Versunken saß Angelina an dem kleinen Tümpel, schaute den Sonnenstrahlen zu, die sich durch das Blätterdach stahlen und goldene Muster zauberten. Die Bäume spiegelten sich im Wasser, das sich ab und zu kräuselte und das Bild ein wenig verschwommen werden ließ.
Wann immer es möglich war, sie sich wegstehlen konnte, lief sie hier her, denn der Weiher übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf sie aus. Hier fand sie Ruhe und Frieden, konnte Kraft tanken. Musste nicht dauernd präsent sein, immer von Menschen umgeben, die jede ihrer Bewegungen registrierten und kommentierten.
Einerseits war es schön eine Prinzessin, das einzige Kind ihres Vaters, zu sein. Der König liebte sie von ganzem Herzen und erfüllte fast jeden ihrer Wünsche. Andererseits war sie eingezwängt in ein Korsett von Äußerlichkeiten, denn die Etikette musste auf jeden Fall eingehalten werden. Egal wie sie sich fühlte, sie hatte, als Mitglied der königlichen Familie, zu funktionieren.
Nun, daran würde sich nichts ändern, auch nicht, wenn ihr Vater den passenden Gemahl für sie gefunden hätte. Der König war eifrig auf der Suche und hatte schon einige Bewerber in die engere Wahl gezogen und obwohl er sie aufrichtig liebte, erwartete er doch, dass sie seine Entscheidung akzeptierte. So verlangte es die Tradition, so waren auch ihr Vater und die, bei ihrer Geburt verstorbene, Mutter zusammengekommen. Liebe spielte keine Rolle, wichtig war es, die Dynastie fortzusetzen.
Oft fragte sie sich wie es wohl wäre zu lieben. Jemanden zu finden, er diese Liebe erwiderte, der bedingungslos zu ihr stand, ganz egal, was die Tradition befahl. Gerade in der letzten Zeit verspürte sie eine unbestimmte Sehnsucht, die sie immer wieder an den verschwiegenen Weiher führte.
Doch sie hatte lange genug vor sich hingeträumt, bestimmt wurde sie schon vermisst. Energisch stand sie auf, schüttelte ihre Röcke aus und erstarrte, denn sie sah im Wasserspiegel das gegenüberliegende Ufer, dort saß jemand. Verwirrt schaute sie sich das Ufer genauer an und konnte niemanden sehen. Einzig im Wasser erblickte sie einen jungen Mann, der sich jetzt zögernd erhob und ihr zuwinkte. Das konnte nur ein Trugbild sein. Angelina kniff die Augen fest zu und öffnete sie vorsichtig wieder. Der Mann kam einen Schritt näher, stand jetzt direkt am Weiher. Doch eigentlich stand dort niemand, einzig sein Spiegelbild schaukelte sanft auf der Wasseroberfläche. Von heller Panik erfasst raffte Angelina ihre Röcke und lief so schnell sie konnte nach Hause.
„Kind, du bist ja ganz erhitzt und schau dir nur an, wie schmutzig deine Röcke wieder einmal sind! Man könnte dich glatt für eine Bauernmagd halten.“ Ihre erste Hofdame seufzte vernehmlich. „Wo bleibt nur deine königliche Würde! Contenance, meine Liebe! Schließlich sollst du bald verheiratet werden. Welcher ernstzunehmender Freier will schon so einen Wildfang haben.“ Hier musste Frau von Tulpenwalde erst einmal Luft holen, was Angelina die Möglichkeit gab, an ihr vorbei zu schlüpfen. „Es tut mir wirklich leid, ich werde mich bemühen, in Zukunft besser auf meine Röcke zu achten“, rief sie über die Schulter zurück und erklomm leichtfüßig die Treppe zu ihren Gemächern.
