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	<title>Herzflüstern &#187; Kurz erzählt</title>
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		<title>Am Kamin (mit Audio)</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 16:05:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>

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		<description><![CDATA[Bedacht entzündete sie das Feuer, wartete, bis es sicher brannte, und schloss die Glastür des Kamins, ohne den Blick abzuwenden. Ihr Atem ging ruhig.
Sie dachte an das Bild des Kreises und an den Zürgelbaum, der Zuversicht sprach.
„Dummes Herz“, flüsterte sie, „dummes Herz.“
„Und doch malst du mich Flamme“, antwortete es.
„Flamme und mehr“, sprach sie und atmete [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bedacht entzündete sie das Feuer, wartete, bis es sicher brannte, und schloss die Glastür des Kamins, ohne den Blick abzuwenden. Ihr Atem ging ruhig.<br />
Sie dachte an das Bild des Kreises und an den Zürgelbaum, der Zuversicht sprach.</p>
<p>„Dummes Herz“, flüsterte sie, „dummes Herz.“<br />
„Und doch malst du mich Flamme“, antwortete es.<br />
„Flamme und mehr“, sprach sie und atmete durch.</p>
<p>Im Fluss ihrer Gedanken brannte das Feuer nieder. Sie legte Holz nach und summte seinem Prasseln eine Melodie von Stille. </p>
<p><a href="http://netzkritzler.de/herzfluestern/files/2012/02/Am-Kamin-Songline1.mp3" >Am Kamin Songline</a></p>
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		<title>Stein auf Stein</title>
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		<pubDate>Fri, 03 Feb 2012 06:58:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>

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		<description><![CDATA[Das monotone Geräusch des Zuges hatte sie einnicken lassen. Erst kurz vor dem Ziel wachte sie wieder auf, hörte die Durchsage und ging Richtung Ausstieg. Als der Zug im Bahnhof zum Stehen kam, war sie die erste, die ihn verließ. 
 Zu viele Menschen im Bahnhof, zu laut, zu geschäftig. Sie bahnte sich ihren Weg [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das monotone Geräusch des Zuges hatte sie einnicken lassen. Erst kurz vor dem Ziel wachte sie wieder auf, hörte die Durchsage und ging Richtung Ausstieg. Als der Zug im Bahnhof zum Stehen kam, war sie die erste, die ihn verließ. </p>
<p> Zu viele Menschen im Bahnhof, zu laut, zu geschäftig. Sie bahnte sich ihren Weg zum Taxistand und ließ sich zu ihrem Ziel bringen.<br />
„Hey“, begrüßte sie einen alten Freund. Sie spürte das Geschenk für ihn in der Tasche.<br />
„Hey“, antwortete er und schüttelte den Kopf. „Nicht das“, bat er, „behalt es.“<br />
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Lieber einen Kieselstein?“<br />
Er nickte. Sie ging ein paar Schritte und fand einen Stein mit schöner Maserung.<br />
„Weil Du nicht vergessen bist“, sagte sie und legte ihm den Kiesel auf den Grabstein. </p>
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		<title>Im Nirgendwo</title>
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		<pubDate>Sat, 21 Jan 2012 18:09:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>

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		<description><![CDATA[Sie stand an der Landstraße mitten im Nirgendwo. Jeans, ein T-Shirt, die Haare offen im Wind. Er hielt an. „Wohin?“, fragte er. „Wohin du willst.“ Er nickte, sie stieg ein. Ein paar Meilen weiter bat sie ihn, anzuhalten. „Komm“, sagte sie und führte ihn zu einem nahe gelegenen See.  „Schsch“, flüsterte sie, „die Seeadler [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sie stand an der Landstraße mitten im Nirgendwo. Jeans, ein T-Shirt, die Haare offen im Wind. Er hielt an. „Wohin?“, fragte er. „Wohin du willst.“ Er nickte, sie stieg ein. Ein paar Meilen weiter bat sie ihn, anzuhalten. „Komm“, sagte sie und führte ihn zu einem nahe gelegenen See.  „Schsch“, flüsterte sie, „die Seeadler brüten.“ „Aber hier gibt es doch gar keine …“ „Schsch …“ Sie starrten auf den See hinaus und sie folgte mit den Augen einem Vogel, der nur ihrer war. Zurück am Wagen verabschiedete sie sich. „Farewell, my friend“, sagte sie und stand wieder mitten im Nirgendwo.</p>
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		<title>Brennendes</title>
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		<pubDate>Sat, 14 Jan 2012 18:29:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>
		<category><![CDATA[Tag für Tag]]></category>
		<category><![CDATA[Schmerz]]></category>

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		<description><![CDATA[Brand gegen Brand. Wein gegen Herz. Irgendwas hilft immer. Und wenn nichts mehr hilft, ist es das. Schmalzwort Herzschmerz. Runter damit. Das Gefühl gleich hinterher. Noch drei, dann ist alles weg. Ich auch.
