David und Goliath
Nebel schleicht durch die Stadt. Die vielen Gebäude, die bunten Reklamen, die Menschen, die schnell noch vor Ladenschluss in die Geschäfte hasten, das fahle Licht der eben angezündeten Laternen, jede Kontur löst sich auf und schwimmt in eintönigem Grau. Fein zerstäubter Nieselregen durchdringt alles und jeden. Die Scheinwerfer der Autos wischen wie ängstlich über die Fassaden der umliegenden Gebäude. Räder rauschen auf dem nassen Asphalt.
Es ist der letzte Novembertag in diesem Jahr. Ab morgen wird das feuchte Wetter nicht mehr akzeptiert. Denn Dezember klingt nach Weihnachten, und Weihnachten hat es zu schneien. Da muss der Frost so richtig knacken, dass die Vögel tot, erfroren, von den Bäumen fallen, ganz unbarmherzig kalt wird dieser Winter, hoffentlich, damit man sehnsüchtig und fluchend auf den Frühling warten kann.
Der junge Daniel Bertrand ist schon ein Obdachloser. Das Leben hat ihm nicht verziehen, dass er die Schule nicht beendet hat. Der Vater starb schon bald nach seines Sohnes bravourösem Abgang, mit viermal ungenügend und zwei Fünfen, als wären die schlechten Leistungen der Grund für dessen Tod gewesen. Die Mutter ging nur zur Beerdigung in Schwarz und war schon bald darauf mit einem anderen Mann verschollen, und sonst kannte Daniel niemanden, bei dem er hätte bleiben können. Gut, seine Oma, die ihn beherbergen sollte, doch die war, wie Daniel sagte, nicht so ganz sein Fall.
Und wie der Mensch nun mal so ist, er sucht sich seinesgleichen. Die Reichen feiern mit den Reichen, und die, die gar nichts haben, raufen sich zusammen.
So suchte sich auch Daniel Bertrand Menschen, die ganz genau wie er nichts wussten von der Welt und auch nichts erwarteten. Und die sogar durch die verhältnismäßig engen Maschen des sozialen Netzes geschlüpft waren.
Daniel fiel tief und landete betrunken im schmutzigen Labyrinth der grauen Mietblocks, mit dem Gesicht im nassen Schmutz. Als er schließlich nach vielen Stunden wieder zu sich kam, sah er ganz nah und über sich gebeugt ein bärtiges, zernarbtes und faltiges Gesicht, aus dem zwei wässrig blaue Augen hervorblinzelten.
„Wie heißt du?“
„Daniel. Daniel Bertrand.“
„ Das ist zu schwierig. Ich sage Bert, ist ja auch ein Name. Mich nennen hier alle Bak. Keine Ahnung warum. – Hast du Hunger?“
„ Mir ist schlecht.“
„Na komm, steh schon auf!“
Bak stützte ihn, und bald schon humpelte das ungleiche Paar durch die regennassen Novemberstraßen.
Wer Schicksal teilt, der siezt sich nicht.
An einer Haltestelle, wo die Linie 38 gerade das letzte Mal in Richtung City abgefahren war, hielt Bak an. Er griff tief in die dort aufgehängte Abfalltonne und fühlte suchend mit den Fingern.
„Scheiße, alles nass.“
Das einzige, das Bak behielt, war eine braune Apfelkitsche, die er im Weitergehen benagte. Plötzlich drehte er sich zu Daniel um, der jetzt zwei Schritte hinter ihm herlief.
„Hast du Geld?“
Daniel blieb stehen, betastete seine Jacke und brachte zwei Euromünzen zum Vorschein, die er Bak in offener Hand entgegenstreckte.
„Na ja. Aber wird nicht lang reichen. Bald wird es Winter, Junge, dann ist´s vorbei, wenn du nichts hast. Heilsarmee kannst du versuchen. Ist ein stinkender Schweinestall, aber immerhin warm. Unter der Brücke jagen sie dich fort, im Bahnhof sowieso. Und draußen wachst du nicht mehr auf. Du musst schon in die Mission, wenn du es schaffen willst, das musst du dir schon leisten. Und was zu essen.“
Bak sah, dass sein neuer Begleiter zitterte.
„Rauchen?“
Er zog zwei feuchte Zigaretten aus der Hosentasche.