Hier setzte sie sich für einen Augenblick aufs Bett. Was hatte sie sich denn da bloss eingebildet. Ein Mann im Wasser, der sonst nicht zu sehen war! Welch ein Unsinn! Bestimmt hatte ihr die Fantasie einen Streich gespielt und es waren nur ein paar Äste, die sich im Wasser spiegelten. Doch Angelina kam nicht mehr dazu, weiter über dieses Trugbild nachzudenken, denn Frau von Tulpenwalde betrat ihr Schlafgemach. „Los, los, meine Liebe. Du musst dich schnellstens umziehen. Dein Vater hat für den heutigen Abend ein Festbankett anberaumt. Der Prinz von Kaiserskronen ist früher als erwartet eingetroffen. Es wird gemunkelt, dass er um deine Hand anhalten will. Er soll ein so schöner Mann sein und sehr wohlhabend dazu.“ Sie nahm Angelinas Hand. „Ach, Kind, dass ich das auf meine alten Tage noch erleben darf. Schon deine Mutter war mir lieb und jetzt bist auch du eine junge Dame.“ Sie ließ abrupt die Hand los und rümpfte die Nase. „Und du siehst nicht sehr damenhaft aus. Hopp, hopp, umziehen ist angesagt. Der Prinz will eine vornehme junge Dame sehen und keine Gänsemagd!“
Zögernd ließ sich Angelina am Ufer nieder. Sie war, seit sie das Trugbild im Wasser gesehen hatte, nicht mehr hier gewesen. Doch heute brauchte sie Ruhe um nachzudenken.
Das Bankett war ein voller Erfolg geworden. Prinz Gustavio von Kaiserskronen, ganz entzückt von ihr, führte ein paar Tage später ein langes Gespräch mit Angelinas Vater. Heute hatte der König ihr mitgeteilt, dass seine Entscheidung gefallen war. „Der Prinz ist eine gute Partie, mein Kind. Wir müssen an die Fortführung der Dynastie denken. Er hat mir zugesichert, unser Königreich ohne wenn und aber an euren ältesten Sohn weiterzugeben. So Gott will, werde ich lange genug leben um meinen Enkel auf dem Thron zu sehen.“
Prinzessin Angelina hörte ihm schweigend zu und obwohl sie seit langem wusste, was von ihr erwartet wurde, regte sich Widerstand in ihr. Sie wurde verschachert wie eine Ware. Weder der Prinz noch ihr Vater hatten es auch nur in Erwägung gezogen, sie zu fragen, ob sie mit einer Heirat einverstanden war. Die Dynastie stand über allem, aber wo blieb ihr Glück? Prinz Gustavio war ihr nicht unangenehm, doch konnte sie es sich nicht vorstellen, ihr Leben mit ihm zu verbringen.
Sie war so in Gedanken versunken, dass sie die Gestalt hinter sich erst gar nicht wahrnahm. Erst eine Bewegung seines Spiegelbildes ließ sie aufschrecken
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„Bitte lauf mir nicht wieder weg“, sagte er leise. Die Stimme schien leicht wie ein Lufthauch, war in ihren Gedanken. Sie schaute sich um, doch hinter ihr befand sich niemand. Einzig der Wasserspiegel zeigte sein Bild.
„Wo bist du und was bist du?“, fragte sie zögernd.
„Ich stehe genau hinter dir, doch du siehst mich nur im Wasser. Darf ich mich zu dir setzen?“
Angelina rückte ein wenig zur Seite und er setzte sich, im gebührenden Abstand, neben sie. „Was bist du? Wieso kann ich dich nicht richtig sehen?“, fragte sie wieder.
„Das liegt daran, das du ein Mensch bist. Ihr seht meist nur das Offensichtliche. Ich bin ein Wesen der Luft.“ Er rückte ein wenig näher. „Die meisten Menschen sehen nur mit den Augen, das was sie sehen wollen, was in ihre Welt passt. Doch es gibt noch viel mehr.“
Angelina musterte sein Spiegelbild genauer. Er gefiel ihr, saß ganz selbstverständlich neben ihr, als ob das schon immer so gewesen wäre. Er kam ihr seltsam vertraut vor.
„O ja“, lächelte er. „Ich habe schon oft neben dir gesessen, du hast es nur nicht wahrgenommen. Du warst immer in Gedanken versunken und in letzter Zeit so traurig, da habe ich es nicht gewagt, dich zu stören.“
Angelina runzelt die Stirn. „Heiß das, dass du mich schon öfter beobachtet hast? Warum kann ich dich ausgerechnet jetzt sehen“, sie zuckte die Schultern. „Im Spiegel sehen, meine ich.“
„Es ist an der Zeit.“ Sein Ausspruch klang rätselhaft, doch er erklärte nichts. Saß schweigend neben ihr, betrachtete wie sie das Spiegelbild im sonnenblinkenden Wasser.
