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	<title>Herzflüstern &#187; Liebe</title>
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		<title>Die Insel im See</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Sep 2011 21:21:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein märchenhafter Mehrteiler, hier in Gänze präsentiert, vielleicht druckt ihr es aus und genießt es in Ruhe.
Der See
Im Reich des Zauberers lebte ein Mann, der sein Leben lang anderen zu Diensten war. Als Kind musste er Frondienste leisten, später wurde er als Krieger in jede Schlacht gerufen, die es zu kämpfen galt, dann erkannte man [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein märchenhafter Mehrteiler, hier in Gänze präsentiert, vielleicht druckt ihr es aus und genießt es in Ruhe.</p>
<p><strong>Der See</strong></p>
<p>Im Reich des Zauberers lebte ein Mann, der sein Leben lang anderen zu Diensten war. Als Kind musste er Frondienste leisten, später wurde er als Krieger in jede Schlacht gerufen, die es zu kämpfen galt, dann erkannte man seine Klugheit und wählte ihn zum Oberhaupt. Als solches musste er für das Wohl der Sippe sorgen, Recht sprechen und den Frieden wahren. Es verging kein Tag, an dem nicht irgendetwas zu erledigen war.<br />
&#8220;Ich bin müde&#8221;, dachte der Mann immer öfter, doch er kam nicht zur Ruhe.</p>
<p>Eines Tages war er wieder einmal unterwegs und rastete an Rande eines kleinen Waldstückes. Er sog den Geruch der Bäume ein, lauschte den Vögeln und genoss diesen Augenblick, bis ihm seine heutige Aufgabe wieder in den Sinn kam. Er sollte einen Streit schlichten und würde sich das Gezeter beider Parteien anhören müssen. Allein der Gedanke daran erregte seinen Missmut.</p>
<p>Plötzlich sah der Mann in einiger Entfernung eine Frau auf das Waldstück zugehen. Sie trug ein Kleid und eine befleckte Schürze, ihr Gang war aufrecht und ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Vor einem Holunderbusch blieb sie stehen, bog dessen Zweige auseinander und schlüpfte durch die entstandene Lücke in den Wald.<br />
<span id="more-735"></span></p>
<p>Offenbar hatte sie den Mann nicht bemerkt, der sofort seine Rast beendete und der Frau folgte. Hinter dem Strauch wandt sich ein schmaler Pfad in den Wald hinein. Bald war die Spur kaum noch zu erkennen. Dornengestrüpp zerrte an des Mannes feiner Kleidung und doch setzte er seinen Weg fort, bis er plötzlich vor einem See stand. Erstaunt hielt er inne. Der Wald hatte den See so unvermittelt freigegeben, dass die gleißende Sonne, die sich darin spiegelte, nun die Augen des Mannes blendete. So erkannte er nur schemenhaft, dass die Frau all ihre Kleidung am Ufer des Sees abgelegt hatte und auf eine Insel zu schwamm, die sich in dessen Mitte befand. Schon nach kurzer Zeit kam sie dort an, stiegt aus dem Wasser und verschwand hinter den Felsen, die das Ufer der Insel säumten.</p>
<p><strong>Der Zauber</strong></p>
<p>Der Mann zögerte nicht lange, legte seinerseits alle Kleidung ab und schwamm auf die Insel zu. Doch je länger er schwamm, desto weiter entfernt schien sie ihm, während das Ufer noch nah war. Es ging wohl nicht mit rechten Dingen zu: Die Frau hatte die Insel binnen kurzer Zeit erreicht, während ihm nun mit jedem Zug die Kräfte schwanden. Als die Sonne bereits hinter den Bäumen versank, gab der Mann sein Vorhaben auf und kehrte zum Ufer zurück, wo er erschöpft liegen blieb. </p>
<p>&#8220;Ihr habt die Insel gefunden, doch Ihr werdet sie nicht erreichen&#8221;, hörte er plötzlich die Frau neben sich sagen. er musste eingeschlafen sein. Sie war zurückgekehrt und wieder bekleidet.<br />
&#8220;Warum gelangt Ihr dorthin, wenn ich es nicht kann?&#8221;, fragte er.<br />
&#8220;Diese Insel erreicht Ihr nur dann, wenn Ihr Euch von allen äußeren Zwängen befreit.&#8221;<br />
&#8220;Aber ich habe mich befreit, ich vernachlässigte meine heutigen Pflichten, legte mit der Kleidung meinen Stand ab sowie die Erwartungen, die alle an mich haben, und folgte Euch.&#8221;<br />
&#8220;Was hat Macht über Euch, außer Eure Pflichten?&#8221;, fragte sie.<br />
Der Mann schwieg.<br />
&#8220;Legt alle äußeren Zwänge ab und Ihr werdet die Insel erreichen.&#8221;<br />
&#8220;Der Preis ist hoch&#8221;, erwiderte er, &#8220;was wird die Belohnung sein?&#8221;<br />
&#8220;Was Ihr auf der Insel findet, kann Euch niemand sagen. Die Legenden erzählen, Ihr findet die Freiheit dort, aber die Suche danach beginnt erst, wenn Ihr die Insel betreten habt. Noch schwieriger, als die äußeren Zwänge abzulegen, ist es, die inneren zu besiegen.&#8221;<br />
&#8220;Habt Ihr die Freiheit gefunden?&#8221;<br />
&#8220;Nun, ich erreiche die Insel, sie ist mir Zuflucht und Burg. Ich finde Ruhe, bin niemandes Magd noch Herrin, bis ich die Insel wieder verlasse und zurückkehre in die Welt.&#8221;<br />
&#8220;So ist die Insel nicht Teil Eurer Welt?&#8221;, fragte er.<br />
&#8220;Die Insel ist eine Welt für sich, geschaffen, um eine solche zu sein.&#8221;<br />
&#8220;Eine eigene Welt?&#8221;, fragte er nach.<br />
&#8220;Eine Welt, in der sich Menschen aus verschiedenen Welten nah sein können, die sich sonst niemals begegnet wären.&#8221;<br />
&#8220;Wie Ihr und ich?&#8221;<br />
Sie errötete. &#8220;Vor langer Zeit&#8221;, erzählte sie, &#8220;legte ich einen Zauber um diesen Wald, auf dass ihn nur betreten könne, wen mein Herz nicht sucht, sondern findet. Und ich legte einen Zauber in den See, auf dass ihn nur durchqueren könne, wer genügend Freiheit besitzt, mir meine zu lassen. Und ich legte einen Zauber um mein Herz &#8230;&#8221; Sie stockte.<br />
