Ein Sommermärchen

Ich war so mit meiner Bestellung beschäftigt, dass ich sie zunächst gar nicht zur Kenntnis nahm: Eine ausgemergelte Gestalt, in eine viel zu große Strickjacke gehüllt.
Erst das undeutlich gemurmelte: „Können sie mal gucken“, ließ mich aufmerksam werden.
„Ja sicher“, antwortete ich automatisch und musterte, neugierig geworden, die Kundin.
Sie war wirklich rappeldürr, blass und faltig. Die Haare waren ihr offensichtlich ausgefallen und wuchsen spärlich nach. Die Strickjacke hing wie ein Sack an ihr herunter.
„Diese Jacke ist viel zu weit für sie, warten sie, ich hole ihnen schnell die passende Größe.“
Sie strahlte mich an. „Das ist nett, vielleicht können sie gleich noch ein paar passende Pullover mitbringen.“
Diese Frau sprach wirklich seltsam. So als ob sie etwas im Mund hatte, das sie daran hinderte, die Worte deutlich auszusprechen.
Ich suchte ihr ein paar Teile in ihrer Größe heraus und brachte sie ihr in die Ankleidekabine. Noch immer strahlend nahm sie die Sachen in Empfang und begann gleich mit der Anprobe. Bei jedem neuen Teil geriet sie in Begeisterung.
„Du lieber Himmel, unsere Artikel sind ja wirklich schön, aber das ist denn doch völlig übertrieben“, dachte ich irritiert, bemühte mich aber weiter um diese merkwürdige Kundin.
„Die Sachen passen alle wie angegossen, sie haben wirklich ein Auge dafür. Ich nehme alles. Suchen sie mir auch noch ein paar passende Tücher aus?“
Die Mühe hatte sich in diesem Fall wirklich gelohnt! Doch eigentlich war es eher eine Freude, diese Kundin zu beraten und das sagte ich ihr auch.
Sie lächelte mich an. „Ich war so lange krank. Sie können sich sicher denken, dass ich Krebs habe. Doch ich habe die Operationen und die anschließenden Behandlungen überstanden.“
Einen Augenblick lang wusste ich nicht, was ich sagen sollte.
„Das freut mich für sie und es ist sicher gut, dass sie so offen damit umgehen“, brachte ich schließlich heraus.

„Ach wissen sie, was habe ich schon zu verlieren, wo ich doch das Leben zurückbekommen habe. Es ist wie ein Märchen für mich, dass ich diesen Sommer erleben darf…und jetzt decke ich mich mit Winterkleidung ein…“

  • Die Dinge ins richtige Licht rücken… dazu helfen solche schweren Lebenskrisen oft, wenn sie denn eine neue Lebensperspektive eröffnen. Und auch, wenn sie keine eröffnen, ist es gut, wenn der Blick für das Lebenswerte nicht verloren geht.
    Gleich kauft sie noch Schuhe, und Schmuck, und dann kauft sie sich ein dickes Eis!