„Hast du einen Namen“, fragte sie schließlich. Er lachte leise. „Natürlich habe ich einen Namen. Ich heiße Lorián.“
„Lorián“, sie wiederholte den Namen. „Werde ich dich morgen wieder hier finden?“
Er schaute sie ernst an. „Wenn du das möchtest, wirst du mich immer finden.“
Von nun an stahlt sich Angelina jeden Tag aus dem Palast um Lorián zu sehen, und immer fand sie ihn im Spiegel das Weihers. Oft saßen die beiden in stiller Eintracht nebeneinander, sich wortlos verstehend, zufrieden in der Gegenwart des Anderen. Alle Sorgen fielen von ihr ab, wenn sie sein jetzt vertrautes Bild sah. Doch immer öfter kam ihr der Gedanke wie es wäre, ihn in seiner wirklichen Gestalt zu sehen, ihn zu berühren, von ihm berührt zu werden. Sie wagte es nicht, ihre Sehnsucht in Worte zu fassen, denn sie fürchtete ihn zu verlieren. Auch Lorián sehnte sich nach einer Berührung, doch fürchtete er, sie zu verlieren.
So verging die Zeit und die Hochzeit mit Prinz Gustavio rückte immer näher. Angelina hatte alle Anproben über sich ergehen lassen und ansonsten vermieden, an die bevorstehende Hochzeit zu denken, doch sie wurde immer trauriger. Nach wie vor konnte sie sich ein Leben an der Seite des Prinzen nicht vorstellen. Gustavio versuchte in allem, ihr Wohlwollen zu erregen, ihr zu gefallen, doch je mehr er sich anstrengte, um so widerwilliger ließ sie seine Gunstbeweise über sich ergehen. In ihrem Herzen sehnte sie sich nach Lorián.
Als Angelina eines Tages neben ihm am Weiher saß, fasste sie sich ein Herz.
„Was würde passieren, wenn ich deine Hand ergreife“, fragte sie.
Lorián schaute sie einen Augenblick aufmerksam an. „Wenn du das wirklich möchtest, so solltest du es ausprobieren“, antwortete er. Zögernd tastete sie nach seiner Hand, er kam ihr auf halbem Weg entgegen und sie spürte den sanften Druck seiner Finger. Überwältigt schloss sie die Augen und fühlte. Fühlte wie seine Hand an ihrem Arm entlangwanderte, sei sanft streichelte.
„Warum kann ich dich fühlen und nicht wirklich sehen“, murmelte sie, unfähig die Augen zu öffnen und den Zauber zu brechen. Er hielt einen Moment inne, nahm langsam seine Hand von ihrem Arm. „Es gibt eine Möglichkeit“, begann er. „Aber du musst dir ganz sicher sein, denn es gibt kein Zurück.
“
Sie öffnete die Augen. „Ich weiß, dass es kein Zurück mehr gibt, denn ich liebe dich. Ich würde alles dafür tun um immer mit dir zusammen zu sein, wenn das auch dein Wunsch ist.“
„Es ist an der Zeit“, begann er, die Worte ihrer ersten Begegnung wiederholend. „Ich habe über dich gewacht, denn ich liebte dich vom ersten Augenblick, an dem ich dich sah. Doch die Zeit war noch nicht reif und ich übte mich in Geduld. Doch dann wurdest du so traurig und sehnsuchtsvoll, an jedem Tag mehr. Das konnte ich nicht ertragen und wollte dich trösten. Doch dazu musstest du mich sehen können. Deshalb bat ich meine Brüder und Schwestern, die Geister der Luft, um Beistand. Sie gewährten mir die Bitte, du kannst mein Spiegelbild sehen, kannst mich fühlen. Doch wenn wir für immer miteinander glücklich sein wollen, dann musst du werden wie ich.“
„Wie sollte das gehen? Was muss ich tun um wie du zu werden?“
„Meine Brüder und Schwestern müssen dich in ihre Gemeinschaft aufnehmen. Um das zu erreichen gibt es nur eine Bedingung“, hier verstummte Lorián.
„Welche Bedingung? So sag doch!“
Er lächelte sie traurig an. „Sie fordern deinen Tod, damit wir glücklich werden können. Mehr kann und darf ich nicht sagen. Doch wenn du mir vertraust, so werden wir auf ewig zusammen sein.“
Angelina wich schaudert zurück. „Ich will nicht sterben, wenn du mich wirklich lieben würdest, so könntest du das nicht von mir verlangen. Ich will leben und mit dir glücklich sein!“
„Bitte vertrau mir, ich liebe dich!“ Loriáns Spiegelbild verblasste, verschwand plötzlich ganz. Angelina war allein und eine tiefe Traurigkeit überkam sie.