&#8220;Um Euer Herz&#8230;?&#8221;, wiederholte er, damit sie ihren Satz fortsetzte, doch sie lächelte nur, lief in den Wald und verschwand, während er noch zu verstehen versuchte, was sie gerade gesagt hatte.</p>
<p><strong>Das Herz</strong></p>
<p>Als der Mann die Burg erreichte, von der aus er seine Sippe regierte, empfingen ihn seine Freunde, die sich in den vielen Schlachten an seiner Seite bewährt hatten. &#8220;Da bist du ja endlich, komm trink mit uns!&#8221;<br />
Der große Festsaal war erleuchtet, auf den Tischen war reichlich aufgetragen und die Gesellschaft aus Frauen und Männern lachte und sang. Der Mann, der diese Ausgelassenheit am Ende eines Tages sonst allzu gern genoss, verabschiedete sich mit einem &#8220;Heute nicht&#8221; in seine Gemächer.</p>
<p>&#8220;Die Insel ist eine Welt für sich&#8221;, erinnerte er sich an die Worte der Frau. Keine Erwartungen. Keine Sippe, keine Streithälse, niemand, der unterhalten werden wollte. Oder doch? Vielleicht wollte sie unterhalten werden, wie alle Frauen Unterhaltung suchten. Andererseits hatte sie so zufrieden ausgesehen, ausgeglichen, nicht so, als ob sie jemanden bräuchte, der ihr die Zeit vertrieb.<br />
&#8220;Ich finde Ruhe&#8221;, hatte sie geantwortet auf die Frage, ob sie die Freiheit gefunden habe. Ruhe und Freiheit waren nicht dasselbe. Sie war seiner Frage ausgewichen, wie sie auch die Frage nach dem dritten Zauber nicht beantwortet hatte. Und nicht ihren Stand verraten. &#8220;Bin nicht Magd, noch Herrin&#8221;, hatte sie gesagt. Diese Frau hatte mehr Geheimnisse hinterlassen als jede vor ihr.</p>
<p>Am nächsten Tag begab sich der Mann etwas früher zum See, um die Ankunft der Frau nicht zu verpassen. Tatsächlich erreicht sie kurz nach ihm die Stelle, von der aus sie tags zuvor zur Insel geschwommen war.<br />
&#8220;Beantwortet Ihr mir eine Frage?&#8221;, bat er sie.<br />
&#8220;So stellt sie&#8221;, gab sie zur Antwort.<br />
&#8220;Habt Ihr die Freiheit gefunden?&#8221;<br />
&#8220;Ich fand die äußere Freiheit und finde die innere mit dem Mann, der den dritten Zauber löst.&#8221;<br />
&#8220;Welches ist der dritte Zauber?&#8221;<br />
Sie lächelte. &#8220;Ihr habt mich um eine Antwort gebeten und erwartet nun eine zweite?&#8221;<br />
&#8220;Ist der vierte Zauber, dass ich Euch jeden Tag nur eine Frage stellen darf?&#8221;, neckte er sie.<br />
Nun lachte sie. &#8220;Nein&#8221;, antwortete sie, &#8220;es gibt keinen vierten Zauber, aber ich darf Euch den dritten nicht sagen, bevor Ihr den zweiten nicht gelöst habt.&#8221;<br />
&#8220;Oh, und was ist mit dem ersten? Ihr sagtet, dass den Wald nur betreten kann, wen Euer Herz nicht sucht, sondern findet.&#8221;<br />
Die Frau errötete und schwieg kurz. Dann sagte sie: &#8220;Mein Herz hat niemanden gesucht, aber als ich Euch sah, hat es Eures erkannt.&#8221;<br />
&#8220;Mein Herz?&#8221;, fragte er erstaunt.<br />
&#8220;Ja.&#8221; Ihre Stimme klang fest und sicher.<br />
&#8220;Niemand hat je nach meinem Herzen gefragt.&#8221;<br />
&#8220;Der erste Zauber ist gelöst, Ihr habt den Wald betreten, das ist Beweis genug, dass Ihr eines habt&#8221;, beharrte sie.<br />
&#8220;Ihr seid ein seltsames Wesen&#8221;, antwortete er und fragte dann: &#8220;Werdet Ihr heute zur Insel schwimmen?&#8221;<br />
&#8220;Werdet Ihr mich begleiten?&#8221;<br />
&#8220;Eines Tages, wenn ich alle Zwänge überwunden habe.&#8221;<br />
&#8220;Ich vertraue auf Eure Stärke&#8221;, antwortete sie, legte ihre Kleidung ab und schwamm zur Insel hinüber.</p>
<p>Als der Mann am Abend heimkehrte, blieb er wieder dem Gelage fern. Und diesmal rührte er auch den Krug des besten Weinbrandes nicht an, den ihm sein Diener mehrmals am Tag aufs Zimmer brachte.</p>
<p><strong><br />
Kein Wein, kein Weib, kein Gesang</strong></p>
<p>Der Mann erwachte zitternd, Schweiß stand ihm auf der Stirn. Sein Körper gierte nach dem Inhalt des Kruges, sein Verstand wog das Für und Wider ab, schließlich packte ihn die Wut und er zerschmetterte den Krug an der Wand. Der Weinbrand spritzte über das Mauerwerk und rann zu Boden.<br />
Der Diener kam gerannt, um nach dem Rechten zu sehen, zog sich aber angesichts seines laut fluchenden Herrn rasch zurück. &#8220;Dieses verdammte Weib!&#8221;, hörte er ihn brüllen, &#8220;dieses verdammte &#8230;&#8221;<br />
Zwei seiner Freunde stürzten herbei, doch auch sie wagten es nicht, das Zimmer zu betreten, nachdem ihnen schon durch den Türspalt ein &#8220;Lasst mich in Ruhe&#8221; entgegenschallte.<br />
&#8220;Meine Stärke, meine Stärke &#8230; nichts hat Macht über mich, nichts!&#8221;, schrie es von innen, dann war es still.<br />
Die Freunde wagten einen weiteren Blick. Der Mann lag auf dem Boden inmitten der Scherben des Kruges und schlief. Sie beschlossen, es dabei zu belassen.</p>
<p>So ging es viele Tage. Der Mann blieb auf seinem Zimmer und wollte niemanden sehen. Das Essen, das man ihm brachte, rührte er kaum an und jeden Krug Weinbrand zerschlug er an der Wand, wobei er brüllte: &#8220;Nichts hat Macht über mich, nichts!&#8221; Nach zwei Wochen ließ er sich ein Bad richten und erschien bald darauf prächtig gekleidet im Festsaal. &#8220;Feiert das heute Fest mir zu Ehren. Ab morgen nehme ich mein Tagwerk wieder auf.&#8221;<br />
&#8220;Trink mit uns, wenn wir Dir zu Ehren feiern&#8221;, riefen seine Freunde, &#8220;vergiss die Pflichten wenigstens am Abend.&#8221;<br />
&#8220;Der Weinbrand war die fordernste Pflicht, die ich hatte&#8221;, antwortete der Mann und beeilte sich, in den Wald zu kommen.</p>
<p><strong><br />
Freiheit, die sie nicht meinte</strong></p>
<p>Am See wartete die Frau bereits auf ihn. &#8220;Werdet Ihr mich heute begleiten?&#8221;, fragte sie.<br />
&#8220;Heute ja&#8221;, antwortete er.<br />
Beide legten ihre Kleidung ab und erreichten nach kurzer Zeit die Insel.<br />
