Walburga

Sie hasste ihren Namen, bei dem man sofort an das Siegfriedlied und stämmige, goldgelockte Walküren, oder aber an grausige Hexen und den Blocksberg denken musste.

Walburga, nein, dieser Name passte so überhaupt nicht zu ihr.
Sie faltete bedächtig den Brief zusammen, betrachtete seufzend ihr Spiegelbild und fuhr sich durch die kurzen schwarzen Locken. Bemerkte gleichgültig die fahle Gesichtsfarbe und die eingefallenen Wangen. Das spielte jetzt alles keine Rolle mehr.

Es war einmal anders gewesen. Früher hatte sie peinlich genau auf eine gepflegte Erscheinung geachtet. Wenn sie sich selbst auch nicht als besonders gut aussehend bezeichnet hätte, so wollte sie für ihn immer wie aus dem Ei gepellt aussehen. Achtete selbst beim Joggen auf ihr Äußeres, bekämpfte jedes Pfund, das sie scheinbar zu viel auf den Rippen hatte.
Nun, wenigstens das war seit einiger Zeit kein Problem mehr. Seit er sie verlassen hatte, aß sie kaum noch, vergaß die Nahrungsaufnahme, kam vor lauter Grübeln einfach nicht dazu.

Wann hatte er angefangen, sich von ihr zu entfernen, sich für andere Frauen zu interessieren? Diese Frage stelle sie sich unentwegt, fand doch keine Lösung.
Sie hatte nie etwas bemerkt, nichts bemerken wollen. Selbst als die Leute im Dorf zu tuscheln begannen und er immer öfter auch über Nacht unterwegs war („dieser Beruf bringt mich um, ich muss schon wieder weg“), hatte sie die Augen fest geschlossen gehalten. Vertraute ihm bedingungslos, verschwendete keinen Gedanken an eine mögliche Untreue.
Dann brach ihre Welt zusammen. Er kam mitten in der Nacht nach Hause, erklärte ihr unumwunden, dass er ausziehen würde, schon lange ein Verhältnis mit einer Anderen hätte. Walburga bat ihn, sich diesen Schritt zu überlegen, bettelte, machte sich kleine. Doch er ließ sich nicht erweichen, wurde kalt wie Eis, packte ein paar Kleidungsstücke zusammen und verließ das Haus.
Ein paar Tage später klingelte er, verlegen lächelnd, an der Haustür. „Ich möchte den Rest meiner Sachen abholen. Du kannst das Haus behalten, ich will nur meine Freiheit.“
Wieder bettelte sie. „Bitte überleg‘ es dir noch einmal. Ich liebe dich und ich tue alles, damit du bleibst.“
Jetzt wurde sein Lächeln mitleidig. „Ach, Walburga, als ob ich mir’s nicht gründlich überlegt hätte. Bitte mach es mir nicht so schwer und vor allem, hör auf dich wie ein Kind zu verhalten.“
Dann war er gegangen, schloss sorgfältig die Tür hinter sich, doch ihr kam es vor, als ob er das Haus mit einem Donnerhall verlassen hätte.
Zurück blieb Stille, Einsamkeit, Verletztheit. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis; was hatte sie nur falsch gemacht? Es musste an ihr liegen, denn er war ja der perfekte Partner.
In der Folgezeit wagte sie sich kaum noch aus dem Haus, konnte das hämische Getuschel und die mitleidigen Blicke kaum ertragen. Spürte all das Gerede hinter ihrem Rücken fast körperlich, so als würde sie an einer unheilbaren Krankheit leiden.
Lepra, ja – so hatten sich wohl damals die Leprakranken gefühlt, die sich verstecken mussten, um nicht den Unwillen ihrer Mitmenschen zu erregen.

Sie ging mechanisch ihrer Arbeit nach, tat, was zu tun war, doch starb sie innerlich immer mehr ab, fühlte sich wie eine Marionette. Ohne seinen Halt wusste sie nicht, wohin sie gehen sollte.
Zuweilen, wenn sie nicht schlafen konnte, streifte sie durchs Haus, strich behutsam über den Sessel, in dem er immer gesessen hatte. Dann regte sich ein Hoffnungsschimmer in ihr.
Vielleicht…
Vielleicht würde er ganz plötzlich erkennen, wie sehr er sich geirrt hatte und das er sie immer noch liebte. Er würde an der Haustür läuten, sie wortlos in die Arme schließen. Sie würde ihm verzeihen und alles wäre wieder so wie früher.

Heute war Sylvester. In ein paar Stunden würde eine neues Jahr beginnen. Doch nicht für sie, denn sie hatte ihr Leben verloren.
Am Vormittag war das Unfassbare geschehen, sie SAH ihn mit seiner neuen Frau. Die Beiden gingen Arm in Arm die Straße entlang, lachten miteinander, sahen so glücklich aus. Ganz plötzlich wurde es Walburga klar, dass er nie wieder zurückkommen würde, dass sie ihn unwiederbringlich verloren hatte.

Mit dieser Erkenntnis kam die Ruhe. Endlich wusste sie, wie es weiter gehen würde.
Noch einmal faltete sie den Brief auseinander, überflog die Zeilen.
Ja, so war alles richtig. Er sollte das Haus bekommen und alles, was ihr gehörte. Sollte immer und ewig an sie denken.
Auch die Gästeliste war perfekt. Wer sich im Leben nicht um sie gekümmert hatte, sollte auch nicht an ihrer Beerdigung teilnehmen.
Langsam ging sie in das Schlafzimmer, öffnete den Kleiderschrank. Da hing das schwarze Kleid, das er einmal für sie gekauft hatte, das er so an ihr geliebt hatte. Liebevoll legte sie es auf das Ehebett, strich zärtlich über den glänzenden Stoff.
Hatte sie alle Vorbereitungen getroffen und nichts vergessen? Sie ging noch einmal ihre Liste durch, denn alles sollte perfekt sein.
Ja, alles war gut so.
Jetzt blieb ihr nur noch eines zu tun.

Walburga nahm den bereitgelegten Strick und ging in den Garten. Dort stand der Kirschbaum, den sie am Beginn ihrer Ehe zusammen gepflanzt hatten…

  • Vielleicht wäre das Leben weiter gegangen …

    Eine Story, bei der sich mir die Nackenhaare aufstellen, wie sie aber sicher nicht selten wirklich vorkommt.

  • Das ist (leider) eine wahre Geschichte. Ich habe nie verstanden, was diese Frau angetrieben hat. Schlimm, wenn man so sehr auf den Partner fixiert ist, nicht wahr. Irgendwie krank.
    Schlimm auch, dass niemand etwas bemerkt hat, bevor es zu spät war.
    By the Way, die Geschichte ist mir durch Songs Baumstory wieder eingefallen und hat mich erst losgelassen, als ich sie zu Papier gebracht hatte…

  • Eine Bekannte von mir wurde auch vor einiger Zeit von ihrem Mann verlassen. Sie hat jetzt 15 Kilo abgenommen und sieht super aus. So geht halt jeder anders damit um.