Lege mich ins Betäuben. Egal, wie die Lichter des auf mich zurasenden Autos. Was soll’s. Und sie steht da und sagt: „Aber ich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Brand gegen Brand. Wein gegen Herz. Irgendwas hilft immer. Und wenn nichts mehr hilft, ist es das. Schmalzwort Herzschmerz. Runter damit. Das Gefühl gleich hinterher. Noch drei, dann ist alles weg. Ich auch.<br />
Lege mich ins Betäuben. Egal, wie die Lichter des auf mich zurasenden Autos. Was soll’s. Und sie steht da und sagt: „Aber ich brauch dich“ und ich denke: „Aber er nicht. Er nicht.“ Noch ein Schluck.<br />
Egal sollte man großschreiben. Dann braucht es nicht mal das Kack-Wort davor.<br />
EGAL.<br />
E G A L.<br />
Alles egal.<br />
Nur er nicht.<br />
Nur er nicht.</p>
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		<title>Flüsterwind</title>
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		<pubDate>Sat, 14 Jan 2012 18:28:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>

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		<description><![CDATA[Clare schlief unruhig. Gedankenfetzen rissen sie aus dem Schlaf, Worte tanzten vor ihren Augen, bis sie sie in eine Dose zwang und den Deckel schloss. Leer wollte sie sein, nicht mehr über den Streit nachdenken, der zwischen ihnen lag. Ihre Hand strich über sein Kopfkissen. „Ich wünschte, du wärest hier“, flüsterte sie, küsste ihre Fingerspitzen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Clare schlief unruhig. Gedankenfetzen rissen sie aus dem Schlaf, Worte tanzten vor ihren Augen, bis sie sie in eine Dose zwang und den Deckel schloss. Leer wollte sie sein, nicht mehr über den Streit nachdenken, der zwischen ihnen lag. Ihre Hand strich über sein Kopfkissen. „Ich wünschte, du wärest hier“, flüsterte sie, küsste ihre Fingerspitzen und gab mit der Hand diese Zärtlichkeit für ihn auf die Reise, wie sie es immer tat, bevor sie einschlief.  Ihr Atem ging nun ruhiger, tiefer.</p>
<p>Im Traum lächelte sie.  Sie sah eine Pflanze hoch oben im Gebirge im Spalt eines Felsens wachsen. Dort sammelten sich Erde und Wasser, die Vorsprünge des Felsens schützen sie vor Sturm und Orkan, so dass die Pflanze wuchs und  aufblühte. „Du bist mir Halt und Schutz“, sagte sie zum Felsen, und: „Ich fühle mich wohl mit dir.“  „Ich bin niemand, mit dem man sich wohl fühlen kann“, antwortete dieser. „Und doch tue ich es“, widersprach sie ihm. Dem Fels blieb die Entwicklung der Pflanze nicht verborgen. Er sah, wie sie wuchs, er spürte, wie ihre Wurzeln an ihm Halt fanden, und heimlich erfreute er sich an ihren Blüten. Sie war da. Sie war einfach da. Und sie sah ihn anders, als die Felsen um ihn herum ihn bisher gesehen hatten.<br />
<span id="more-878"></span><br />
Eines Nachts, während die Pflanze ihre Blüten geschlossen hatte, trug der Wind ein Flüstern zum Felsen. „Ich kenne schönere Pflanzen als sie“, raunte er. „Sieh nur ihr struppiges Grün, die winzigen Blüten, sie gaukelt dir Schönheit vor und besitzt sie doch nicht.“ „Sie hat ihre eigene Schönheit“, widersprach der Fels. Doch der Wind kam Nacht für Nacht zurück.  So verlor der Fels mit der Zeit die Freude an der Pflanze. „Ich kann Orkan werden und sie fortreißen“,  lockte ihn der Wind. Als der Fels nicht sofort widersprach, kam Sturm auf und zerrte mit aller Macht an den Wurzeln der Pflanze.</p>
<p>„NEIN!“ Clare schrak auf. Kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn.  Sie wusste, die Pflanze würde ohne den Felsen verdorren, wenn der Sturm sie jetzt losriss. Clare wagte es nicht, ihre Augen wieder zu schließen. „Nicht“, flüsterte sie, „nicht.“ Wieder strich sie über sein Kissen. „Bitte lege den Wind“, bat sie, „bitte lege den Wind. Lass Fels und Pflanze nicht ohne einander sein.“</p>
<p>Sie dachte an den Streit mit ihm. Und doch küsste sie ihre Fingerspitzen und gab mit der Hand diese Zärtlichkeit für ihn auf die Reise, wie sie es immer tat, bevor sie einschlief.  </p>
