Weihnachtseinkäufe – eine wahre Geschichte (gekürzte Fassung)

Handlungsort: Ein Geschäft in einer Kleinstadt

Handelnde: Eine Kundin mittleren Alters,
 ihr Mann
, Verkäuferin

Es ist kurz vor Feierabend, das Pärchen betritt den Laden.
Verkäuferin:

Guten Abend

Er:
N‘ Abend

Sie:

Ach ist es schon so spät?

Verkäuferin:

Es ist fünf vor halb, wir schließen um halb sieben, sie können sich gerne noch umschauen.

Sie: (mit einem leichten Kieker):
Ach sie haben ja noch die schönen Armbänder und Ketten und die passenden Anhänger! Das ist doch echtes Silber?
Verkäuferin:

Ja sicher.

Sie: (an ihrem Mann gewandt)
Jetzt schau doch mal, du musst mithelfen auszusuchen.

Er: (uninteressiert)

Such du das ruhig aus, mein kleiner Hase, du hast einen guten Geschmack.

Sie: Das ist aber jetzt unfair, immer muss ich alles für die Zwillinge aussuchen.

(Sie kramt eine Weile im Schmuck, legt verschiedene Anhänger auf die Ladentheke)

So, jetzt suchst du was aus, Bernd! Entweder das Herz oder das Kleeblatt.

Er: (weist auf das Kleeblatt)

Das da.

Sie:

Oder doch lieber das Herz? Ach und ich wollte ja noch eine Kette für jeden Zwilling kaufen. Was meinst du, welche Anhänger wollten wir denn dafür aussuchen.

Er: (verdreht die Augen)

Das ist mir völlig egal. Such doch einfach etwas aus.

Verkäuferin: (schaut auf die Uhr)

Sie:
Ich weiß nicht, vielleicht den Teddy, och nö, der geht nachher so schnell kaputt! Was wäre mit diesem Herz für die Kette? Aber da ist ja ein Schlüsselloch drin! Da fragt ja jeder, wo der Schlüssel ist!

Er:
Urks

Verkäuferin:
???

Sie: (an die Verkäuferin)
Überhaupt, wissen sie wie lang die Ketten sind? Muss da nicht was schweres dran damit die Kette vernünftig nach unten hängt
?
Er:
Ja, ein Ziegelstein!

Verkäuferin:
Die Ketten sind 60 cm lang, aber sie können auch einen kleineren Anhänger nehmen, das ist in Ordnung! Der Herzanhänger ist doch süß, sie können ja einen Anhänger in Schlüsselform für das Armband nehmen. Dann ist das Rätsel des Schlüsselloches auch gelöst.

Er: (grinst)
Mach hinne, die Frau will Feierabend machen.

Verkäuferin (lächelt dankbar)

Sie: (vorwurfsvoll)

Ja ICH wäre schon längst zu Hause, wenn du dich mal entscheiden könntest! Was sollen wir denn jetzt für Anhänger nehmen?

Er: (energisch)

Wir nehmen jetzt die Herzen und die Kleeblätter und Ketten und Armbänder! Ich habe echt keine Lust mehr!

Sie:
du hast ja gar nicht richtig geguckt! Schließlich sind es auch deine Kinder! Vielleicht möchten die Zwillinge gar nicht, dass die Anhänger gleich sind!

Er: (legt die entsprechenden Teile vor der Verkäuferin ab)
I
ch bezahle das jetzt, Schluss!

Verkäuferin: (bemüht sich den Schmuck möglichst schnell einzuscannen)

Es sind ja noch zwei Tage bis Heiligen Abend, sie hätten also die Möglichkeit alles mehrmals umzutauschen!

Er: (lacht laut)
Sie:

Sie haben völlig recht, ich kann es mir noch überlegen!
Jetzt wollen wir auch nicht weiter stören, sie möchten sicher Feierabend machen.

Verkäuferin:

………..


Allen Netzkritzlern ein frohes, geruhsames Weihnachtsfest!