„Aber Kind!“ Frau von Tulpenwalde schloss leise die Tür. „Wo bleibst du denn nur wieder. Dein Vater wartet auf dich, er will ein Wort mit dir reden.“
Angelina hob müde den Kopf. Sie war tränenblind zurück in den Palast gestolpert und hatte sich in ihren Gemächern verkrochen. Jetzt waren die Tränen versiegt und zurück blieben Kummer und Hoffnungslosigkeit.
Frau von Tulpenwalde musterte sie aufmerksam. „Was ist denn nur passiert? Du bist in letzter Zeit nicht wiederzukennen. Du möchtest den Prinzen nicht heiraten, nicht wahr? Gibt es einen anderen?“
„Ja.“ Angelina nickte zögernd.
„Wenn ich dir nur helfen könnte. Doch du wirst dich damit abfinden müssen, den Prinzen von Kaiserskronen zu heiraten. Glaub mir, du hättest es schlimmer treffen können. Jetzt musst du dich gebührend ankleiden, dein Vater ist schon sehr ungeduldig.“
Auf dem Weg zu den Gemächern ihres Vaters fasste Angelina einen Entschluss: Sie würde den Prinzen niemals heiraten, lieber wollte sie bis an ihr Lebensende ledig bleiben.
„Du bist wohl verrückt geworden! Was fällt dir ein, dich meinen Anordnungen zu widersetzen, du dummes Ding! Ich werde dir die Flausen schon austreiben!“ Der König baute sich drohend vor seiner Tochter auf. „Wenn du nicht gehorchst, so werde ich dich bis zum Tag deiner Hochzeit in deine Gemächer sperren. Du bekommst nur Wasser und trockenes Brot, das wird dich schon gefügig machen!“
So geschah es, der König ließ seine Tochter einsperren und niemand durfte mit ihr sprechen. Einmal am Tag brachte ihr die alte Hofdame Wasser und trockenes Brot. Doch die Prinzessin verspürte weder Hunger noch Durst und rührte weder Wasser noch Brot an, wurde immer durchscheinender und zerbrechlicher. Tag und Nacht saß sie am Fenster, dachte an ihren Liebsten und wünschte sich zu ihm, bedauerte, nicht in den Tod gegangen zu sein, denn dieses Los erschien ihr besser, als das Leben an der Seite des ungeliebten Prinzen zu fristen.
Eines nachts öffnete sich leise ihre Tür. Frau von Tulpenwalde schlich sich ins Schlafgemach. „Ich kann dein Leid nicht mehr mit ansehen, meine kleine Prinzessin“, flüsterte sie. „Du sitzt hier in deinem goldenen Käfig und wirst vor Kummer vergehen. Wenn du zu deinem Liebsten willst, so werde ich dich nicht davon abhalten.“
Angelina erhob sich zögernd. Sollte sie es wirklich wagen? Plötzlich wusste sie genau, was zu tun war. Sie würde zum Weiher gehen und dort auf Lorián warten. Sie würde ihm vertrauen, denn sie wollte nicht ohne ihn sein.
Sie fühlte seine Anwesenheit, ehe er ein Wort gesprochen hatte. „Ich will nur bei dir sein“, flüsterte sie. Auch jetzt schwieg er,nahm sie in die Arme, hielt sie fest. Sie sanken in das Gras
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„Bis du sicher“, flüsterte er.
„Ja, ganz sicher!“
Er küsste sie leidenschaftlich und die Welt versank um sie.
Als der Morgen dämmerte, nahm er sie bei der Hand, führte sie ganz dicht an den Rand des Weihers. In Wasserspiegel sah sie ihn nah bei sich. „Bist du ganz sicher?“, fragte er noch einmal.
„Ja, ich war mir noch nie sicherer“, antwortete sie mit fester Stimme.
„Dann vertraue mir bitte. Du siehst mein Bild auf dem Wasser, nicht wahr. Bitte komm zu mir.“S
ein Spiegelbild steckte ihr die Arme entgegen.
Plötzlich wusste sie, was zu tun war und sie vertraute ihm mit allen Fasern ihres Herzens.
Sie sprang.
Es wisperte und flüsterte um sie.
Ein warmer Wind umschmeichelte sie, sie schwebte.
„Willkommen“, wisperte es. „Willkommen bei den Wesen der Luft. Du bist jetzt eine von uns.“
Ehe sie antworten konnte, umfing er sie und sie wußte, dass sie für immer vereint bleiben würden.