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		<title>Der weise König</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jan 2012 20:23:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>
		<category><![CDATA[Märchen]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Reich des Zauberers, gerade an der Grenze zum Irgendwo, lag das kleine Königreich Lamar. Dichter Wald bedeckte die sanften Hügel und verbarg die kleinen Dörfer in seinem Schatten. Nur die Burg des Königs ragte weit über das Land. Die Bewohner nährten sich redlich von Ackerbau und Viehzucht. Ein jeder gab dem König einen Zehnten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Reich des Zauberers, gerade an der Grenze zum Irgendwo, lag das kleine Königreich Lamar. Dichter Wald bedeckte die sanften Hügel und verbarg die kleinen Dörfer in seinem Schatten. Nur die Burg des Königs ragte weit über das Land. Die Bewohner nährten sich redlich von Ackerbau und Viehzucht. Ein jeder gab dem König einen Zehnten seines Ertrages und wer den Zehnten brachte, diente am Hof für einen Mond. So kannte der König alle seine Untertanen und sie ihren Herrn. </p>
<p>Eines Tages erschien auf der Burg eine junge Frau, die ein Kalb brachte. Wer immer sie sah, bewunderte ihre Schönheit, und als sie vor den König trat und ihre Aufgabe erbat, war er von ihrem Liebreiz so entzückt, dass er sie einlud, an seiner Seite Platz zu nehmen und Königin zu sein. Die junge Frau erschrak. „Herr“, sprach sie, „ich bin geehrt durch Eure Bitte, aber ich versorge meine Geschwister, unsere Mutter starb. Bitte lasst mich zum nächsten Mond heimkehren oder sie zu mir nehmen.“<br />
<span id="more-871"></span><br />
Der König aber wollte weder die Frau gehen lassen, noch sich um fremde Kinder kümmern. „Ich schicke den Kindern die Frau, die mir Amme war, sie wird sie gut versorgen“, sprach er. Und so geschah es. Die Tage gingen dahin. Die junge Frau war von dem König angetan, doch die Sehnsucht nach ihren Geschwistern zehrte an ihr. Auch das Hofleben behagte ihr nicht. Hatte sie früher ihren Hausstand selbst geführt, lag nun jede Planung und Entscheidung in der Hand des Königs. Und so schien der nächste Mond auf ihre Tränen. </p>
<p>Als der König das sah, fragte er nach dem Grund für ihre Traurigkeit. „Herr“, sagte sie da, „ich war frei wie ein Vogel und bestimmte meinen Weg. Ich nahm die Liebe meines Herzens und gab sie meinen Geschwistern. Nun haltet Ihr mich in einem goldenen Käfig und die Liebe für meine Geschwister versickert tränenreich auf Eurem Grund. Für den Preis unserer Liebe soll ich sie lassen und so bin ich erblühende und verwelkende Rose zugleich.“ Da wurde der König nachdenklich. „Sag mir, was möchtest du tun?“, fragte er.</p>
<p>„Lasst mich bei Euch sein, wie Ihr es wünscht“, sagte die junge Frau, „denn ich möchte Euch nicht missen. Doch gebt mir in jedem Mond sieben Tage, an denen ich zu meinen Geschwistern gehe, bis sie erwachsen sind. Danach will ich gänzlich bei Euch sein.“ „So muss ich dich mit ihnen teilen?“, grummelte der König. „Nein“, sagte die junge Frau. „nicht mich, nur meine Zeit. Mich habt ihr ganz für Euch.“ „Aber deine Liebe …“, begann der König. „Meine Liebe für Euch ist eine andere als die für meine Geschwister. Sie gehört Euch allein“, antwortete sie. </p>
<p>Der König dachte nach. Er könnte die junge Frau an den Hof binden, doch aus ihrem Liebreiz würde Traurigkeit, wenn er es tat. „Gut“, sagte er dann. „Du wirst zwischen deiner Welt und unserer reisen, und mich in Gedanken stets bei dir tragen. Mein schnellstes Pferd gebe ich dir, damit die Zeit nicht zwischen hier und dort vertan wird. Und wenn deine Geschwister erwachsen sind, kehrst du für immer zu mir zurück.“ Da lächelte die junge Frau und dankte dem König für seine Weisheit. </p>
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		<title>Filibart, die Weihnachtskugel &#8211; Der einzige Zeuge</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Dec 2011 22:43:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>