…denn nicht jeder Schatz besteht aus Silber und Gold

Ich habe eine Schatzkiste! Und obwohl sie randvoll ist, so passt immer noch etwas hinein.

Das ist gut so, denn immer wieder finde ich etwas kostbares, das unbedingt aufbewahrt werden muss. Wenn ich traurig, niedergeschlagen oder einfach melancholisch bin, öffne ich mein Kästchen und schaue mir das bunte Chaos an.
Das sind sie, meine Schätze: Hier ein glücklicher Augenblick, dort ein Moment der Ruhe.

Eine rosarote Schäfchenwolke mit himmelblauen Punkten will sich selbstständig machen. Ich fange sie schnell wieder ein, packe einfach einen ganz besonderen Brief mit nur einem Satz darauf. „Ich liebe dich“, steht ganz klein in einer Ecke.

Das erste zahnlose Lächeln meiner Kinder. Ein gemaltes Bild zum Muttertag. An einem bonbonklebrigen Küsschen pappt ein Zettel: „Ich hab‘ dich lieb, Mama“, steht drauf.

Hier ist ein hochoffizieller Eintrag, der mich unsagbar glücklich macht: „Ich danke meinen Eltern.“ Wo ist sie nur gleich, ach ja, hier ganz in der Ecke. Eine Einladung: „Mama, dein Sohn heiratet!“

Die atemlose Spannung unserer ersten Begegnung, die Erleichterung: „Ja, das ist ER!“

Ein geflüstertes „ich liebe dich“, noch ganz schlaftrunken, während du mich in deine Arme nimmst, beschützend, aber nicht besitzergreifend.

Auch der Moment aus tiefer Narkose zu erwachen und dich neben mir zu wissen ist mir kostbar, gehört für ewig zu meinen Schätzen.

Genau so, wie ein tiefer Seufzer, begleitet von den Worten: „Papa und ich – wir haben ganz schön Glück mit unseren Frauen.“ Daneben schwebt ein grinsendes Jungengesicht: „Wenn du ihn nicht heiratest, dann tu ich das, der Typ ist klasse!“

24 leicht zerdrückte, doch immer noch duftende rote Rosen – der schönste Adventskalender der Welt. 24 Songs, die uns ganz viel bedeuten.

An lauen Sommerabenden im Garten sitzen, nicht reden und sich trotzdem nah sein.
 Zu wissen: Hier ist jemand der dich liebt. So wie du bist, mit all deinen Macken und Ecken. Dem du vertrauen kannst. Der dich niemals wissentlich verletzen wird und für den du die Einzige bist – All das gehört in meine Schatzkiste.

All das macht mich unsagbar reich und ich möchte meine Schätze nicht für alles Geld der Welt hergeben.


Lass mich endlich los

Dortmund, Westfalenhalle. Fröstelnd kuschelte sie sich tiefer in ihre Jacke und rückte mit der Menschschlange weiter vor. Dass es vor dem Halleneingang zu einem Stau kommen würde, hatte sie sich gedacht, denn das Pur Konzert war schon lange ausverkauft.
Prüfend schaute sie zu ihrem Mann hinüber, der den Andrang mit stoischer Gelassenheit hinnahm. Wenigstens meckerte er nicht mehr, denn sie hatte darauf bestanden, das Konzert zu besuchen. Unwillig und nach langem hin und her gab er schließlich nach und begleitete sie.
Sie war ganz aufgeregt, denn sie erlebte heute ihr erstes Konzert überhaupt. Noch vor einiger Zeit wäre es ihr undenkbar erschienen, so viel Geld für Konzertkarten auszugeben.
Überhaupt hatte sie während ihrer langjährigen Ehe niemals gewagt, ihn mit derart läppischem Zeug zu belästigen. „Pur“, die Gruppe interessierte ihn nicht, so wie die Musik überhaupt.
Sie seufzte, auch etwas, das sie trennte, von Anfang an getrennt hatte. Wenn sie es recht bedachte, gab es kaum Gemeinsamkeiten zwischen ihnen. Die Kinder vielleicht, doch auch hierbei hatte er sich nie wirklich gekümmert, war seines Weges gegangen, ohne nach rechts und links zu blicken. Inzwischen waren die Jungen fast erwachsen und selbstständig. In ihre eigenen Geschichten verstrickt, brauchten sie die Eltern nur noch zuweilen.

