Der schönste Platz der Welt…
Tja – das ist so eine Sache mit den Liebesgeschichten … manche sind traurig, andere wieder amüsant oder schrecklich romantisch. Und wie ist die von Alice und Alan? Ooch – ich weiß nicht, jedenfalls ist sie anders und hat mit einem Text im Internet angefangen:
„Suche einen netten Mann
zum
Liebhaben, Kuscheln, Pferde stehlen, Äppel klauen, Abknuddeln, Blödsinn machen
und für vieles mehr!“
Diese Zeilen heftete ich aus Jux und nach ein paar Gläsern Rotwein an eine Chat-Pinnwand. Die Angebote auf diesen Text hin waren wirklich sagenhaft und ich gab es nach einiger Zeit auf, mich überhaupt noch ernsthaft mit den literarischen Ergüssen der Herren zu befassen.
Irgendwann trudelte eine richtig nette Mail ein, die ich seltsamerweise nicht gleich im Papierkorb entsorgte. Was dieser Mann schrieb, war einfach lieb, humorvoll und völlig locker. („Ich habe für mein Alter noch erstaunlich viele Haare“ … Ups; ein Mann mit Haar! Unglaublich!)
Also antwortete ich genau so locker, nahm alles aber nicht so genau.
. Wie alt bin ich…sagen wir mal 38 – ich war damals 45 Jahre jung.
Wie groß bin ich…sagen wir mal 168 cm- ich bin 163 cm GROß.
Alles andere war in Ordnung, das konnte ich so lassen.
Fotos wurden hin und her geschickt. Ich stellte fest, dass er richtig gut aussah (und wirklich volles Haupthaar hatte)
„ Er ist 178 cm groß, na gut das ich mich größer gemacht hatte“, dachte ich. Er war 46 Jahre alt und somit nur ein Jahr älter als ich. Ein Glück, dass ich mich jünger gemacht hatte. Frau ist zuweilen recht töricht…
Mit jeder Mail kamen wir uns ein Stück weit näher und irgendwann ging es einfach nicht anders; wir mussten uns sehen.
Wo treffen wir uns? In irgend einem verstaubten Café, wohlmöglich mit einer Rose als Erkennungszeichen? Hilfe, das geht gar nicht! Vor dem Bahnhof? Das ist ja noch ätzender!
So beschlossen wir nach einigem hin und her, uns vor dem Cinemaxx Kino zu treffen.
Am Tag X war ich mehr als nervös und parkte mein Auto bestimmt 3 km weit weg, obwohl das Kino ein eigens Parkhaus hat.
„Na ja“, dachte ich mir, „vielleicht wirst du vom Laufen ruhiger!“ Weit gefehlt, denn bei jedem Schritt, der mich dem Treffpunkt näher brachte, stieg die Panik.
„Was mache ich bloß, wenn da ein fetter, glatzköpfiger, alter Mann steht, der mir das Foto seines jüngeren Bruders geschickt hat?“
Mit diesen und ähnlichen Gedanken schlich ich um die Ecke, musste nur noch einen Zebrastreifen überqueren, stand endlich vor dem Kino. Ich schluckte trocken…und glaubte meinen Augen nicht zu trauen, denn da stand mein Traumprinz.
„Boh, das ist er“, dachte ich und fiel ihm um den Hals, teils aus Erleichterung, teils, weil das einfach so gehörte.
Alles stimmte. Das war der Mann auf den ich mich gefreut und auf den ich gehofft hatte. Er kam mir so vertraut vor, als ob wir uns schon lange kennen würden. Mein Herz bubberte wie verrückt, mir wurde es ganz heiß und ich hätte schwören können, dass die gute alte Erde für einen Wimpernschlag lang angehalten hatte, extra für uns!
Vielleicht ist der Ort nicht besonders romantisch gewesen, aber für mich war´s der schönste Platz der Welt.
Nebenbei bemerkt: Alan hat mich am Zebrastreifen stehen sehen und gedacht: „Das kann sie nicht sein, so viel Glück hast du nicht!“ Da sieht man‘s, es passte.
Beim Umarmen ist uns dann aufgefallen, dass Alan fünf Zentimeter kleiner ist, als er es mir geschrieben hatte…und die paar Jährchen, die ich geschummelt hatte, die haben wir dann auch aus der Welt geschafft…
…aber das ist eine andere Geschichte…

Songline
30. Jun 2010
„Boh, das ist er“, dachte ich und fiel ihm um den Hals, teils aus Erleichterung, teils, weil das einfach so gehörte.”
An dieser Stelle habe ich herzhaft gelacht. Das war eine richtig schöne Kopfkinoszene.
Und ja: Manch unscheinbarer Platz erlangt durch so eine Geschichte eine besondere Bedeutung.
Schön erzählt.
Angie Pfeiffer
30. Jun 2010
Die Geschichte ist in dem Buch “…manchmal werden Orte zufällig romantisch”(mediathek für Nordrhein-Westfalen) veröffentlicht worden. Der Titel passt, gell.
LG und danke für die nette Kritik!!!
Dirty Harry
2. Jul 2010
Der schönste Platz der Welt war letztens bei der Lesung im Gladbecker Cafe Stilbruch, wo ich Angie lauschen durfte. Ganz vorzüglich vorgertragen, die Texte, und das fand nicht bloß ich. Na, war das jetzt ein Kompliment oder was?