arzt reden…“
„Ich soll…“, der Gedanke an ein klärendes Arztgespräch schien ihn wirklich zu beunruhigen. „Vielleicht später! Ich habe nicht viel Zeit!“
Sie schloss wieder die Augen, blendete ihn aus und fiel schließlich zurück in den Dämmerzustand, in dem sie die Schmerzen ertragen konnte.
Jahresanfang, die Routineuntersuchung bei ihrer Gynäkologin war wieder einmal fällig. Sie hatte sich schon gedacht, dass dieses Mal nicht alles so reibungslos wie sonst verlaufen würde, denn sie hatte in letzter Zeit heftige Schmerzen im Unterbauch. Nach einer Reihe von Untersuchungen riet man zu einer Hysterektomie, der sie mit gemischten Gefühlen entgegensah – im Gegensatz zu ihrem Mann.
„Gut, dann kannst du wenigstens keine Kinder mehr kriegen“, war sein lapidarer Kommentar.
Sie sagte wie immer nichts dazu, denn sie hatte sich schon vor langer Zeit abgewöhnt, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Das brachte sowieso nichts und führte nur zu unnötigem Stress, den er meist an den Kindern ausließ.
Am Tag vor der Operation fuhr sie allein zum Krankenhaus. Er war, wie üblich, nicht abkömmlich. Sie sollte gleich früh am Morgen operiert werden, das teilte ihr der zuständige Arzt mit. Bei dem Gedanken daran wurde ihr ziemlich mulmig. Sie nahm den Telefonhörer ab – sollte sie ihn um seinen Beistand bitten? Seufzend legte sie wieder auf, er würde sowieso nicht kommen, einen fadenscheinigen Grund für sein Nichterscheinen finden.
Nach einer langen Nacht und einer noch längeren Wartezeit am Vormittag kam sie schließlich an die Reihe. Die Operation sollte mit einer Periduralanästhesie durchgeführt werden. Der Narkosearzt hatte sie dazu gedrängt, obwohl sie eigentlich lieber eine ganz normale Narkose gehabt hätte: Einschlafen und nach der OP wieder aufwachen, ohne etwas mitbekommen zu haben. Der Narkosearzt schilderte die von ihm vorgeschlagene Methode als sehr sicher und redete lange auf sie ein. Vielleicht hatte er ja Recht…schließlich willigte sie ein und unterschrieb alle Formulare.
Im Operationssaal setzte sie sich auf die Liege und der Narkosearzt werkelte an und in ihrem Rücken herum. Desinfizierte, betäubte die vorgesehen Einstichstelle, legte eine Kanüle. Ihr wurde ganz schlecht. „Das ist sicher die Aufregung“, sagte sie sich.
Einer der Ärzte schaute sie prüfend an. „Du meine Güte“, meinte er, „sie werden ja ganz blass um die Nase.“
In ihrem Kopf begann es zu summen, erst leise und dann immer lauter, während ihr speiübel war. „Ich muss mich hinlegen“, stammelte sie, denn das Summen übertönte alle Geräusche um sie herum, nahm den ganzen Raum ein. Das letzte was sie registrierte, waren Hände die sie stützen, dann wurde mit einem Schlag alles um sie herum totenstill und pechschwarz.
Als sie das nächste Mal wach wurde, befand sie sich schon in einem ganz normalen Krankenzimmer und eine junge Frau lächelte sie vom Nachbarbett aus an.
„Sie waren aber ganz schön weggetreten. Geht es jetzt?“
Mühsam erwiderte sie das Lächeln. „Ja, schon. Wie lange bin ich hier im Zimmer?“
„Wissen sie das denn überhaupt nicht? Seit gestern Abend, jetzt ist es“, ein Blick auf die Uhr, „fast Zeit für das Mittagessen.“
Wie auf Kommando öffnete sich die Zimmertür und eine routinemäßig lächelnde Krankenschwester balancierte Tabletts.
Sie winkte müde ab. „Ich kann nichts essen, wenn sie gleich etwas gegen die Schmerzen hätten.“ Die Schwester zuckte die Schultern. „Wie sie möchten, ich komme gleich noch einmal und gebe ihnen ein Schmerzmittel in den Tropf.“
Später kam der Narkosearzt mit einem Kollegen vorbei, um ‚nach ihr zu schauen‘, wie er es ausdrückte. „Sie bekamen während der Periduralanästhesie einen Herzstillstand. Aber keine Sorge, wir hatten alles im Griff. Die Operation ist wie geplant durchgeführt worden.“
Sie hörte die Worte wie durch einen Vorhang, das Schmerzmittel wirkte endlich. Eigentlich war ihr alles egal, sie wollte einfach nur schlafen und keine Schmerzen haben.