Heute konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, was sie einmal miteinander verband. Doch, da musste etwas gewesen sein, warum hätten sie sonst geheiratet? Vielleicht aus Liebe? Die schien sich mit den Jahren abgenutzt zu haben, bis nichts mehr davon übrig blieb. Allenfalls Gewohnheit und eine undefinierbare Sympathie füreinander. Man verbrachte Zeit zusammen, hatte sich aber nichts zu sagen.

Auch als sie vor einiger Zeit lebensbedrohlich erkrankte, kümmerte er sich wenig. Sie hatte es trotzdem geschafft, war dem Gevatter Tod noch einmal entwischt, ohne seine Hilfe. Schon im Krankenhaus schlich sich ein hässlicher Gedanke ein: Sollte das alles gewesen sein? Ihr Leben vorbei, ohne richtig angefangen zu haben. Sie war ins Grübeln gekommen. Nein, das konnte, durfte nicht sein und so fing sie an, auch an sich zu denken, sich kleine Wünsche zu erfüllen. Zögerlich erst, mit wenig Mut und Selbstvertrauen, verwundert, was sie alles schaffte, wenn sie es wirklich wollte. Die Kinder beanspruchten ihre Zeit kaum noch, und so nutzte sie die Gelegenheit. Suchte sich einen Job, kam sich ungeheuer selbstständig vor. Ihr Mann reagierte gelassen, solange sie ihn nicht störte, mochte sie sich verwirklichen, soviel sie wollte. Als sie allerdings Forderungen stellte, wurde er unwillig, war nicht bereit mitzuziehen. Wollte sein Leben so, wie es war, und hatte nicht vor, ihr zuliebe etwas zu ändern. Erwartete von ihr Rückkehr in die altgewohnte Eheroutine.


Impulsiv nahm sie seine Hand, drückte sie. „Es ist toll, dass du mitgekommen bist!“

Er räusperte sich unbehaglich. „Ja, aber öfter mache ich so’n Tööt nicht mit, das glaub‘ aber mal.“
Sie lächelte ihn an. „Vielleicht gefällt es dir ja.“ Er runzelte die Stirn, erwiderte aber nichts.

Endlich ging es vorwärts und bald saßen sie auf ihren Plätzen auf der Empore. Mit Interesse verfolgte sie, wie der Raum unter ihr sich füllte. Die Menschen standen dicht an dicht. Wie gerne hätte auch dort unten gestanden. Seufzend rief sie sich zur Ordnung. Schließlich konnte sie froh sein, überhaupt hier zu sitzen.

Nach einer schier unerträglichen Wartezeit ging es endlich los. Während er und dem Geschehen auf der Bühne desinteressiert folgte und hinter vorgehaltener Hand demonstrativ gähnte, amüsierte sie sich königlich. Sie hatte sich heimlich eine CD der Band gekauft und kannte so die meisten Songs, die zur Darbietung gebracht wurden.


Irgendwann kam dann der Song. Sie hatte dieses Lied nie gehört, doch schon die ersten Takte der Musik berührten sie, ließen sie aufhorchen:

„Lange her, dass mich was so fieberhaft packt,
streife die gewohnte Haut ab, fühl´ mich wieder nackt.
Wollte doch nur kosten, aber hat so gut geschmeckt,
bin abgehoben, losgeflogen, hab´ gar nichts mehr gecheckt!“

Die Worte schienen wie für sie gemacht. So fühlte sie sich, wollte alle Mauern sprengen, die sie einengten, ihr die Luft nahmen und das Licht. Wollte frei sein und endlich leben. Einfach wegfliegen, nicht an das Morgen denken.
Atemlos, mit klopfendem Herzen hörte sie weiter zu.