„Geschnorrt.“
Daniel hatte ein Feuerzeug. Sie schlurften still und paffend neben einander her.
Inzwischen war es ganz dunkel geworden und hatte aufgehört zu regnen. Daniel unterbrach schließlich das Schweigen.
„Wo bringst du mich denn hin?“
„Heut Nacht wird´s lausig, wir müssen irgendwas finden.“
Bak hatte Recht. Es wurde merklich kälter, der Himmel klarte auf, und ab und zu blinzelte schon ein Stern durch die schon rissige Wolkenschicht.
Der nächste Papierkorb war etwas ergiebiger und besaß einen Deckel. Sie teilten sich den Rest einer fast leeren Rotweinflasche und fanden abgenagte Hühnerknochen, an denen hier und da noch ein Knorpel und Fleischreste zu finden waren. Dazu ein gammeliges halbes Brötchen, das wohl zu einer Rostbratwurst gehört hatte und in den Müll gewandert war. Daniel kämpfte, um den Brechreiz zu besiegen, der ihn jetzt wieder heftiger quälte. Aber er hatte Hunger.
„Die Leute schmeißen so viel weg, die haben´s ja im Überfluss. Guck dir die reichen Tanten an, die in der Stadt ihre Klunker zur Schau tragen. Wenn die was essen gehen, wird die Hälfte weggeschmissen. Weil sie das alles gar nicht in sich reinstopfen können, so fett gefressen sind die!“
„Gott sei Dank“ erwiderte Daniel.
Die beiden fröstelte. Es wurde immer kälter. Man hatte im Radio schon vor überfrierender Nässe gewarnt. Temperatursturz. Rechtzeitig zum Dezember. Wenn man sich vorsieht, das Auto mal in der Garage lässt und sich warm einpackt, kann auch der Winter eine schöne Jahreszeit sein.
„Mir ist kalt.“
Wie aus einem Mund kam diese Empfindung. Die beiden blieben stehen und sahen sich mit stummen Augen an. Beide fühlten so, als hätten sie mit einem fremden Mund gesprochen. Daniel mit Baks und Bak mit Berts. Und plötzlich fing Bak an zu lachen. ein raues, fast bellendes Gurren. Daniel ließ sich schnell anstecken. Erst vorsichtig, dann immer kräftiger. Bald bogen sie sich und grölten, laut und dreckig und ehrlich.
Sie liefen los und jagten und schubsten sich, schrieen voller Übermut durch die längst still gewordenen Straßen und hatten für einen Moment ihr schweres Los vergessen. Hatten endlich wieder einmal keinen Hunger mehr. Oder wenigstens dachten sie nicht mehr daran und auch nicht an die Kälte, die drohend mit den Zähnen fletschte.
„Bak, guck mal, da kommt einer!“
„Mensch, los, der soll sich wundern!“
Sie sprangen blitzschnell in den nächsten Hauseingang und pressten sich an die feuchte Wand, gespannt, mit leuchtenden Augen. Sie hielten ganz still, dicht an dicht und horchten auf die hallenden Schritte eines Mannes, die in der finsteren Stille hart und laut von den Hauswänden abprallten.
„Jetzt!“ zischte Bak, und sie kamen hervor, zwei Stufen hinab und stellten sich dem Ahnungslosen breit in den Weg.
Der Mann blieb stehen, fünf Schritte entfernt und wartete, die Hände in den Manteltaschen. Er wirkte aufrecht und vornehm. Ein Hut machte ihn größer als er war, und in der rechten Hand trug er einen Stock, oder einen Schirm, man konnte es nicht genau erkennen.
„He, feiner Pinkel!“ rief Bak herausfordernd.
Er bekam keine Antwort.
„Wirf dein Geld auf den Boden und zieh Leine, sonst gibt´s Dresche!“
Nichts rührte sich. Ein Tropfen, den eine Dachrinne nicht mehr zurückhalten konnte, klatschte weit hörbar auf die Steinplatten des Gehweges.
Länger konnte Daniel die knisternde Spannung nicht ertragen. Es musste endlich etwas geschehen. Er fühlte sich stark und ruhig und ging ganz langsam einige Schritte vor. Er kam so nah heran, dass ihn der dampfende Atem seines Gegenübers umwehte.