Kaum hatte er sie betreten, spürte der Mann die Ruhe, von der die Frau ihm erzählt hatte. Dies hier war wirklich eine eigene Welt. Er war sich seiner Welt noch bewusst, aber er wusste, dass nichts und niemand von dort ihn hier finden konnte. Er legte sich ins Gras, ließ die einzelnen Wolken über sich hinweg ziehen, nahm den Geruch war und die Stille, die nur durch den vereinzelten Gesang eines Vogels unterbrochen wurde. Es kam ihm vor, als wäre er ganz allein in dieser Welt, allein, aber nicht einsam, weil er es sich so erwählt hatte. Plötzlich fiel ihm die Frau wieder ein. Sie saß nur ein paar Mater von ihm entfernt auf einem Felsen und lächelte ihn an.<br />
Wollte sie, dass er sich mit ihr unterhielt?<br />
Er wurde lieber weiter die Ruhe genießen und nicht wieder eines anderen Menschen Erwartungen erfüllen. Sie nickte lächelnd, als habe sie seine Gedanken gelesen, erhob sich und spazierte ganz in sich am Ufer der Insel entlang.</p>
<p>Der Mann atmete durch. Keine Erwartungen. Nicht einmal von ihr. Er konnte hier tun und lassen, was immer er wollte. Wenn das die Freiheit war, von der sie gesprochen hatte, dann war sie wahrhaft großartig.</p>
<p>Plötzlich hatte der Mann das Gefühl, seine Freude mit jemandem teilen zu müssen. Er wollte der Frau nachrufen, doch er kannte nicht einmal ihren Namen, so folgte er ihr schnellen Schrittes.<br />
&#8220;Ich danke Euch sehr&#8221;, sagte er, &#8220;hier finde ich wahrlich die Freiheit, die es in meiner Welt nicht geben kann.&#8221;<br />
&#8220;Ihr werdet kommen und gehen, wie es Euch beliebt, ebenso wie ich&#8221;, antwortete sie. Dabei blickte sie ihm so ernst in die Augen, als erwartete sie, dass er ihre Freiheit einschränken wolle.<br />
&#8220;Was ist der dritte Zauber?&#8221;, fragte er daraufhin.<br />
&#8220;Ich legte einen Zauber um mein Herz, auf dass mich nur gewinnen könne, wer frei von Angst mir meine nimmt.&#8221;<br />
&#8220;Aber ich habe doch Euer Herz schon mit dem ersten Zauber &#8230;&#8221;, setzte er zu einer weiteren Frage an, doch da war sie schon ins Wasser gesprungen und schwamm zum Wald zurück.</p>
<p><strong>Erwartungen</strong></p>
<p>Der Mann kam nun auf die Insel, wann immer er sich nach Freiheit sehnte. Dann legte er sich ins Gras und erneuerte seine Kräfte. Er fühlte sich wohler, wenn auch die Frau auf der Insel war, und so fragte er sie eines Tages: &#8220;Werdet Ihr morgen hier sein?&#8221;<br />
Da wurde sie wieder ernst und antwortete: &#8220;Ich werde kommen und gehen, wie es mir beliebt.&#8221;<br />
&#8220;Ich habe nicht vor, Euch Eure Freiheit zu nehmen, ich habe Euch nur gerne bei mir&#8221;, versucht er sie aufzumuntern.<br />
&#8220;Ich habe Euch auch gerne bei mir&#8221;, vertraute sie ihm an, &#8220;aber nehmen wir einander nicht die Freiheit, wenn wir nicht nur genießen, was ist, sondern erwarten, dass es morgen wieder so sein wird? Wenn ich Euch mein Kommen verspreche, wird es mir zur äußeren Pflicht und ich kann die Insel nicht erreichen.&#8221;</p>
<p>Das klang einleuchtend und doch fühlte es sich falsch an. Der Mann schüttelte den Kopf: &#8220;Bedeutet das, dass Ihr nie etwas mir zuliebe tun werdet?&#8221;<br />
Da lächelte die Frau und antwortete: &#8220;Was immer ich tue, tue ich aus freien Stücken, weil ich es will, und nicht, weil Ihr es erwartet. Was immer Ihr tut, tut Ihr aus freien Stücken, und nicht, weil ich es erwarte. Und doch können wir es einander zuliebe tun.&#8221;<br />
&#8220;Ihr habt erwartet, dass ich mich von allen Zwängen befreie&#8221;, widersprach er ihr.<br />
&#8220;Das habt Ihr nicht für mich getan, sondern um Eure Freiheit zu finden.&#8221;<br />
&#8220;Ich tat es, weil Ihr es verlangtet.&#8221;<br />
&#8220;Ihr tatet es, weil Ihr auf die Insel wolltet.&#8221;<br />
&#8220;Es war Euer Zauber, der es erforderte.&#8221;<br />
&#8220;Wir werden nicht weiter darüber streiten&#8221;, sagte sie. &#8220;Die äußere Freiheit findet man nur für sich selbst. Hättet Ihr Eure Zwänge für mich besiegt, wäre ich Euer neuer Zwang gewesen und Ihr hättet die Insel nicht erreicht.&#8221;</p>
<p>Vielleicht hatte sie Recht. Er hatte ihren Zauber verflucht, als er gegen den Weinbrand gekämpft hatte, aber im Grunde war es ein Kampf mit und für sich selbst gewesen.<br />
&#8220;Ihr habt mir noch nicht Euren Namen verraten&#8221;, lenkte er ab, &#8220;und noch nicht nach meinem gefragt.&#8221;<br />
&#8220;Wenn die Zeit gekommen ist, werden wir uns Namen geben&#8221;, antwortete sie und schwamm ans andere Ufer zurück.</p>
<p><strong>Die Angst</strong></p>
<p>&#8220;Darf ich Euch nach dem dritten Zauber fragen?&#8221;, bat der Mann die Frau, als sie wieder zusammen auf der Insel waren.<br />
&#8220;Natürlich, fragt&#8221;, antwortete sie.<br />
&#8220;Ihr sagtet, Ihr legtet einen Zauber um Euer Herz, auf dass Euch nur gewinnen könne, wer frei von Angst Euch Eure nimmt.&#8221;<br />
&#8220;Ja.&#8221;<br />
&#8220;Was ist Eure Angst?&#8221;<br />
&#8220;Die Frau senkte ihren Blick und sprach: &#8220;Zu verlieren, wen ich liebe.&#8221;</p>
<p>Der Mann dachte über ihre Worte nach und so schwiegen beide eine Weile. Dann sagte er: &#8220;Wenn Ihr liebt und den Geliebten halten wollt, unterwerft Ihr ihn dann nicht dem äußeren Zwang, der ihn davon abhält, die Insel zu erreichen?&#8221;<br />
Darauf erwiderte sie: &#8220;Ich selbst muss gehen können, damit ich bleiben will. Wer mich fesselt, wird mich verlieren und so lege ich niemandem Fesseln an.&#8221;<br />
&#8220;Aber Ihr wünscht Euch, dass der Geliebte bleibt?&#8221;<br />
&#8220;Ich fürchte den Schmerz, wenn er geht.&#8221;<br />
&#8220;Das ist dasselbe&#8221;, stellte er fest.<br />