		<category><![CDATA[Krimi]]></category>
		<category><![CDATA[Mord]]></category>
		<category><![CDATA[Weihnachten]]></category>

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		<description><![CDATA[Helga Günthersen hatte lange überlegt, wie sie sich ihres Gatten Günther entledigen konnte. Seit seiner Pensionierung ging ihr der alte Sack unglaublich auf die Nerven. Hatte sie früher jede Stunde genossen, in der er auf der Arbeit war, püngelte er nun ständig um sie herum. Verzweifelt hatte sie versucht, ihn für ein Hobby zu begeistern, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Helga Günthersen hatte lange überlegt, wie sie sich ihres Gatten Günther entledigen konnte. Seit seiner Pensionierung ging ihr der alte Sack unglaublich auf die Nerven. Hatte sie früher jede Stunde genossen, in der er auf der Arbeit war, püngelte er nun ständig um sie herum. Verzweifelt hatte sie versucht, ihn für ein Hobby zu begeistern, mit dem er wenigstens stundenweise außerhäusig beschäftigt war, aber Günther Günthersen liebte nur Zeitschriften und Bücher. Er las die Tageszeitung auf dem Klo und diverse Wochenzeitschriften immer gerade in dem Raum, in dem sie ihren hausfraulichen Pflichten nachkam. Abends im Bett schlug er ein Buch auf, über dem er dann einschlief und sie mit seinem Schnarchen um ihre Nachtruhe brachte.<br />
Gut ein Jahr hielt sie das nun schon aus. Oder auch nicht, denn inzwischen war sie abhängig von Johanniskraut, mit dem sie ihre Nerven zu beruhigen suchte. Es gab nur eine Lösung – Günther musste weg.<br />
<span id="more-858"></span><br />
Am Vorabend des ersten Advents bastelte Helga ein Weihnachtsgesteck aus Tannenzweigen, Zapfen und roten Perlen. Früher hatten sie einen Weihnachtsbaum gehabt, aber seit ihr Sohn Oswald aus dem Haus war, begnügten sie sich mit diesem bescheidenen Schmuck. Helga setzte eine große rote Kerze in die Mitte des Grüns und postierte schließlich Filibart die Weihnachtskugel etwas davon entfernt. Filibart sah aus wie ein Weihnachtsmann. Mit seinen goldenen Verzierungen und einem breiten Grinsen zauberte er tatsächlich ein Lächeln in Helgas Gesicht.  Als Günther am nächsten Tag seine morgendliche Sitzung auf der Toilette hielt, weihte Helga Filibart in ihre Pläne ein.<br />
„Fili“, flüsterte sie einschmeichelnd, „würdest du Günther vermissen, wenn er plötzlich nicht mehr da wäre?“<br />
Filibart grinste. Dass er keinerlei Erschrecken zeigte, nahm Helga als sicheres Zeichen, dass ihm die Abwesenheit von Günther nichts ausmachen würde.<br />
„Erinnerst du dich daran, wie deine Brüder gestorben sind?“, fragte Helga.<br />
Filibart kippte vornüber und vergrub sein Gesicht im Tannengrün. Es war ein rabenschwarzer Tag gewesen, als Günther vor 5 Jahren beim letzten Abschmücken eines Weihnachtsbaumes die Packung mit den 6 Weihnachtsmannweihnachtskugeln fallengelassen hatte und alle bis auf Filibart in Scherben zersprangen. Helga richtete Fili wieder auf.<br />
„Wir werden deine Brüder rächen!“, sagte sie mit sicherer Stimme.<br />
Filibart grinste.<br />
„Ich weiß nur noch nicht, wie. Erschießen vielleicht?“<br />
Filibart kippte vornüber.<br />
„Ja, du hast Recht, ich wüsste nicht, woher ich eine Waffe bekommen soll. Erstechen?“<br />
Filibart stand nicht wieder auf.<br />
„Stimmt, Erstechen ist eine unglaubliche Sauerei, dieses ganze Blut in meinem frisch geputzten Wohnzimmer! Nein, das geht nicht. Vergiften?“ Helga richtete Filibart auf, er grinste und fiel nicht wieder um. „Also gut, abgemacht, Günther wird vergiftet!“<br />
Verschwörerisch sahen sich Helga und Filibart tief in die Augen, als Günther den Raum betrat und sich mit seiner Zeitschrift auf das Sofa setzte. Helga meinte, auf dem Titelblatt „Auto, Motor und Mord“ gelesen zu haben, und nahm dies als Zeichen, dass ihre Entscheidung absolut richtig sei.</p>