Da standen sie nun. David und Goliath. Der eine jung, fast noch ein Kind, zerlumpt und geschunden, aber mutig wie ein Bär und zu allem fähig. Der Andere groß und kräftig, erhaben in seiner Statue und unbeweglich wie ein Fels. Eine eisige Wut packte Daniel. Es ging ihm nicht um das Geld, der dachte nicht ans Überleben. Hier standen ein König und ein Bettler, Groß und Klein, Stärke und Schwäche. Böse und Gut. Breitbeinig hatte sich Daniel aufgebaut, es dauerte mehrere stundenlange Sekunden.
Bak griff nicht ein. Er stand wie angewurzelt und hatte plötzlich Angst. Vor Bert, denn aus dem übermütigen Spaß war ihm bitterer Ernst geworden. Daniel kannte die Geschichte aus der Bibel nicht, in der der kleine mutige Mann den Riesen mit einer Steinschleuder besiegt. Doch was er jetzt fühlte, musste David auch gefühlt haben, als er die Waffe hob und zielte.
Daniel Bertrand reißt blitzschnell den rechten Arm aufwärts und schlägt mit voller, ungehemmter Wucht, mit seiner ganzen Kraft, die Faust zum zerschmetternden Hammer geballt, und er trifft ins Leere.
Nach wenigen Sekunden spürt er die Schläge des Stockes schon nicht mehr, die ihm fast das Gehirn zertrümmern. Er merkt es kaum noch, dass er in die Knie geht und fällt, und längst am Boden liegend hört er aus weiter Ferne die dumpfen Stöße und Tritte in seinen Bauch.
Dann ist es wieder still.
Daniel ruft umsonst nach Bak, denn der ist fort gerannt. Er lief um sein Leben, das ist das Einzige, was er besitzt, das lässt er sich nicht nehmen.
Und außerdem, der Schrei ist auch gar nicht zu hören. Es ist ja nur ein verzweifelter Hauch, der zusammen mit dem hellen, heißen Blut aus Daniels Mund quillt.
Es ist zu kalt, um noch einmal aufzustehen.
Goliath hatte gesiegt.

Hulemule
26. Mai 2010
eine fesselnde geschichte – erst dachte ich – ohje so lang … aber als ich begonnen hatte, hat es mich förmlich durch die story gezogen…
an diesem blieb ich hängen: Bak hatte Recht. Es wurde merklich kälter, der Himmel klarte auf, und ab und zu blinzelte schon ein Stern durch die schon rissige Wolkenschicht. – zwei mal schon in zu kurzen abständen
und diese formulierung find ich oberhammer – stundenlange sekunden …
und der inhalt – realitätsnah und man hat den eindruck, dass ein schicksal hier für viele steht.
Mumpitz
27. Mai 2010
Ja, die Geschichte ist eigentlich zu lang für´s Netz, ich freu mich, dass du sie dennoch gelesen hast!
manu
27. Mai 2010
ein Schreibstil, der mich fesselt – ich kann mich Hule nur anschließen – es zog mich genauso durch die Story!
Worte, die sicher in keinem Duden zu finden – in diesem Text aber so richtig sind, daß mir erst viel später die “Neuschöpfung” auffiel.
und weil am Bildschirm zu lang, hab ich’s ausgedruckt
manu
27. Mai 2010
streich das mal mit den Worten – ich meine eher Zusammensetzungen wie ” stundenlange Sekunden” – war abgelenkt bei Kommentieren – sorry!
Songline
27. Mai 2010
Grandioser Text! Mir ging es auch so: Aufgeklickt, für zu lang befunden, dennoch angefangen zu lesen und dann dran hängengeblieben.
Obwohl ich ja generell ein Fan des happy ends bin, ist hier der realistische Schluss sehr stimmig. Dadurch bleibt die gesamte Geschichte haften.
Mumpitz
27. Mai 2010
Manu und Songline,
ich danke euch für´s lesen und freu mich, wenn es euch gefesselt hat! Diese Geschichte ist schon sehr alt, ich habe sie ausgegraben. Ich denke, ich war so 20 als ich das geschrieben habe. Um so gespannter war ich, ob es euch gefällt.
Angie Pfeiffer
30. Mai 2010
Dieser tolle Text ist depremierend realistisch. Nicht zu fassen, dass du ihn als junger Mann geschrieben hast…Er klingt so..reif.
Angie Pfeiffer
30. Mai 2010
Urks, klar bist du immer noch jung. Jetzt sag ich nix mehr..