„Doch du gibst mich nicht frei,
zerrst an meinem Herz
und du ziehst an dem Seil,
das uns verbunden lässt.“

Ja, auch das entsprach genau ihren Gefühlen. Er wollte die Ehe weiter führen, wie bisher. Bestand auf all den Ritualen, die sich eingeschlichen hatten. Wurde schon nervös, wenn das Essen nicht pünktlich um 18 Uhr auf dem Tisch stand. Konnte oder wollte nichts ändern.
Plötzlich war ihr klar, dass sie so nicht weiterleben konnte, dass ihr eine ungewisse Freiheit lieber sein würde, als all die sichere Gewohnheit, die Geborgenheit, bei der sie sich selbst verlieren würde und sie sang den Refrain mit:

„Lass mich endlich fliegen,
kapp die Nabelschnur,
denn Drachen sollen fliegen ohne feste Spur
– lass mich bitte los.“

Erschaute sie einen Moment irritiert an, um gleich wieder wegzusehen.

Ihr Gesicht fühlte sich feucht an. Seltsam, sie hatte gar nicht bemerkt, dass Tränen ihre Wangen benetzten. Energisch wischte sie sich über das Gesicht und lächelte, denn plötzlich wusste sie, dass ihre Zeit gekommen war. Es mochte noch eine Weile dauern, aber sie würde davonfliegen und nichts und niemand würde sie aufhalten können.

Steppenliebe

Wenn‘s Flusspferd jeck im Wasser planscht,

das Krokoweibchen Walzer tanzt,

die Klapperschlange sanft sich ringelt,

die Boa sich zu Schleifchen kringelt.

Das Löwenmännchen baden geht,

der Halsbandsittich lauthals kräht.
Frau Straußen sich die Federn putzt,

ihr Mann die Gunst der Stunde nutzt.

Ein Elefant Trompete spielt,

obwohl der Jäger auf ihn zielt!

Der Hase seine Frau anschmachtet

und gar nicht auf Hyänen achtet.

Dann ist es wieder mal so weit,

die Steppenliebe macht sich breit.

Sie mischt die ganze Tierwelt auf

und die Natur nimmt ihren Lauf!

Es knuddelt, kuschelt allenthalben.

Die Störche tun es und die Schwalben.

Die Spatzen pfeifen es vom Dach;

die Sehnsucht hält sie alle wach.

Der dicke Vollmond lächelt mild,

beleuchte sanft das traute Bild
.
Denn diese Steppenliebelei

ist ja bekanntlich sündenfrei…

Zerbrechlich

Mein Herz, es ist dir anvertraut.
Mal klopft es leis’, zuweilen laut
und in gewissen, stillen Stunden
wenn wir den Anderen gefunden,
dann bubbert es und fliegt dir zu
gibt erst an Deinem Herzen Ruh.
Dort fühlt es Sicherheit, Vertrauen
und will auf deine Stärke bauen.

Drum fasse es behutsam an,
weil es so leicht zerbrechen kann.
Bewahr es gut, und gebe acht,
wie schnell ist’s Herz kaputt gemacht.
Denn schließlich weiß doch Frau wie Mann,
dass man’s nicht reparieren kann.
Mag Lindenberg es auch besingen,
das Herz in eine Zwinge zwingen,
Zuletzt bleibt ein zerbrochenes Teil -
es wird durchs Kleben nicht mehr heil!

Doch will ich es dir trotzdem schenken
und nicht mehr an den Herzbruch denken.

Hand in Hand

Urlaub in Ägypten, früher Abend, ein Pärchen, nach Jahren immer noch verliebt, bummelt durch ein kleines Einkaufszentrum. An einem Café halten sie an.

„Sollen wir hier etwas trinken?“, fragt er.
Ehe sie antworten kann, ertönen leise Klänge aus der Musikanlage.

„Hör bloss mal, sie spielen unser Lied!“, strahlt sie ihn an.

Auch er lächelt, nimmt sie in den Arm.