<p>Während Günther in der Nacht neben ihr schnarchte, dachte Helga über das richtige Gift nach. Frostschutzmittel wäre einfach zu besorgen, aber sollte sie ihren biologisch ernährten Günther zuletzt noch chemisch verunreinigen? Nein, so sehr sie sich über ihn ärgerte, das hatte er nicht verdient. Keine Chemie, keine Medikamente. Irgendwas Natürliches musste es sein, das einfach zu besorgen und absolut sicher war. Helga dachte an die roten Perlen im Weihnachtsgesteckt und hatte eine Idee …</p>
<p>Am Heiligabend trug Helga eine weiße Bluse mit roten Streifen und dazu eine Halskette aus leuchtend roten Früchten mit schwarzen Köpfen. Die fiel selbst Günther auf.<br />
„Hast du eine neue Kette?“ fragte er sie.<br />
„Ja, das ist Bio-Schmuck“, antwortete Helga, „der wird aus Samen gemacht.“<br />
Filibart grinste.<br />
Günther packte eine Krawatte aus und Helga einen Tortenheber. Dann servierte Helga Kartoffelsalat mit Würstchen, wobei sie peinlich genau darauf achtete, wer welchen Teller bekam.<br />
Als in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages Günthers Schnarchen erstarb, stand Helga auf und ging zu Fili.<br />
„Er hat es hinter sich“, flüsterte sie.<br />
Und Filibart grinste.   </p>
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		<item>
		<title>Der Tag des Drachen II</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Dec 2011 11:47:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>
		<category><![CDATA[Drachen]]></category>
		<category><![CDATA[Fantasy]]></category>

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		<description><![CDATA[Long Wei hielt inne und blickte in die gespannten Gesichter der Schüler. Der Moment der Stille wurde durch den jüngsten von ihnen unterbrochen: „Erzähl weiter“, bat er. Long Wei atmete tief ein und setzte die Erzählung fort:
„Inzwischen war es Tag geworden, doch die vereinten Wasser ließen keinen Blick aus der Höhle zu. Im dichten Nebel [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Long Wei hielt inne und blickte in die gespannten Gesichter der Schüler. Der Moment der Stille wurde durch den jüngsten von ihnen unterbrochen: „Erzähl weiter“, bat er. Long Wei atmete tief ein und setzte die Erzählung fort:</p>
<p>„Inzwischen war es Tag geworden, doch die vereinten Wasser ließen keinen Blick aus der Höhle zu. Im dichten Nebel war es noch immer zu gefährlich, den Heimweg anzutreten. So betete der Junge, dass es ein Drache sei, der nun bald zum Vorschein kommen musste. Es klopfte schon seit einiger Zeit nicht mehr und das Brechen der Schale hatte den Jungen auffahren lassen, bevor er sich erschrocken wieder zusammenkauerte. Die Finsternis der Höhle verbarg, was auch immer dort war: Freund oder Feind. Plötzlich spürte der Junge einen starken Luftzug aus der Höhle. Ein Rauschen war es, wie wenn ein großer Vogel aufstieg, dann kam der Schrei. Triumphierend, laut, Leben. Der Junge hielt sich die Ohren vor Schmerz. Er hörte das Wesen nicht auf sich zukommen und erschrak umso heftiger, als es vor ihm stand und ihn anblickte. Es war ein Drache. Und er war weiß.“<br />
<span id="more-846"></span><br />
Erneut unterbrach Long Wei seine Erzählung. Die jüngeren Schüler hielten es kaum aus. „Weiter, weiter“, baten sie. Doch Long Wei schwieg ebenso wie der alte Lehrer Chén Liang. Sie schlossen die Augen und atmeten immer langsamer ein und aus, bis ihr Atem zum Stillstand gekommen schien. „Was tun sie da?“, fragte einer der Schüler. „Schsch“, ermahnte ihn ein älterer. So schwiegen sie alle und versanken in Meditation, wie man sie gelehrt hatte.</p>
<p>Nach einer Weile erhob sich Long Wei und begab sich zum Mittelpunkt des Hofes. Die Schüler konnten ihn durch den Nebel hindurch kaum erkennen. Aufrecht stand er, als ein Wesen ungeahnter Größe neben ihn niederfuhr. Weiß verschwamm es mit den Schwaden, nur die jadegrünen Augen stachen aus dem Dunst hervor. Gebannt starrten die Schüler auf den Hof, wo Long Wei Zwiesprache mit dem Drachen hielt.</p>
<p>Ein Rauschen nahm die Zeit, den Nebel, die Wahrheit. Long Wei saß inmitten der Schüler und räusperte sich. Die Schüler sahen sich an. War da nicht eben  …? Oder hatten sie nur geträumt? Keiner wagte zu fragen. Long Wei setzte die Erzählung fort, als sei nichts geschehen. </p>