***
„Es wird aber wirklich Zeit, dass du dich wieder hier blicken lässt. Ich habe kein sauberes Hemd mehr im Schrank.“
Sie musterte ihren Mann kurz und ging an ihm vorbei. Heute war sie aus dem Krankenhaus entlassen worden. Natürlich hatte er sie nicht abgeholt. „Termine, die Arbeit ist eben wichtiger, das musst du doch einsehen, schließlich lebst du von meinem Geld!“
So war sie allein nach Hause gefahren, hatte ja sowieso nicht mit ihm gerechnet. Das er jetzt allerdings zu Hause war erstaunte sie denn doch.
„Wieso sagst du gar nichts, ist irgendetwas?“ Ihr Schweigen schien ihn zu irritieren. Offensichtlich hatte er mit Vorwürfen gerechnet.
„Was soll ich sagen?“ Wieder wandte sie sich ab. Während des recht langen Krankenhausaufenthaltes hatte sie viel Zeit zum Nachdenken gehabt und ein Satz hatte sich in ihrem Hirn eingenistet. Erst war er ganz klein gewesen und ganz leise. Doch je weiter der Genesungsprozess fortschritt, um so mehr wuchs dieser Satz, bis er riesig geworden war und laut. „Was wäre gewesen…“
Was, wenn ihr Leben im Operationssaal beendet gewesen wäre? Sie hatte keine grünen Wiesen gesehen, keine blühenden Landschaften und schon gar kein Licht. Da war nichts, nur undurchdringliche Schwärze, Leere, Kälte und Vergessen.
Sie war immer lebenslustig gewesen, hatte viel gelacht, Spaß an allem und jedem gehabt. War wissbegierig und neugierig. Wollte so viel erleben und ausprobieren. War eine lebensbejahende junge Frau … gewesen.
Denn irgendwann war diese Frau verschwunden. Zurück blieb eine Person, die allen Konflikten aus dem Weg ging, die versuchte ihrem despotischen Ehemann alles Recht zu machen. Die ständig hinterher lief und doch niemals ankam. Die sich abmühte, aber niemals etwas richtig machte. „Das war schon ganz gut, aber…“ Sie hasste dieses ‚aber‘. Dieses kleine Wort, das doch nichts anderes bedeutete, als dass sie wieder versagt hatte.
Sie hatte lange nachgedacht und plötzlich war ihr klar, dass sie eine zweite Chance bekommen hatte. Das sie endlich wieder leben konnte. So wie sie es wollte. Das sie es ihm niemals Recht machen würde und es deshalb auch gleich lassen konnte.
„Ich habe nachgedacht“, begann sie zögernd.
„Ach, das ist ja mal ganz was Neues.“
Plötzlich packte sie die Wut. So zornig war sie seit Jahren nicht mehr gewesen und irgendwie genoss sie es. „Ich werde dich verlassen. Ich will so nicht mehr leben und jetzt verschwinde und lass mich einfach in Ruhe, “ schrie sie ihn an.
Verblüfft schaute musterte er sie, drehte sich dann auf dem Absatz um und verließ das Zimmer.
Sie blieb einige Minuten reglos stehen. Dann schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. Erst ganz zaghaft und dann lachte sie laut los. Das war doch schon mal ein Anfang. Entschlossen schaltete sie das Radio ein.
„Tja, mein Junge, dann wirst du wohl lernen müssen, wie man seine Hemden selber bügelt…“

Angie Pfeiffer
29. Apr 2010
Hier kann ich das mal sagen: Sie = ICH
und die Scheidung war die beste und richtigste Entscheidung meines Lebens…..
Dirty Harry
30. Apr 2010
Wieder eine famose Geschichte. Ich konnte das Geschilderte mit dem “Relaunch” gut nachempfinden, weil ich Ähnliches erlebt habe (wenn auch nicht im Beziehungsbereich). Wobei ich mich doch gefragt habe, wieso es für die Beteiligten stets so schwierig ist zu erkennen, dass ihre (Liebes-)Beziehung längst am Ende ist.
Mumpitz
30. Apr 2010
Ich kenne auch jemanden, der eine solche Extremsituation als eine neue Chance verstanden hat. Man kann viel Chaos damit anrichten, verletzt andere Menschen, wird als egoistisch benaserümpft. Und doch ist es wohl richtig, sein eigenes Leben als sein einziges zu verstehen.
Thematisch gut und außerdem auch spannend!
Songline
30. Apr 2010
Ein Kollegin von mir hat sich auch nach einem Krankenhausaufenthalt von ihrem Mann getrennt und ist inzwischen wieder verheiratet. Glücklich diesmal. Sie sagte, sie habe sich im Krankenhaus gefragt, ob das alles gewesen sein soll.
Ich denke, so ein Innehalten tut auch ohne Krankenhaushaufenthalt zwischendurch ganz gut. Um nachzudenken, seinen Standpunkt zu hinterfragen, in die Zukunft zu schauen. Und sich dann zu fragen, wo man denn in Zukunft hinmöchte.
Angie Pfeiffer
30. Apr 2010
Eben! Und noch etwas: es ist schön zu träumen, aber einige Träume sollte man verwirklichen, wenn das möglich ist…
Wer weiß schon, wie lange wir die Gelegenheit dazu haben.
LG