40 Wochen
Vierzig Wochen habe ich auf dich gewartet! Dich sehnlichst erwartet! Dir ein Zuhause geschaffen und mich auf dich eingestellt! Jetzt endlich meldest du dich an. Du hast dich etwas verspätet, ich hätte eigentlich früher mit dir gerechnet. Doch du hast dir Zeit gelassen, konntest dich nicht trennen. Wolltest in der warmen Höhle bleiben, die dir vertraut war und Sicherheit versprach. Doch letztendlich wirst du das Wagnis eingehen, willst nun mit aller Macht das Licht der Welt erblicken.
„Atmen“, die Hebamme streicht mir über den Bauch und ich atme gehorsam tief ein. Konzentriere mich darauf, damit ich die Schmerzen irgendwie ertragen kann. Nicht überrollt werde, denn alle Geburtsvorbereitungen haben mich nicht gegen dieses Urgefühlt wappnen können, das ich vergleichbar noch nie erlebt habe. Panik steigt in mir auf; werde ich das durchstehen?
Wieder überrollt mich eine Wehe, wieder atme ich, blende alles aus, bin allein mit mir – allein mit dir, der endlich die Schwärze und Enge hinter sich lassen will.
„Pressen, los, gleich hast du es geschafft“, ich gleite für einen Moment in die Wirklichkeit zurück, fühle den unglaublichen Schmerz mit aller Wucht.
Fühle mich trotzdem unwirklich. „Das kann mir nicht passieren, das erlebe nicht ich!“ Doch ich bin schnell in meiner Wirklichkeit zurück, fühle dein Drängen, du bist so ungeduldig, willst endlich ins Licht. Ich kann gar nicht anders, presse dich aus mir heraus.
Unglaublich – wir haben es geschafft! Du liegst auf meinem Bauch, ringst nach Luft. Doch du wirst mit jedem Atemzug sicherer, atmest nach einer Weile regelmäßig und fühlst dich ganz nah bei mir wohl. Und ich? Oh – ich lebe, erlebe, bin so sehr glücklich, wie ich es noch nie im Leben war, vielleicht nie wieder sein werde. Alle Schmerzen, all die Pein ist vergessen, denn ich habe Leben schenken dürfen.
Nun lass uns das Wagnis Leben gemeinsam meistern, lass mach dich begleiten so lange du mich brauchst. Irgendwann werde ich loslassen müssen, doch bis dahin möchte ich dich behüten und gut auf dich aufpassen, mein Freund.

enja
8. Sep 2011
Ich bin gerührt. Du hast dieses unfassbare Wunder der Geburt sehr intensiv und gefühlvoll beschrieben. Und scheint es so, als sei nun das Gröbste überstanden, so fängt das Wagnis Leben doch jetzt erst richtig an.
Mumpitz
8. Sep 2011
Oh, was mir da plötzlich alles wieder einfällt! Jede Geburt ist anders, jede so unfassbar spannend und eigentlich unbeschreiblich – aber dein Versuch ist geglückt!
Angie Pfeiffer
13. Sep 2011
Danke, meine Lieben. Anja, du hast so recht – mein ältestes Kind ist 30, aber trotzdem mein Kleiner.
Mumpitz – das von einem Mann freut mich besonders!