Unschuldiger Tod
Du scheinst zu lächeln, stupst dein Opfer fast zärtlich an. Scheinst ihm noch eine Chance geben zu wollen.
Doch du weißt, dass er dir nicht entkommen wird. Jeder Befreiungsversuch steigert die Spannung, macht es für dich um so interessanter. Du spielst, testest deine Grenzen aus – und die deines Opfers.
Jetzt schüttelt er sich, mobilisiert die letzen Kräfte, hoffnungsvoll. Vielleicht gelingt es und er entkommt dir. Unwillkürlich duckt er sich, sucht den richtigen Moment, den Augenblick in dem deine Aufmerksamkeit nachlässt, den Augenblick in dem er dem Tod entrinnen kann.
Du bist auf der Hut, lässt ihm nur scheinbar Luft und Raum. Weißt doch mit tödlicher Sicherheit, dass er dein ist. Wartest auf den richtigen Moment, den Augenblick, in dem seine Aufmerksamkeit nachlässt, den Augenblick, in dem du ihm den Todesstoß versetzen wirst.
Stolz legst du den toten Vogel vor mir ab und schaust mich erwartungsvoll an. Ich schaudere, kann kaum fassen was ich sehe. Ein Rotkehlchen, eben habe ich seinen spöttischen Gesang noch gehört, jetzt liegt der kleine Kerl tot zu meinen Füssen. Zornig blicke ich dir in die Augen, doch du schaust so unschuldig drein.
Wieder schaudert es mich, denn für einen Augenblick ist mir ein Gedanke gekommen:
„Was würde passieren, wenn ich kleiner wäre als du?“

Songline
22. Jan 2011
Uuh, das kenne ich. Ich hab auch so eine Vogelmörderin zuhause. Die blutrünstige Geschichte mit der Taube erzähle ich jetzt lieber nicht.
Angie Pfeiffer
23. Jan 2011
Und dabei schauen sie so unglaublich unschuldig drein, nicht wahr. Schenken uns großzügig ihre Beute und erwarten ein dickes Lob. Schlimm, dass der Vogel noch lebte und in meinen Händen verendet ist. Ich hätte der Katze verstoßen können, aber sie schaut sooo lieb…
Mumpitz
24. Jan 2011
Das muss man sich wohl immer wieder mal bewusst machen. Auch der Jäger, der ein Reh schießt, legt seine Beute stolz aus, fotografiert sie noch und streichelt mit lieben Augen seine Kinder. Ich habe neulich bei einem Arzt mal in Jägerzeitschriften geblätter, da graust es einem noch mehr als bei der Katzenbeute.
Sehr eindringlich erzählt, Angie.
Angie Pfeiffer
24. Jan 2011
Ja, ich habe mal einen Jäger kennen gelernt, der in allen Einzelheiten erzählt hat, wie er die Beute “aufbricht”. Boh, ich hätte auch gern gebrochen, auf ihn. War eine Beziehung ohne Zukunft!