„Du willst wirklich?“

Ehe sie es sich versieht tanzt sie mit ihm nach den Klängen des langsamen Liebesliedes.
Als der letzte Ton verklungen ist lässt er sie zögernd los und sie schaut, ein wenig verschämt um sich. „So etwas macht man doch nicht und gerade hier…“

An einem der runden Tische sieht sie ein Paar sitzen, beide sind schon weißhaarig und das Leben lässt sich an ihren Gesichtszügen ablesen. Die Frau nickt ihr freundlich zu lächelt ein wenig verschmitzt.
Doch das allerwichtigste registriert sie erst jetzt: Die beiden sitzen dort Hand in Hand.

Sie wendet sich ihm zu. „Siehst du das Pärchen dort drüben? Das könnten wir sein, jedenfalls irgendwann.“

Er schaut ihr einen Moment lang in die Augen. „Ja, doch vorher würde ich zu unserem Lied mit dir tanzen, egal wo!“

Nur geträumt

Es war wie ein kurzer Traum.


Ich erwachte zögerlich,

wollte die flüchtigen Gespinste festhalten.

Doch sie entzogen sich mir,

waren vergangen

ehe ich sie begreifen konnte.


Ich hatte ja nur geträumt. 


Herbst

„Ich hasse den Herbst! Alles ist grau in grau und trübe. Nieselregen und matschige Blätter, wer braucht das schon.“ Verbissen versuchte ich die auf den Bodenplatten meiner Hauseinfahrt festklebenden Blätter zusammenzufegen und schimpfte dabei kräftig vor mich hin. Heute war wirklich ein besonders trüber Tag. Die Sonne hatte sich den ganzen Tag nicht blicken lassen. Kein Wunder, denn die dicke Wolkendecke schien alles zu erdrücken.
„Mist, es geht ja doch nicht!“ Frustriert stellte ich den Besen wieder in seine Ecke und beschloss, die Aktion auf einen trockenen Tag zu verschieben. Auch im Haus hatte sich Tristesse breitgemacht. Der Hund hob bei meinem Eintritt den Kopf, um ihn mit einem müden Seufzer wieder in seinem Körbchen zu vergraben, und selbst die Katze schaute mich unbestimmt vorwurfsvoll an.
„Na klasse, das ist ja eine Stimmung hier“, grummelte ich weiter und stellte das Radio an. „Dieser Weg wird kein leichter sein“, schallte es mir entgegen. „Ja, ne, is klar“, dieser Song hatte mir heute wirklich noch gefehlt. Er passte zu meiner trüben Stimmung wie die Faust aufs Auge. Mitten im Sommer geboren, hatte ich schon als junge Frau diese Jahreszeit nicht gemocht und inzwischen, selber im Herbst des Lebens angekommen, verabscheute ich sie von Herzen. Alles in der Natur vergeht, zeigt sich oft noch einmal in unglaublicher Pracht, nur um dann zu welken und schließlich abzusterben. Das erinnerte mich nur zu deutlich an meine eigene Sterblichkeit und daran, dass mein Sein nicht mehr all zu lange dauern würde, jedenfalls gemessen an der Lebenszeit, die ich schon hinter mir hatte. Kein Wunder also, dass ich regelmäßig den Herbstblues bekam. Vielleicht würde ein heißes Bad helfen – und zwar mit einem nach Sommer duftenden Badezusatz, den ich mir erst vor kurzem gegönnt und noch nicht ausprobiert hatte.
Das heiße Wasser umschmeichelte mich und ich schloss mit einem wohlig entspannten Gefühl die Augen. Es duftete nach Lavendel und ein wenig nach Rosen. Erinnerungen wurden wach, gaukelten wie Seifenblasen durch mein Ich. Ließen mich für einen Wimpernschlag wieder jung sein, mich so fühlen wie in unserem Sommer. Wie unbekümmert glücklich wir damals waren und wie dumm. Statt das Glück festzuhalten, ließen wir es durch die Finger rinnen, vergeudeten unsere Gefühle. Rieben uns, als die Tage kürzer wurden und die Blätter welkten, in ständigem Streit um Nichtigkeiten auf. Bemerkten nicht, dass vieles, weswegen wir uns zerfetzten, nicht so wichtig war und verloren das Wesentliche aus den Augen: unsere Liebe und das Vertrauen, welches wir in unser Miteinander gesetzt hatten. Bis schließlich nichts mehr blieb als Bitterkeit und Enttäuschung. Wir trennten uns einvernehmlich, wollten irgendwann Freunde sein. Das beschlossen wir bei einem letzten Spaziergang. Er wirbelte beim Gehen die Blätter auf, trat fast wütend in die säuberlich aufgeschichteten Haufen aus welkem Laub, brachte alles durcheinander, wie es seine Art war. Wie gern hätte ich ihn in den Arm genommen, ihn besänftigt und mich von ihm halten lassen. Doch mein Stolz ließ das nicht zu, ich konnte nicht bitten, wollte mich nicht wehrlos machen. Stattdessen verbarg ich mich hinter meiner kühlen, unnahbaren Maske, zuckte die Schultern. „Ja, dann, mach’s gut.“ Ließ ihn einfach stehen, fühlte mich innerlich ganz starr und kalt.
„Mist!“ Das Badewasser war kalt geworden und ich beeilte mich um aus der Wanne zu kommen. In dieser Nacht schlief ich so gut wie gar nicht. Die Gedanken fuhren in meinem Kopf Karussell. Was wäre wohl aus uns geworden, wenn wir uns damals nicht getrennt hätten?