&#8220;Den Schmerz zuzulassen bedeutet, den Geliebten nicht zu bitten, dass er bleibt, wenn er gehen will.&#8221;<br />
&#8220;Auch wenn Ihr es Euch wünscht?&#8221;<br />
&#8220;Selbst wenn sein Gehen mich zerreißt.&#8221;</p>
<p>Wieder dachte der Mann eine Weile nach, dann sagte er: &#8220;Ihr sagtet, Ihr habt mein Herz erkannt und dass Ihr Euch wohl fühlt mit mir. Sagt mir: Wer ist der Mann, den Ihr liebt?&#8221;<br />
&#8220;Ihr seid es&#8221;, flüsterte die Frau.<br />
&#8220;Und wenn ich nun sagte, dass ich für immer ginge, würdet Ihr mich bitten, zu bleiben?&#8221;<br />
&#8220;Nein, ich würde den Schmerz tragen.&#8221;<br />
&#8220;Wie lange?&#8221;<br />
&#8220;So lange er dauert.&#8221;<br />
&#8220;Wie lange würde das sein?&#8221;<br />
&#8220;So lange ich Euch liebe.&#8221;<br />
&#8220;Und wie lange liebt Ihr mich?&#8221;<br />
&#8216;Für immer&#8217;, dacht sie, doch sie schwieg.<br />
&#8220;Bis ein anderer Mann die Insel erreicht&#8221;, schlug der Mann vor. Sie nickte kaum merklich.</p>
<p><strong>So oder so</strong></p>
<p>Der Mann erkannte, dass Ihr Nicken eine Lüge war. &#8220;Ihr werdet mich nicht verlieren, versprach er und hob sanft ihren Kopf, damit er ihr in die Augen sehen konnte. &#8220;Ihr werdet mich nicht verlieren. Solange ich frei bin, zu gehen, werde ich aus eigenem Wunsch zurückkehren.&#8221;<br />
&#8220;Habt Ihr keine Angst, etwas in dieser Welt könnte Euch schmerzen?&#8221;, fragte sie.<br />
&#8220;Was sollte mich und Euch schmerzen, solange unsere Liebe uns trägt?&#8221;, antwortete er.<br />
&#8220;Sie trägt uns für immer&#8221;, lächelte sie.<br />
&#8220;So ist es&#8221;, stellte er fest.<br />
Sie besiegelten ihren Bund und lebten ihre Liebe bis ans Ende der Zeit auf der Insel im See. </p>
<p><em><br />
So was gibt es nur im Märchen? Vielleicht. Hier kommt die Pessimistenversion:</em></p>
<p>Der Mann erkannte nicht, dass Ihr Nicken eine Lüge war. &#8220;Ihr würdet einen anderen Mann nehmen?&#8221;, fragte er nach.<br />
&#8220;Wenn Ihr es nicht seid, der mir meine Angst nehmen kann&#8221;, antwortete sie.<br />
&#8220;Liebt Ihr mich?&#8221; fragte er erneut.<br />
&#8220;Ja&#8221;, sagte sie mit fester Stimme.<br />
&#8220;Was ist das für eine Liebe, wenn Ihr sie durch eine andere ersetzen wollt?&#8221;, stellte er sie in Frage.</p>
<p>Was sollte sie sagen? Die Wahrheit, dass sie niemanden nach ihm mehr lieben würde, legte ihm Fesseln an, die sie ihm nicht anlegen wollte. Er sollte sich nicht verantwortlich fühlen, wenn sie allein blieb, denn es war allein ihre Entscheidung. So wiederholte sie den dritten Zauber: &#8220;Es kann mich gewinnen, wer frei von Angst mir meine nimmt.&#8221;<br />
&#8220;Und das kann auch jeder andere sein als ich!&#8221;, schrie er, sprang ins Wasser und schwamm zum Wald zurück. Sie hielt ihn nicht auf. Es hatte keinen Sinn, seine Angst war noch größer als ihre.</p>
<p>Als der Mann abends auf der Burg eintraf, ließ er sich drei Krüge Weinbrand bringen und bald schon trank er so viel wie zuvor, bis er eines Tages vom Stuhl fiel und nicht mehr aufstand.<br />
Die Frau, die bis zu seinem Tod auf ihn gewartet hatte, kehrte danach nicht mehr zur Insel zurück.</p>
<p><em><br />
Ist Euch das zu traurig? Grämt Euch nicht: Die Frau hatte ihre Liebe gefunden, der Mann zumindest für eine Weile seine Freiheit, es hätte noch anders ausgehen können. In der dritten Version wäre die Geschichte schon nach Kapitel 3 zu Ende gewesen. Ihr erinnert Euch?&#8230;</em></p>
<p>&#8220;Werdet Ihr mich (auf die Insel) begleiten?&#8221;, hatte die Frau gefragt.<br />
&#8220;Eines Tages, wenn ich alle Zwänge überwunden habe&#8221;, hatte der Mann geantwortet.<br />
&#8220;Ich vertraue auf Eure Stärke&#8221;, machte sie ihm Mut.</p>
<p>Doch jeden Abend, wenn der Mann auf die Burg zurückkehrte und seine Freunde ihn aufforderten, mit ihnen zu feiern, fiel er ein in deren Ausgelassenheit, in den Gesang, in den Reiz der willigen Frauen. Der Weinbrand ließ ihn seine Pflichten vergessen und seine Müdigkeit, er benebelte, was war und was sein könnte, und so kehrte der Mann bisweilen in den Wald zurück und malte der Frau und sich Wortbilder in den buntesten Farben, doch die Insel erreichten sie nie.</p>
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		<title>Wenn die Liebe &#8230;</title>
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		<pubDate>Tue, 21 Jun 2011 14:56:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedichtet]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn die Liebe
ein „trotz“ ist,
dann liebe ich dich
trotz allem.
Wenn die Liebe
ein „weil“ ist,
dann liebe ich dich,
weil ich dich liebe.
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn die Liebe<br />
ein „trotz“ ist,<br />
dann liebe ich dich<br />
trotz allem.</p>
<p>Wenn die Liebe<br />
ein „weil“ ist,<br />
dann liebe ich dich,<br />
weil ich dich liebe.</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Das Schicksal, der Zufall und das Buch des Lebens</title>
		<link>http://netzkritzler.de/herzfluestern/2011/06/das-schicksal-der-zufall-und-das-buch-des-lebens/</link>
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		<pubDate>Tue, 07 Jun 2011 21:33:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Kampf]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Tod]]></category>

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		<description><![CDATA[Shuhei führte seinen schwarzen Hengst an den See, dessen Wasser die ersten Sonnenstrahlen spiegelte. Er kniete neben ihm nieder und so stillten beide ihren Durst. Der Hochnebel hing noch in den Bergen, die Luft war morgenkühl und feucht. Einen halben Tagesritt würde es dauern, bis sie die Stadt erreichten.
