Menschenskinder
„Hoffentlich hat der Junge sich nicht zu viele Umstände gemacht!“ Alan klang ganz besorgt. Ich schaute ihn einen Augenblick verdutzt an. Er schien sich wirklich Gedanken darüber zu machen, den Knaben mit unserem Besuch zu überfordern.
„Na hör mal“, versuchte ich ihn zu beruhigen. „Sebastian hat ein ziemlich dickes Fell und seine Freundin ist auch noch da. Zusammen werden sie es wohl schaffen, uns einen Kaffee zu kochen! Mehr erwarten wir ja schließlich nicht.“
Unser Sohn hatte sich jüngst eine Eigentumswohnung gekauft. Die Einweihungsfete bestritt er, sehr zu unserer Erleichterung, mit seinen gleichaltrigen Freunden und Bekannten. Uns „ältere Leute“ hatte er zum Sonntagskaffee eingeladen, damit wir die jetzt möblierte Wohnung in Augenschein nehmen konnten.
„Eigentlich hast du Recht, schließlich habe ich bei der Renovierung und beim Umzug genug geholfen! Da kann der junge Mann uns wirklich auch mal etwas Gutes tun.“ Mit diesen Worten parkte mein Liebster den Wagen. „Wenigstens habe ich einen Parkplatz ganz in der Nähe gefunden. Schließlich muss ich das schwere Ding da tragen“, grummelte er beim Aussteigen.
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Mein Brummbär liebte unsere Kinder aus ganzem Herzen, musste aber ständig an ihnen herummeckern.
Immer noch vor sich hin grummelnd packte er sich unser Geschenk für die neue Wohnung, einen in der Tat nicht gerade leichtgewichtigen Tischkamin.
„Herzlich willkommen, schön das ihr da seid“, Sebastian grinste über beide Pausbacken.
Sein Vater musterte ihn prüfend. „Junge, ich glaube du bist schon wieder dicker geworden! Nimm mir mal das schwere Ding hier ab.“ Er drückte Sebastian das Paket mit dem Geschenk in die Hand.
„Danke, das ist wohl für uns, was?“ stellte der folgerichtig fest. „Bevor ihr weiter geht, zieht doch bitte die Schuhe aus, sonst ist hier wieder alles nass!“
„BITTE!“ Ich konnte sehen, wie meinem Liebsten die Zornesader schwoll und legte ihn begütigend die Hand auf den Arm. Ich konnte ihn gut verstehen, denn auch ich erinnerte mich an den kleinen Sebastian, der oft völlig verdreckt nach Hause gekommen war. Dem der Sand sogar aus der Unterhose rieselte. Auch der heranwachsende Knabe, der sein Zimmer bis zur Oberkannte vollmüllte war mir nur zu vertraut. Hier war ein erstaunlicher Sinneswandel vor sich gegangen.
Ich zog mir demonstrativ die Schuhe aus. Wenigstens hatte ich kein Loch im Socken. Alan tat es mir grummelnd nach. Inzwischen war auch Sebastians Freundin aufgetaucht und begrüßte uns wie immer mit einem blitzeblanken Zahnpastalächeln.
„Das tut mir aber jetzt leid! Wir haben gar keinen Kaffee im Haus. So etwas trinken wir nämlich gar nicht.“ Selbst bei dieser Auskunft grinste Clara breit über das ganze Gesicht.
„Aber wir haben Milch und eine große Auswahl von Tee“, fügte Sebastian hinzu. Jetzt war ich erst einmal sprachlos, denn Alan und ich verbscheuten Tee aus ganzem Herzen. Das sollte unser Sohn eigentlich wissen.
„Zeig mal her, was kannst du denn für Teesorten anbieten?“ sagte ich schnell, denn es brodelte offensichtlich wieder in Alan.
„Hm, lecker, ich nehme Apfeltee“, das schien jetzt sogar unseren Knaben zu irritieren, jedenfalls guckte er einen Moment ziemlich verdutzt. „..und dein Vater trinkt Milch“, fügte ich sicherheitshalber hinzu.
Wenigstens stand auf der Anrichte ein Kuchenpaket. Das würde meinen Gatten wieder beruhigen. Sebastian schien meine Blicke bemerkt zu haben, denn er packte den Kuchen aus und stellte das Tablett auf den Tisch.
„Ich bin extra zum Bäcker gelaufen!“ fügte er hinzu.
„O, wirklich! Und du hast echt vier Stücke Kuchen gekauft! Das ist toll, wo wir ja auch vier Personen sind!“
Ironie prallte von jeher an diesem jungen Mann ab. „Ja und der war wirklich sauteuer!“ antwortete er mit ernster Miene. „Aber ich habe auch noch Lebkuchen. Der ist auch ziemlich teuer, aber ich habe ihn als Werbegeschenk bekommen…“
Alan hatte es aufgegeben und nahm sich ein Stück Apfelkuchen, das er mit mir teilte. Wir wussten aus Erfahrung, dass Sebastian über einen gesunden Appetit verfügte. So auch in diesem Fall, denn er verschlang in Windeseile zwei Stücke Kuchen. Naja, er hatte ihn ja auch selber gekauft und er war „sauteuer“ gewesen…
Nach dieser Aktion seufzte unser Filius befriedigt auf. Seine Freundin sagte nichts, lächelte aber freundlich.
„So, wo wir jetzt alle so schön satt sind, wollt ihr doch bestimmt unsere letzten Urlaubsfotos sehen, nicht wahr?“ Sebastian schaute uns auffordernd an. „Wir können sie uns auf dem großen Fernseher anschauen, das habe ich extra für euren Besuch heute so eingestellt.“
„Ja, gerne“, ein paar Bilder vom letzten Urlaub, warum nicht.
„Hätte ich das gewusst, dann hätten wir auch ein paar Fotos mitgebracht!“fügte Alan hinzu.
„Ach weißt du Papa, das wäre wohl nicht gegangen, denn es sind ungefähr 800 Urlaubsfotos. Ich habe sie zu einer Diashow zusammen gestellt! Und übrigens hat Clara auch in zwei Stunden ihren Origamikurs hier, aber dann seid ihr ja sowieso schon wieder weg!“
Als wir später wieder auf der Autobahn waren holte ich tief Luft. Alan schien erstaunlich ruhig, ich hatte eigentlich eine Schimpfkanonade von ihm erwartet. Stattdessen schaute er mich kurz von der Seite an. „Wann ist das eigentlich passiert?“
Ich lächelte sanft, denn ich wusste genau, was er meinte. Das war nicht mehr der kleine Sebastian, dem wir immerzu die Rotznase abgeputzt hatten. Der mit Papa Fußball gespielt und die Eisenbahn aufgebaut hatte. Dem ich so oft wie möglich sein Leibgericht gekocht hatte.
Irgendwann entgleiten die Kinder einem, werden erwachsen und eigenständig. Sind gar nicht mehr so, wie wir es gerne hätten.
….
Aber das ist ganz in Ordnung so, denn vielleicht sind wir ja auch nicht so, wie sie es gerne hätten…

Songline
5. Aug 2010
Puh. Also wenn das ein “Danke, dass ihr uns beim Renovieren und Umziehen geholfen habt – Kaffee” war, dann weiß der Filius wohl das elterliche Engagement nicht genügend zu würdigen.
Angie Pfeiffer
5. Aug 2010
So isser…
ach weißt du,das ist schon in Ordung. Mann muss nicht alles bierernst nehmen und vielleicht nerven wir unsere Kinder auch oft…