„O nein, ich schaffe mir nie wieder einen Dackel an. Jetzt komm schon her, du verflixte…“. Das so beschimpfte Dackeltier dachte nicht im Traum daran, auf mich zu hören. Es wühlte sich mit Begeisterung immer weiter in den riesigen Laubhaufen, der den Wiesenrand zierte. Heute schien die Sonne und ich hatte beschlossen, mich nicht weiter in meinen Herbstdepressionen zu verlieren. Bewegung an frischer Luft, das war genau das richtige Mittel dagegen, und so brachen Hund und Frauchen zu einem ausgedehnten Spaziergang auf, der uns an besagter Wiese vorbei führte. Hier versetzte das zusammengekehrte Laub den Dackel in Ekstase und er schien es zu seiner Aufgabe gemacht zu haben, die Blätter wieder überall zu verteilen. Ehe ich noch weiter eingreifen konnte, preschte ein schwarzer Schatten an mir vorbei und verschwand ebenfalls im Laub. Verblüfft schaute ich mich um. Tatsächlich, dem Schatten kam das dazugehörige Herrchen hinterher gehechtet. „Verdammt, nie wieder ein Labrador“, japste er und wandte sich verlegen grinsend mir zu. „Tut mir leid“, begann er um gleich wieder zu verstummen. Auch mir verschlug es erst einmal die Sprache, denn ER stand vor mir. Älter, kleiner als ich ihn in Erinnerung hatte, aber eindeutig er. Ich schüttelte kurz den Kopf, doch er stand immer noch neben mir und musterte mich ungläubig. „Du bist es, nicht wahr“, begann er zögernd. „Ich habe in letzter Zeit viel an dich gedacht.“ Auch er schüttelte den Kopf. „Unglaublich, nach so vielen Jahren. Was machst du? Bist du…“ „Geschieden“, komplettierte ich seinen Satz atemlos. „Und du? Bis du …“ „Auch geschieden und zurück in meinen Heimatort gezogen. Ich war lange Jahre im Ausland und versuche gerade wieder Fuß zu fassen.“ Das jungenhafte Grinsen ließ meine Knie weich werden. Ich räusperte mich. „Das ist ein unglaublicher Zufall, ich hätte nie gedacht, dass wir uns jemals wieder treffen. Was hältst du von einem Kaffee, falls wir unsere Hunde in diesem Leben noch mal aus dem Laubhaufen herauskriegen.“