Der Ruf Shuheis eilte ihm voraus. Er [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Shuhei führte seinen schwarzen Hengst an den See, dessen Wasser die ersten Sonnenstrahlen spiegelte. Er kniete neben ihm nieder und so stillten beide ihren Durst. Der Hochnebel hing noch in den Bergen, die Luft war morgenkühl und feucht. Einen halben Tagesritt würde es dauern, bis sie die Stadt erreichten.</p>
<p>Der Ruf Shuheis eilte ihm voraus. Er war der bekannteste Krieger des Reiches, keinem Fürsten treu, nur der Gerechtigkeit ergeben. Wer auch immer von ihm sprach, flüsterte ehrfürchtig seinen Namen. </p>
<p>Aufrecht ritt er in die Stadt ein. Sein Pferd schnaubte und tänzelte, und die Nachricht von der Ankunft des Kriegers breitete sich wie ein Lauffeuer aus. Shuhei brachte den Rappen in einen Stall, in dem er ihn gut aufgehoben wusste. Dann aß er und besorgte sich ein Zimmer für die Nacht.<br />
<span id="more-709"></span><br />
Die Soldaten des Kaisers ergriffen ihn ihm Morgengrauen. Sie überraschten ihn im Schlaf und noch ehe er Schwert und Bogen bei der Hand hatte, war er gefesselt in ihrer Gewalt. „Der Kaiser führt Krieg gegen die Nomaden im Norden“, sagte der Kommandant. „Du sollst an unserer Seite sein.“<br />
„Ich kämpfe für niemandes Macht und Land, nur um meiner selbst und der Gerechtigkeit Willen“, antwortete Shuhei.<br />
„Wir werden dich auf das Schlachtfeld führen. Dort kannst du um dein Leben kämpfen“, lachten die Soldaten des Kaisers.<br />
Drei Tage lang ritten sie nach Norden. </p>
<p>In der ersten Nacht hatte Shuhei einen Traum. Er sah sich, als Jüngling noch, im Gefecht mit einem Meister, der stärker war als er. Unter unzähligen Stichen brach er zusammen und der Meister wähnte ihn tot und ließ von ihm ab. Shuhei jedoch überlebte und reiste, kaum dass er gesundet war, zum Stein des Schicksals. „Ich danke dir, dass du mich überleben ließest“, sprach er zu ihm und brachte ein Opfer dar. Doch das Schicksal antwortete: „Dein Leben lag nicht in meiner Hand.“</p>
<p>In der zweiten Nacht träumte Shuhei von einem Fluss, in dem ihn einst Wegelagerer ertränkten, die ihn berauben wollten. Die Strömung riss ihn mit sich fort, bis er in einem Kehrwasser an Land gespült wurde. Ein kurzer Aufschlag, ein Atemzug, und er, der Totgeglaubte, lebte. Er reiste zum Strudel des Zufalls, brachte ein Opfer dar und sprach: „Ich danke dir, dass du mich überleben ließest.“ Doch der Zufall antwortete: „Dein Leben lag nicht in meiner Hand.“</p>
<p>In der dritten Nacht, der Nacht vor dem Gefecht mit den Nomaden des Nordens, träumte Shuhei von der Begegnung mit seinem Ebenbild. Ein Krieger wie er, doch mit der neuen Waffe in der Hand, deren Schuss ihn traf, dass er zu Boden ging. Der fremde Krieger ließ ihn liegen, sich der Kraft der Kugel bewusst, die zum Töten erschaffen war. Doch Shuhei überlebte auch das. Ein Arzt fand und rettete ihn. So reiste Shuhei zur Höhle des Weisen, der das Buch des Lebens hütete, und brachte ein Opfer dar. „Ich danke dir, dass du mich überleben ließest.“ „Im Buch des Lebens stand dein Tod noch nicht geschrieben“, sagte der Weise. </p>
<p>Zwei Stunden vor dem Morgengrauen brachte eine Frau den Soldaten zu essen, damit sie gestärkt in die Schlacht ziehen konnten. Auch die gefangenen Krieger, die an ihrer Seite kämpfen sollten, erhielten Wasser und Nahrung. „Ich hatte seltsame Träume“, flüsterte Shuhei der Frau zu, „ich träumte meine Tode, die ich nicht sterben konnte.“<br />
„Weißt du nicht, dass sich der Tod niemanden nimmt, der das Leben nicht kennt?“, fragte sie. Da dachte Shuhei über sein Leben nach und er erinnerte sich an Gehorsam, Disziplin und Kampf, die es bestimmt hatten. </p>
<p>Eine Stunde später, als die Soldaten sich bereits zur Schlacht rüsteten und die Gefangenen nicht bewachten, erschien die Frau erneut und löste Shuheis Fesseln. „Geh!“, sagte sie. „Und wenn du die Freiheit in deine Geschichte geschrieben hast und die Liebe und das Leben, wenn du weißt, dass der Tod nicht den Tod, sondern das Leben nimmt, dann erst komme wieder und du wirst sterben können.“</p>
<p>Mit diesen Worten wies sie Shuhei den Weg durch die Zelte zur Koppel der Pferde, wo er seinen Hengst nahm und fortritt, ohne sich noch einmal umzudrehen.</p>
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		<title>Nicht in unserer Hand</title>
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		<pubDate>Sun, 29 May 2011 11:12:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>
		<category><![CDATA[Achtung]]></category>
		<category><![CDATA[Lebensweg]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>

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		<description><![CDATA[In den Bergen jenseits des großen Flusses lebte der alte Lehrer Chén Liang.  Seine Hütte lag oberhalb des Nebeldorfes. Tag für Tag nahmen seine Schüler den beschwerlichen Aufstieg in Kauf. Chén Liang hatte den Ort mit Bedacht gewählt. Drei mal tausend Stufen galt es zu erklimmen, vor langer Zeit in den Stein geschlagen. Kraft, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In den Bergen jenseits des großen Flusses lebte der alte Lehrer Chén Liang.  Seine Hütte lag oberhalb des Nebeldorfes. Tag für Tag nahmen seine Schüler den beschwerlichen Aufstieg in Kauf. Chén Liang hatte den Ort mit Bedacht gewählt. Drei mal tausend Stufen galt es zu erklimmen, vor langer Zeit in den Stein geschlagen. Kraft, Ausdauer und Geduld schenkten sie jenen, die sie bezwangen. </p>
<p>Chén Liang lehrte seine Schüler das alte Wissen. Kampfkunst und Literatur brachte er ihnen bei, Mathematik und Medizin, und auch die Lehren der Weisen. Wann immer einer seiner Schüler einen Rat brauchte, wusste Chén Liang ihm zu helfen. Dabei sagte er nie „tue dies“ oder „tue jenes“, sondern las eine Geschichte aus den alten Büchern vor. Manchmal wurde er auch nur ganz still, schwieg eine Weile und ließ den Schüler seinen Weg durch eigene Gedanken finden.<br />
<span id="more-694"></span></p>
<p>Eines Tages kam ein junger Mann zu ihm, verbeugte sich und sprach: „Meister Chén, Ihr habt mir das alte Wissen beigebracht und die Lehren der Weisen. Dennoch kann ich meinen Weg nicht finden. Mein Vater suchte mir ein Mädchen, das ich zur Frau nehmen soll, er wählte meinen Beruf, den ich ausübe und er gebot mir, im Einklang mit Himmel und Erde das Leben zu ehren. Ich achte meinen Vater und ich achte Euch und Eure Lehre. Mein Leben ist Harmonie und ich vermisste nichts. Nun aber traf ich im Tal der Kraniche eine Frau und erkannte sie.“</p>
<p>Der junge Mann wartete auf eine Reaktion des Lehrers, doch dieser saß mit unbewegtem Gesicht auf seinem Kissen und schwieg. So fuhr er fort: „Mein Denken gilt nicht mehr meinem Weg, sondern ihrem Wohlergehen. Eure Lehren und die meines Vaters verblassen hinter meinem Gefühl für die Frau meines Herzens.“</p>
<p>Noch immer sagte der Lehrer kein Wort. Da seufzte der junge Mann und sprach: „Ihr sagtet damals, ich solle den Weg ohne Weg gehen, den Weg, der unter meinen eigenen Füßen entsteht, indem ich ihn gehe. Doch ich weiß keinen Weg mehr.“</p>