<p>„Der weiße Drache sah den Jungen in der Höhle lange und eindringlich an. Das Funkeln seiner jadegrünen Augen übertrug sich auf die des Jungen. Nun waren sie einander auf ewig verbunden. ‚Dein Name sei Long Wei, starker Drache, und meiner sei es von nun an auch‘, sprach der Junge, bevor der Drache sich mit einem Rauschen erhob und die Zeit, den Nebel und die Wahrheit mit sich nahm.“</p>
<p>„Du bist der Junge!“, flüsterte der jüngste Schüler. „Wenn du nicht daran zweifelst, ist es so“, antwortete Long  Wei.<br />
„Es ist nur eine Geschichte, wir haben geträumt“, sagte ein anderer. „Glaube nicht alles, was du siehst“, lächelte Long Wei.<br />
„Wo ist der Drache jetzt hin?“, wollte ein dritter wissen. „Habt ihr von den Fischen gehört, die sich aus dem Wasser erheben und durch die Lüfte segeln, als seien es Vögel?“, fragte Long Wei. „Natürlich!“, antworteten die Schüler.<br />
„Aus den schönsten Fischen des Meeres wählt jeder Jadedrache an seinem Tag sechs aus und trägt sie in die Lüfte. Den stärksten dreien haucht er seinen Atem ein und ihre Flossen werden wie Flügel, sie zu tragen. Die drei anderen kehren zurück ins Meer, wie sie es verlassen haben.“<br />
„Mein Vater sah Schwärme von fliegenden Fischen, so viele Jadedrachen kann es gar nicht geben, wenn alle fliegenden Fische ihre Flügel von ihnen bekamen“, widersprach ein Schüler.<br />
„Kann es doch!“, sprang der jüngste Schüler auf und wendete sich an Long Wei: „Nicht wahr?“<br />
„Manches Geheimnis“, antwortete dieser, „muss jeder für sich selbst ergründen.“</p>
<p>Hilfesuchend blickte der Schüler den Meister an.<br />
Doch Chén Liang sagte kein weiteres Wort.</p>
<div id="attachment_847" class="wp-caption aligncenter" style="width: 221px"><a href="http://netzkritzler.de/herzfluestern/files/2011/12/Drache-mit-Fischen-500-201112.jpg" ><img src="http://netzkritzler.de/herzfluestern/files/2011/12/Drache-mit-Fischen-500-201112-211x300.jpg" alt="" title="Drache mit Fischen 500 201112" width="211" height="300" class="size-medium wp-image-847" /></a><p class="wp-caption-text">(Ich danke meiner Tochter für ihr Bild, das mir Inspiration war)</p></div>
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		<title>Der Tag des Drachen I</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Dec 2011 11:02:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>
		<category><![CDATA[Drachen]]></category>
		<category><![CDATA[Fantasy]]></category>

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		<description><![CDATA[Der alte Lehrer Chén Liang hatte seine Schüler um sich versammelt. Es war schon später Nachmittag und noch immer zog der Morgennebel gespenstisch durch die Mauern des Klosters. Die heiße Feuchtigkeit nahm den Schülern den Atem. „Heute ist der Tag des Drachen“, sagte Chén Liang. Einige der Schüler nickten wissend, die jüngeren unter ihnen blickten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der alte Lehrer Chén Liang hatte seine Schüler um sich versammelt. Es war schon später Nachmittag und noch immer zog der Morgennebel gespenstisch durch die Mauern des Klosters. Die heiße Feuchtigkeit nahm den Schülern den Atem. „Heute ist der Tag des Drachen“, sagte Chén Liang. Einige der Schüler nickten wissend, die jüngeren unter ihnen blickten erstaunt oder verängstigt auf ihren Lehrer.</p>
<p>Chén Liang gab Long Wei ein Zeichen und so begann dieser zu erzählen:<br />
„Vor langer Zeit geriet ein Bauernjunge aus den Bergen jenseits des großen Flusses in einen fürchterlichen Sturm und suchte Schutz in einer Höhle. Der Wind drückte sich in den Fels, Donnerkrachen hallte zwischen den Bergen und der Junge konnte kaum etwas erkennen, wenn nicht ein Blitz die Höhle für einen Moment erhellte. Er fürchtete sich sehr und verkroch sich in einer Nische. Die Stunden vergingen, es wurde Nacht und der Junge müde. Er klaubte sich Moos für ein Lager zusammen und zog sich noch weiter in die Höhle zurück. Auf einem geschliffenen Felsbrocken fand er Ruhe und schlief erschöpft ein.<br />