Ja, so war das damals. Inzwischen ist viel geschehen. Wieder ist Herbst, aber in diesem Jahr macht mich das nicht traurig, der Blues bleibt aus. Ich habe gelernt, dass auch diese Jahreszeit ihre schönen Seiten hat. Denn ich bin nicht mehr allein. Doch das hat seine Zeit gedauert. Ich habe meinen Stolz hinuntergeschluckt und mich wehrlos gemacht, mich ihm anvertraut, wohl wissend, dass er mich auffängt. So wie auch ich für ihn da bin. Vielleicht hat uns der Herbst unseres Lebens milder gemacht, die Kanten und Ecken sind abgeschliffen, wir wissen zu schätzen, was wir so großzügig geschenkt bekommen. Haben gelernt, was wichtig ist.
Und ich weiß jetzt, dass es funktioniert, dass wir den Herbst unseres Lebens nicht nur gemeinsam meistern, sondern auch miteinander genießen können.

Gedanken

Zuweilen könnte ich vor Glück schweben.

Es ist nicht vielen Menschen vergönnt

eine solche Liebe zu erleben.

Sich fallen zu lassen,

genießen,
mit allen Sinnen.

Zu wissen,

dass auch der Partner es genießt.

Mich wunderbar findet,

obwohl ich doch ganz gewöhnlich bin.

Sein Leben mit mir teilt,

sich zu mir bekennt!

Mein Leben wichtig macht,

durch seine Aufmerksamkeit.

Mich mit allen meinen Facetten wahrnimmt.

Nicht alle Seiten von mir mag,

sie aber toleriert. 

Meine dunklen Geheimnisse kennt

und damit umgehen kann.

Das alles erlebe ich in unserem Zusammensein.

Das alles macht mich so unsagbar reich.

Das lässt mich zuweilen

verzweifelt,

spröde,

arrogant erscheinen.

Ich würde es nicht überleben

dieses Glück zu verlieren.

Ich würde weiter existieren,

doch wäre mein Leben leer,

seines Inhalts beraubt.

Doch das kann mein Stolz nicht zugeben!
Das alles beinhalten die Worte:

”Ich liebe dich”,

die ich niemals leichtfertig ausgesprochen habe.

Das Partytier – Eine Emmageschichte

Nebenan sind neue Nachbarn eingezogen. Wirklich nette Leute die auch irgendwann eine Einweihungsfete geben. Ein paar Tage später kommt es zu einem Gespräch über den Gartenzaun. Natürlich ist Emma, das freche Dackelmädchen, neugierig und will gucken wer da spricht.
„A-ha, hier gehörst du also hin! Noch immer sauer?“
Emmas Frauchen ist baff erstaunt. Anscheinend haben sich die Nachbarn schon mit dem Hund bekannt gemacht.
Des Rätsels Lösung lässt nicht lange auf sich warten; lachend erzählt die neue Nachbarin eine erstaunliche Geschichte:
Die Einweihungsfete war richtig in Gang gekommen, da tauchte dieser kleine Hund auf.
„Zu irgendwem wird er schon gehören!“ Das dachte eigentlich jeder und fütterte das niedliche Hündchen mit allerlei Leckereinen, denn das Tier hatte sich strategisch günstig am kalten Buffet aufgebaut und gab jedem Neuankömmling das Pfötchen. Das ging eine ganze Weile so, dann schien beim besten Willen nichts mehr in den Dackelmagen hinein zu passen.
„Ein Schläfchen wäre jetzt nicht schlecht“, dachte Emma sich, begab sich in die oberen Räumlichkeiten und machte es sich auf dem Ehebett, zwischen der abgelegten Garderobe, bequem. So fand sie die Frau des Hauses vor, der die ganze Sache doch langsam suspekt vorkam.
Nach entsprechender Nachfrage stellten heraus, dass der pennende Dackel zu keinem der Gäste gehörte. So nahm die entrüstete Gastgeberin den Eindringling beim Wickel und warf ihn kurzerhand hinaus.
„..und stellen sie sich vor, in der Tür dreht sich der Dackel noch einmal um, schaut mich an und schnauft entrüstet durch die Nase!“ beendete sie die Geschichte.

Bleibt nur noch zu bemerken, dass weder Herrchen, noch Frauchen Emmas Abwesenheit bemerkten, denn der Hund hatte sich unter dem Gartenzaun durchgebuddelt…