<p>Da erzählte Chén Liang eine Geschichte: „Als Liu Bao von seinem Meister schied, stand er mit offenen Händen vor ihm. Der Meister legte alles hinein, was Liu Bao in der Zeit bei ihm erworben hatte: Das alte Wissen, die Ehrfurcht vor dem Leben, die Kunst, sich zu verteidigen und die Sprachfertigkeit. Dann sagte er zu ihm: ‚Liu Bao, du hältst nun alles in der Hand, um deinen Weg zu finden. Nutze meine Gaben mit Weisheit.‘ Liu Bao verbeugte sich in Dankbarkeit und wollte schon gehen, da gab ihm der Meister die Liebe ins Herz. Er bemerkte den erstaunten Blick Liu Baos und sagte: ‚Was immer du tust, entscheidest du selbst. Doch die Liebe liegt nicht in deiner Hand.‘ Mit diesen Worten verabschiedete er ihn.“</p>
<p>Als Chén Liang seine Geschichte beendete hatte, sprang der junge Mann auf. „Heißt das, ich kann mich nicht gegen meine Gefühle für die Frau meines Herzens wehren? Heißt das, ich werde meinen Weg finden, wenn ich den wähle, der zu ihr führt?“</p>
<p>Doch Chén Liang sagte kein weiteres Wort. </p>
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		<title>Marga</title>
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		<pubDate>Sun, 15 May 2011 17:15:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bilder zaubern Worte]]></category>
		<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Rainer Maria Rilke]]></category>
		<category><![CDATA[Trennung]]></category>

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		<description><![CDATA[„Darf ich mich ein wenig zu Ihnen setzen? Wissen Sie, ich sitze immer auf dieser Bank, jeden Tag, Sommer wie Winter, egal, wie das Wetter ist. Ich sitze hier und hänge meinen Gedanken nach. Einen schönen Hund haben Sie da, ja, ich weiß, Labrador, die mag ich gern. Nein, ich habe keinen Hund, wissen Sie, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://netzkritzler.de/herzfluestern/files/2010/04/chinGarten.jpg" ><img src="http://netzkritzler.de/herzfluestern/files/2010/04/chinGarten-80x120.jpg" alt="" title="chinGarten" width="80" height="120" class="alignright size-thumbnail wp-image-248" /></a>„Darf ich mich ein wenig zu Ihnen setzen? Wissen Sie, ich sitze immer auf dieser Bank, jeden Tag, Sommer wie Winter, egal, wie das Wetter ist. Ich sitze hier und hänge meinen Gedanken nach. Einen schönen Hund haben Sie da, ja, ich weiß, Labrador, die mag ich gern. Nein, ich habe keinen Hund, wissen Sie, in meinem Alter ist mir das zu anstrengend. Bin ja nun schon über 80. Aber es geht mir gut, ja, sehr gut, man muss zufrieden sein.<br />
<span id="more-246"></span><br />
Warum ich immer wieder hierher komme? Das ist eine seltsame Geschichte und sie ist lange her. So jung waren wir damals, zu jung, meine Marga und ich. Wir kannten uns von klein auf, waren Nachbarskinder und gingen gemeinsam zur Schule. Marga mit ihren Zöpfen, so sah ich sie immer, das Mädchen mit den Zöpfen. Albern waren wir, haben viel Blödsinn zusammen gemacht und über alles gesprochen, wie Kinder so sind. Und irgendwann waren wir keine Kinder mehr, aber auch noch nicht richtig erwachsen. Wir gingen zur Konfirmation und Marga bekam ein Buch geschenkt von einem Onkel in der Schweiz, der mit Rilke befreundet war. Rainer Maria Rilke, den kennen Sie, nicht wahr? Jedenfalls war es ein Buch mit Gedichten von Rilke.<br />
„Das ist zu schwer für mich“, hat die Marga gesagt, und das Buch erst einmal in ihre Kiste gelegt.</p>
<p>Aber ein paar Jahre später holte sie es wieder hervor. Und begann, mir daraus vorzulesen. Aber wissen Sie, ich hab’s nicht verstanden. Wir waren die Kinder einfacher Leute und ich hatte mit Gedichten so gar nichts am Hut. Ich bin in der Tischlerei in die Lehre gegangen und war viel mit meinen Freunden unterwegs. 17 war ich da. Und wusste nun nicht, was die Marga mir sagen wollte mit ihrem Rilke. Heut’ sag ich, ich war richtig naiv. Eines Tages kam sie, die Marga, und schlug ihr Buch auf.<br />
„Das les ich jetzt nur für Dich“, sagte sie. Und sie las:</p>
<p>Wie soll ich meine Seele halten, dass<br />
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie<br />
hinheben über dich zu andern Dingen?<br />
Ach  gerne möchte ich sie bei irgendwas<br />
Verlorenem im Dunkel unterbringen<br />
an einer fremden stillen Stelle, die<br />
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.<br />
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich<br />
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,<br />
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.<br />
Auf welches Instrument sind wir gespannt?<br />
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?<br />
O süßes Lied.</p>
<p>Dann hat sie dagesessen, mit glänzenden Augen und roten Wangen, auf der Bank, genau da, wo Sie jetzt sitzen. Sie hatte längst keine Zöpfe mehr, aber in meinen Augen war sie immer noch das kleine Mädchen, das ich seit Kindertagen kannte. Marga, die kleine alberne Göre, die jeden Blödsinn mitmachte. „Ja, und?“, hab ich gefragt. „Das heißt, ich hab dich lieb“, hat die Marga gesagt. Ich war ganz durcheinander.  Und wusste nicht, was ich nun tun sollte. „Ich muss heim“, hab ich gesagt und bin gegangen. </p>
<p>Von da an war die Marga komisch. Aber ich konnte doch nichts dafür, hab’ ich gedacht. Wenn sie mich lieb hatte und ich sie nicht, dann konnte ich doch nichts dafür. Die Marga wollte mich dann oft nicht sehen. Und wenn wir uns gesehen haben, dann war sie traurig. Es war nicht mehr viel anzufangen mit der Marga.<br />
Irgendwann haben wir dann doch wieder hier gesessen, auf dieser Bank, und die Marga hat ihr Buch herausgenommen.<br />
„Ich fahre in die Schweiz zum Onkel. Ich kann dort bei reichen Leute eine Stellung bekommen als Kindermädchen.“<br />
Das gab mir dann doch einen Stich. Nein, ich hatte die Marga nicht lieb, da war ich mir sicher, aber ich wollte auch nicht, dass sie ging.<br />
„Schreibst Du mir?“ war das einzige, was ich sagen konnte.<br />
„Ich schenk’ Dir ein Gedicht“, sagte sie und las:</p>
<p>Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort,<br />
siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher,<br />
aber wie klein auch, noch ein letztes<br />
Gehöft von Gefühl. Erkennst du&#8217;s?<br />
Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund<br />
unter den Händen. Hier blüht wohl<br />
einiges auf; aus stummem Absturz<br />
blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.<br />
Aber der Wissende? Ach, der zu wissen begann<br />
und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens.<br />
Da geht wohl, heilen Bewußtseins,<br />
manches umher, manches gesicherte Bergtier,<br />
wechselt und weilt. Und der große geborgene Vogel<br />
kreist um den Gipfel reine Verweigerung. &#8211; Aber<br />
ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens&#8230;</p>
<p>Diesmal wollte ich nichts falsch machen. Diesmal nicht. Aber wissen Sie, ich hatte es wieder nicht verstanden. Es war irgendwie traurig, so wie die Marga. Sie wollte bestimmt aufgemuntert werden, habe ich gedacht, aber wie das so ist, man weiß nicht, was man tun soll, in so einem Moment. Ein Witz fiel mir nicht ein und er wäre auch sicher nicht passend gewesen, also hab ich gesagt:<br />