<span id="more-841"></span><br />
Draußen war es noch dunkel, als der Junge ein leises Klopfen vernahm.  Zunächst wähnte er jemanden neben sich, der versuchte, ein Feuer zu entfachen, doch dann spürte er das leichte Vibrieren des Felsens. Erschrocken fuhr er hoch. Das Klopfen wurde lauter, schneller, hörte dann auf, doch nur um erneut zu beginnen. Mit dem Einschlag des nächsten Blitzes erkannte der Junge, dass der vermeintliche Fels ein Ei war. Gefangen von Angst verharrte er einige Minuten, dann  strich er vorsichtig um das Ei herum. Aus dessen Innerem war noch immer das Klopfen zu hören, doch die Schale hielt fest. Es musste ein riesiges Tier sein, das sich hier den Weg ins Leben erkämpfte. </p>
<p>Der Junge wusste nicht recht, was er tun sollte. Draußen tobte der Sturm und das Wasser der Berge sammelte sich bereits und riss alles mit sich. Er würde sein Leben verlieren, wenn er sich hinaus wagte. Doch was erwartete ihn hier? ‚Krrk.‘ Ohne sehen zu können, was vor sich ging, wusste der Junge, dass das Ei durchstoßen war. Bald würde das Loch größer und größer werden, dann die Schale springen und schließlich … Er mochte es sich lieber nicht vorstellen und versteckte sich in der Nische am Höhleneingang. Gebannt starrte er von dort aus in die Finsternis. Beinahe wünschte er sich, der Sturm möge noch schlimmer toben und mehr Blitze schleudern, damit er besser sehen könne. Doch mit einem Mal war es draußen vor der Höhle still. Aus der feuchten Erde stieg Nebel auf  und vereinigte sich mit den tief hängenden Wolken. ‚Wenn die Wasser des Himmels und der Erde sich vereinen, wird ein Jadedrache geboren‘, hatte sein Vater ihm erzählt, und der Junge hatte tausendmal die Frage gestellt, wie denn das Wasser der Erde zum Himmel steigen könne. Nun sah er es. </p>
<p>Schlüpfte vielleicht aus dem Ei in der Höhle ein Drache? Falls es so war, musste er sich nicht fürchten. Die Legenden erzählten, dass das erste Leben, das ein Jadedrache erblickte, von ihm beschützt wurde ein Leben lang. Und wenn es ein weißer Drache wäre, dann sogar durch die Ewigkeit des Seins. ‚Aber weiß‘, hatte sein Vater gesagt, ‚ist nur einer unter tausend‘.“</p>
<p>***</p>
<p><a href="http://netzkritzler.de/herzfluestern/2011/12/der-tag-des-drachen-ii/" >Fortsetzung</a></p>
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		<title>Die Sanduhr</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Dec 2011 12:21:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Sterben]]></category>

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		<description><![CDATA[Als Mayla erwachte, wusste sie nicht, wo sie war. Das Sonnenlicht schimmerte spärlich durch das Blätterdach und sie fand sich auf Moos gebettet. Kein Laut drang an ihr Ohr bis auf das Flüstern des Windes. Sie sah sich um. So weit sie blicken konnte, war der Waldboden mit Moospolstern bedeckt und die Bäume standen dicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Mayla erwachte, wusste sie nicht, wo sie war. Das Sonnenlicht schimmerte spärlich durch das Blätterdach und sie fand sich auf Moos gebettet. Kein Laut drang an ihr Ohr bis auf das Flüstern des Windes. Sie sah sich um. So weit sie blicken konnte, war der Waldboden mit Moospolstern bedeckt und die Bäume standen dicht an dicht. Dies musste der Zauberwald sein, von dem man sich erzählte und den doch niemand je betreten hatte.</p>
<p>Ein paar Schritte von ihr entfernt wand sich ein Pfad. Mayla stand auf und folgte ihm dorthin, wo es heller zu werden schien. Der Wald lichtete sich und nun säumten auch Farne und Blumen den Weg. Nach einiger Zeit führte der Pfad steil bergab. Mayla setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, damit sie nicht über Felsen und Wurzeln stolperte. Als sie das Rauschen eines Baches wahrnahm, beeilte sie sich, dorthin zu kommen und ihren Durst zu stillen.</p>
<p>Das Wasser war klar und kühl. Mayla ließ es durch ihre Hände fließen. ‚Du läufst mir davon wie mein Leben‘, dachte sie. Eine Weile noch betrachtete sie das Wasser, wie es zu ihr hin und von ihr weg floss. Dann kletterte sie, wie sie es als Kind schon geliebt hatte, entgegen der Strömung über die Felsbrocken, die im Wasser lagen. ‚Im Spiel steht die Zeit still‘, stellte sie fest, als sie innehielt.<br />
<span id="more-835"></span><br />
Das Rauschen des Baches war lauter geworden und als Mayla nach oben schaute, erblickte sie einen Wasserfall. ‚Ist es möglich …?‘, fragte sie sich. Sie musste es herausfinden. So schnell sie konnte setzte sie ihren Weg fort, bis sie am Fuß des Wasserfalls angekommen war. „Hinter dem Strom liegt die Zeit“, erzählten die Leute, wenn sie vom Zauberwald sprachen und dem geheimnisvollen Bach, der vom Himmel stürzte. ‚Hinter dem Strom …‘ Mayla ging ganz nah an den Wasserfall heran und griff vorsichtig durch ihn hindurch. Ihre Hand ging ins Leere und so wagte Mayla den Schritt hinter das Wasser. Erstaunt blickte sie in einen Gang, an dessen Ende ein Licht schimmerte. </p>
<p>Sollte sie…? Die Frage stellte sich nicht. Ihres Tuns sicher durchquerte Mayla den Gang und gelangte in eine riesige Höhle, deren Wände voller Nischen waren. In der Mitte der Höhle saß ein bärtiger Mann an einem schweren Tisch. Eine Kerze erleuchtete notdürftig seinen Arbeitsplatz. Als er Mayla erblickte, rückte er sein Glas zurecht, machte einen Haken in eine Liste und erhob sich. „Ah, Mayla, sei willkommen. Ich habe dich schon erwartet.“ „Du bist Jorek?“, fragte sie. „Ja, natürlich bin ich Jorek, das weiß doch jedes Kind!“, lachte er.</p>
<p>Mayla wunderte sich, dass ihr alles so selbstverständlich erschien. Sie hatte die Geschichte vom Zauberwald immer für ein Märchen gehalten, doch nun war sie mittendrin und alles war echt. Doch … Wenn es echt war, bedeutete es, dass sie … Vielleicht träumte sie ja doch, ganz bestimmt, sie hatte doch eben erst … da konnte sie doch nicht …</p>
<p>„Mayla?“, fragte Jorek. „Ich kann nicht tot sein, ich habe eben erst …“, stammelte sie. „Niemand ist tot, Mayla, auch du nicht“, antwortete Jorek, „Komm“. Aufmunternd hielt er ihr seine Hand entgegen. Mayla suchte Halt und ergriff sie. Von nun an wusste sie nicht, was auf sie zukommen würde. Die Leute erzählten vom Zauberwald und vom Bach, der vom Himmel fiel, und von Jorek und der Zeit und den Uhren, aber mehr erzählten sie nicht. Die Uhren! Jetzt erst nahm Mayla die Sanduhren wahr, die in den Nischen der Höhle standen. Unzählige waren es, große und kleine, uralte und neuere, und der Sand aus aller Herren Länder rieselte durch sie hindurch.</p>
<p>Jorek geleitete Mayla an die hintere Höhlenwand. Dort stieg er auf eine Leiter, entnahm der oberen Nische eine Sanduhr und übergab sie ihr. Der Sand befand sich vollständig im unteren Kolben. „Sie rieselt nicht mehr!“, stellte Mayla fest. „Ja“, sagte Jorek. „Also bin ich tot?“ Mayla blickte ihn verzweifelt an. „Nein“, stellte Jorek fest, du bist nicht tot, du bist nur nicht mehr in deinem alten Leben.“ Mayla spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. „Sei unbesorgt. Schau, der obere Kolben ist leer, das ist das Leben, aus dem du gegangen bist. Aber du bist nicht tot, siehst du, du bist wie der Sand, der nun im unteren Kolben verweilt. Sobald du die Uhr umdrehst, gehst du in ein neues Leben und so wiederholt es sich immer für alle Zeit.“</p>
<p>Mayla dachte nach und schwieg. „Wenn ich die Uhr umdrehe, werde ich neu geboren?“, fragte sie dann. „Ja“, antwortete Jorek, „du drehst die Uhr und gibst sie dabei in meine Hand. Ich stelle sie an deinen Platz in die Nische.“ „Immer für alle Zeit?“, fragte Mayla. „Immer für alle Zeit“, antwortete Jorek. </p>
<p>Mayla atmete durch. Es war gut so. Und so nahm sie die Uhr, drehte sie in Joreks Hand und mit dem Rieseln des ersten Sandkorns war sie aus der Höhle verschwunden. </p>
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