„Das ist sehr schön.“ Doch die Marga hat mich wieder nur komisch angesehen.<br />
„Ich muss heim“, sprach sie und ging.</p>
<p>Dann war sie fort, ohne Abschied. Und ich musste in den Krieg bald darauf. So manches Mal hab ich da an die Marga gedacht und ihre seltsamen Gedichte, die ich nicht verstand. Wenn sie nur bei mir wäre, die Marga, mit ihren lustigen Zöpfen. Wenn es nur wieder so wäre wie in unseren Kindertagen. Unbeschwert. Unschuldig. Ich träumte mich mit Marga auf den Schulweg, während ich im Schützengraben lag. Und oft genug sah ich sie auch hier sitzen, mit glänzenden Augen und roten Wangen und ich erinnerte mich nur an ein paar Zeilen von Rilke, die sie mir damals vorgelesen hatte:<br />
„Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,<br />
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,<br />
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.“<br />
Da erst habe ich meine Marga verstanden. Und nur noch an sie gedacht. Das war mir meine Flucht.</p>
<p>Dann war der Krieg zu Ende. Und bald darauf auch die Gefangenschaft. Ich kehrte heim, hierher, und saß so manches Mal auf dieser Bank, auf der die Marga mir Gedichte vorgetragen hatte.  Und  eines Tages sah ich sie hier sitzen, die Marga, hier auf unserer Bank. Es war kein Traum, diesmal war sie wirklich da. Saß dort und las in einem Buch. So tief versunken in ihre Gedanken, dass sie mich nicht sah. </p>
<p>„Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,<br />
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,<br />
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht“, hab ich gesagt.<br />
Die Marga hat aufgesehen und geweint. Wir beide haben geweint. Über ihren Schmerz. Über meine Sehnsucht. Über die sinnlos vergeudete Zeit.<br />
„Kannst Du mir wieder gut sein?“, fragte ich bang.<br />
„Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt?“ flüsterte sie und lächelte. Mit glänzenden Augen und roten Wangen, genau wie damals. Meine Marga.“</p>
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		<title>unterschied</title>
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		<pubDate>Tue, 10 May 2011 20:35:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Tag für Tag]]></category>
		<category><![CDATA[frau]]></category>
		<category><![CDATA[gefühl]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[mann]]></category>

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		<description><![CDATA[du zählst worte
für mich zählt gefühl
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>du zählst worte<br />
für mich zählt gefühl</p>
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		<title>Niemand sonst</title>
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		<pubDate>Sat, 07 May 2011 21:03:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>

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		<description><![CDATA[„Ich wusste, dass du so gucken würdest …“
Gedankenverloren dachte sie an seine Worte zurück. Ja, er wusste es. Wie er so vieles wusste, und sie von ihm, was sie einander anvertraut hatten. Wünsche, Sehnsüchte, Träume. Aber auch die kleinen Dinge des Alltags, Gewohnheiten, Marotten, über die sie von ferne lachen konnten, da sie sie nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Ich wusste, dass du so gucken würdest …“</p>
<p>Gedankenverloren dachte sie an seine Worte zurück. Ja, er wusste es. Wie er so vieles wusste, und sie von ihm, was sie einander anvertraut hatten. Wünsche, Sehnsüchte, Träume. Aber auch die kleinen Dinge des Alltags, Gewohnheiten, Marotten, über die sie von ferne lachen konnten, da sie sie nicht im Leben miteinander teilten. </p>
<p>Sie lebten Fluchten, jeder Moment kostbar. Höhlenfrühstück, Honigschlecken, Brombeergebüsch. Abenteuerreisen auf der Landkarte ihrer Körper. Lust – ungezügelt ausgelebt. </p>
<p>Niemand sonst so nah. Niemand sonst so vertraut. Niemand sonst, der seine Augen öffnen und sagen konnte „Ich wusste, dass du so gucken würdest …“ </p>
<p>Weil niemand sonst sie je sah. </p>
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		<title>verrannt</title>
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		<pubDate>Sat, 07 May 2011 21:03:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Tag für Tag]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>

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		<description><![CDATA[meine liebe läuft ins leere
wenn du sie nicht willst  
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			<content:encoded><![CDATA[<p>meine liebe läuft ins leere<br />
wenn du sie nicht willst  </p>
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		<title>Der Fels und die Pflanze</title>
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		<pubDate>Sun, 12 Dec 2010 09:20:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>
		<category><![CDATA[Halt]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Schutz]]></category>

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		<description><![CDATA[Hoch oben im Gebirge war ein Fels, größer als die anderen Felsen und doch einer von ihnen. Rau war es dort oben und der Fels trotze brennender Sonne  und tosendem Sturm. Eines Tages trug der Wind den Samen einer Pflanze zu ihm und der Samen fiel in eine kleine Spalte, die der Frost im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hoch oben im Gebirge war ein Fels, größer als die anderen Felsen und doch einer von ihnen. Rau war es dort oben und der Fels trotze brennender Sonne  und tosendem Sturm. Eines Tages trug der Wind den Samen einer Pflanze zu ihm und der Samen fiel in eine kleine Spalte, die der Frost im Winter in den Fels gesprengt hatte. Aus dem Samen wuchs eine Pflanze heran und der Fels, der nichts als harte Felsen kannte, wunderte sich.<br />
„Was willst du hier?“, fragte er.<br />
„Nur bei dir sein. Du bist mir Halt und Schutz“, antwortete die Pflanze.<br />
„Ich bin nichts, hau ab“, grummelte er zurück.<br />
„Du bist viel mehr als nichts. Du bist stark, in dir finden meine Wurzeln Halt und Nahrung. Du bist mir Schutz gegen alles, was mir nicht wohlgesonnen ist. Lass mich bleiben.“<br />
Der Fels wusste nicht so recht, was er tun sollte. Er war bisher gut ohne eine Pflanze ausgekommen. Andererseits: Vielleicht wäre sie ein angenehmer Zeitvertreib. So ließ er es dabei bewenden.<br />
<span id="more-502"></span><br />
Die Pflanze wuchs weiter heran und bildete die ersten Knospen. Der Fels gab ihr Leben. In seiner Spalte sammelten sich Erde und Wasser, seine Vorsprünge schützen sie vor Sturm und Orkan.<br />
„Ich fühle mich wohl mit dir“, sagte sie zum Felsen.<br />
„Ich bin niemand, mit dem man sich wohl fühlen kann“, antwortete dieser. </p>
<p>Dem Fels blieb die Entwicklung der Pflanze nicht verborgen. Er sah, wie sie wuchs, er spürte, wie ihre Wurzeln an ihm Halt fanden, und heimlich erfreute er sich an ihren Blüten. Sie war da. Sie war einfach da. Und sie sah ihn anders, als die Felsen um ihn herum ihn bisher gesehen hatten. </p>
<p>Mit der Zeit unterhielt er sich mit ihr. Die Pflanze stellte tausend Fragen. „Wer bist du? Wo kommst du her? Was ist in deinem Innersten verborgen?“ Oft genug war er unangenehm berührt und verschwieg, was er nicht sagen konnte. Aber er sprach mit ihr. Und irgendwann begannen sie, gemeinsam zu träumen. „Ich bin der Fels, du die Pflanze. Irgendwann werden wir beide Wind sein und gemeinsam reisen.“ Die Pflanze lächelte.</p>
<p>Eines Tages geschah ein großes Unglück. Minenarbeiter kamen herbei und trieben illegal einen Stollen in den Fels. Mit Hacken schlugen sie auf ihn ein,  mit Bohrern traktierten sie ihn auf der Suche nach dem Gold, das er tief in seinem Innern verborgen hielt. Als sie es nicht fanden, sprengten sie eine Höhle von unglaublicher Größe in ihn hinein. Er erzitterte,  drohte einzustürzen und immer noch ließen sie nicht von ihm ab. Der Fels aber fand Halt in der Pflanze, in den Gedanken an ihre gemeinsamen Träume.</p>
<p>Die Wucht der Sprengung schallte bis zum Hüter der Berge. Sofort machte er sich auf den Weg, um dem Treiben Einhalt zu gebieten. Er kam mit einer ganzen Armee und es gelang ihm, den Felsen zu retten. Doch wie sah der aus? Löcher klafften in seinen Flanken, tiefe Wunden in seinem Leib. Das Grauen erfasste den Hüter der Berge, der die Kraft des Felsens immer bewundert hatte. Und doch: Stand er nicht noch? Stand der Fels nicht noch trotz all dem, was man ihm angetan hatte? Der Hüter der Berge legte seine Hand auf den Fels. Ja, die Kraft war noch da. Alles würde gut.<br />
An den Felsen gelehnt entdeckte der Hüter der Berge die Pflanze und wunderte sich. War der Fels nicht bisher immer allein gewesen? Seit wann wuchs hier oben, wo sonst kein Kraut zu sehen war, eine solche Pflanze?<br />
„Ich danke dir, Hüter der Berge, dass du meinen Fels gerettet hast“, sagte die Pflanze.<br />
„DEINEN Fels?“, fragte er konsterniert.<br />
„Ja, meinen Fels“, antwortete sie. „Er ist mir Halt und Schutz, ohne ihn verdorre ich.“<br />
Der Hüter der Berge verstand es nicht. Nie zuvor gab der Fels einer Pflanze Halt und Schutz, immer war er zu abweisend, zu schroff, nie hatte er zugelassen, dass ich ein Samen bei ihm zu einer Pflanze entwickelte. Und so nahm er es einfach hin.</p>
<p>„Du warst mein Fels in dieser Zeit, ich habe nur an dich gedacht“, sagte der Fels zu der Pflanze, als der Hüter der Berge gegangen war.<br />
„Du bist mein Fels, immer noch, und ich die Pflanze, die bei dir Halt und Schutz findet“, antwortete sie.<br />
Doch das Unglück hinterließ seine Spuren. Die Frevler hatten nicht nur Steinbrocken aus dem Fels geschlagen, sondern Wunden in seine Seele. Er betäubte sich. Er machte sich hart. Er träumte nicht mehr. Er erzählte nicht mehr vom Wind, nicht mehr davon, gemeinsam zu reisen. Als die Frevler erneut zuschlugen und einen weiteren Stollen sprengten, bevor der Hüter der Berge sie festnehmen konnte, beschloss der Fels seinen Untergang.</p>
<p>„Zu wem soll ich aufschauen, ohne dich?“, fragte ihn der Hüter der Berge.<br />
„Wer wird mir Halt sein und Schutz? Du weißt, ich verdorre ohne dich“, sagte die Pflanze.<br />
„Es gibt keinen anderen Weg“, insistierte der Fels.</p>
<p>Doch. Es gab ihn, den anderen Weg. Er war gezeichnet lange vor der Frevler Tat und auch danach noch. Es war ein steiniger Weg, kein einfacher. Es war ein Weg, auf dem es Brocken zu beseitigen galt.  Aber was machte das schon? Einfach ist es eben nicht immer.</p>
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		<title>Wärest du morgen noch da</title>
		<link>http://netzkritzler.de/herzfluestern/2010/09/warest-du-morgen-noch-da/</link>
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		<pubDate>Fri, 03 Sep 2010 07:32:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Songline</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurz erzählt]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Trennung]]></category>

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		<description><![CDATA[„Hey Du.“
Sonja wendet sich um und folgt dem leisen Klang der vertrauten Stimme. Dort ist er. Ein wenig verlegen blickt er sie an, unsicher, wie sie reagieren wird. Und doch auch mit dem verschmitzten Lächeln im Gesicht, das sie so sehr an ihm liebt.
„Hey Marc.“
Sonja zögert. Was tut man in so einem Moment? Was tut [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Hey Du.“<br />
Sonja wendet sich um und folgt dem leisen Klang der vertrauten Stimme. Dort ist er. Ein wenig verlegen blickt er sie an, unsicher, wie sie reagieren wird. Und doch auch mit dem verschmitzten Lächeln im Gesicht, das sie so sehr an ihm liebt.<br />
„Hey Marc.“<br />
Sonja zögert. Was tut man in so einem Moment? Was tut man, wenn körperliche Nähe noch vor nicht allzu langer Zeit selbstverständlich war, nun aber diese Trennung im Raume steht, mauermeterhoch?  Umarmt man sich? Aber wenn er es auch wollte, sollte dann nicht er…? Sie bewegt sich nicht.</p>
<p>„Wie geht’s dir?“<br />
Sonja ging es schon mal besser. Es ist so viel passiert in letzter Zeit.  Aber sowas erzählt man nicht am Stöbertisch einer Buchhandlung. Ein „Wie geht es dir?“ richtig zu beantworten braucht Zeit und einen Kaffee. Vor allem aber das Gefühl, dass der andere auch morgen noch zuhört.<br />
<span id="more-414"></span><br />
„Gut, und selbst?“<br />
„Ich hab mir Sorgen um dich gemacht. Ich dachte, du wärest traurig.“<br />
Ja, das ist sie ohne ihn. Immer noch und immer wieder. Aber – sagt man das? Sagt man das, wenn man möchte, dass es dem anderen gut geht und er sich keine Sorgen um einen machen muss? Nein, das sagt man nicht. </p>
<p>„Nein, es ist okay. Wie geht es dir?“<br />
Marc erzählt, was er so macht, und es hört sich gut an. Ärger im Büro, aber ein neues Projekt in der Freizeit, von dem sie weiß, dass es ihm Spaß macht. Sie freut sich für ihn. </p>
<p>„Es ist schwer, ohne das, was wir hatten.“<br />
Marc spricht es aus. Ja, es ist schwer. Man hütet den Schatz der Erinnerung und weiß zugleich um das „nie wieder“.<br />
Sonja schweigt. Solange man schweigt, fällt es leichter, das Zittern der Lippen zu verbergen und die aufkommenden Tränen zu unterdrücken. </p>
<p>„Trinken wir ab und zu einen Kaffee zusammen?“  Sonja hält Marcs erwartungsvollem Blick stand und schafft ein überzeugendes „Ja, gerne.“<br />
„Okay, dann bis dann mal.“<br />
„Ja, bis dann mal. Mach’s gut.“</p>
<p>Sonja sieht Marc hinterher, während er die Buchhandlung verlässt. Und spricht nur in Gedanken aus, was sie ihm hätte sagen wollen. ‚Was erzählen wir uns dann, wenn wir ab und zu einen Kaffee trinken? Träumen wir von alten Zeiten? Zerreißt es uns, weil wir sie nicht zurückholen können? Reden wir dann übers Wetter, weil das nicht weh tut? Und gehst du dann wieder? Gehst Du wieder? Du fehlst mir unendlich. Aber vertraut mit dir reden, so wie früher, könnte ich nur, wenn ich sicher wüsste, du wärest auch morgen noch da.‘</p>
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