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Zuckermausgrau mit Streifen

Februar 26, 2010 in Kurz erzählt von Dirty Harry

www.foto-dahlhoff.de

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Victor Dorn schaute sich interessiert um. Wenn er richtig schätzte – und im Schätzen war er super –, dann tummelten sich etwa 1200 Leute im Tagungssaal und dem dazugehörigen Foyer. Zur Hauptversammlung der Aktiengesellschaft Chemoroxx, einem der renommiertesten Produzenten von Spezialchemikalien in Deutschland, hatten sich 845 stimmberechtigte Aktionäre angemeldet, die 9.105.746 Stimmen vertreten sollten. Der Rest der Gesellschaft setzte sich aus den Angehörigen und Freuden der Anteilseigner zusammen sowie den heuer in großer Zahl beiwohnenden Medienvertretern. Der enorme Andrang, speziell jener seitens der Presse, hatte seinen Grund. Die anstehende Sitzung versprach turbulent zu werden, um nicht zu sagen markerschütternd. Und ihm, Vic Dorn, kam bei diesem Spektakel eine wesentliche Rolle zu.

Das alteingesessene Ruhrgebietsunternehmen hatte schwer Schlagseite bekommen. Eigentlich befand man sich sogar nicht mal mehr in unsicherer Seitenlage, sondern lag schon kieloben. Schwärme von Finanzhaien und Pleitegeiern schnappten in ihrer Fressgier bereits nach dem sinkenden Schiff. Was vor drei Jahren als leichter Abschwung begonnen hatte, war mittlerweile zu einer existenzbedrohlichen Krise ausgeartet. Eine selbstverschuldete Krise, um es klar zu sagen, erwachsen aus Fehlentscheidungen und gescheuten Strukturmaßnahmen. Im letzten Jahr hatte man den Konzern deswegen gar aus dem Verzeichnis der 100 wichtigsten DAX-Werte gestrichen. Eine Schmach sondergleichen, aber noch lange nicht das Schlimmste. Das war der tiefe Fall des Aktienkurses von 12 Euro auf mickrige 2,50 innerhalb von zwei Jahren. Dieser Absturz hatte so richtig ins Kontor reingeknallt.

Vor diesem Hintergrund konnte man sich denken, dass die Stimmung im Sitzungssaal geladen war. So viele finstere Gesichter auf engstem Raum gab es sonst nur im Nahen Osten bei Protestaufmärschen gegen religionsverunglimpfende Karikaturen zu sehen. Victor für seinen Teil hätte nichts dagegen gehabt, wenn es hier und heute genauso rund ging.

Als einer der letzten freien Hauptaktionäre der Chemoroxx hatte er auch allen Grund, stinkig zu sein. Zu viel von seinem Geld war als blauer Dunst durch die Werksschlote in die Atmosphäre geblasen worden. Aber damit würde heute Schluss sein. Er hatte sie alle auf dem Kieker, die Herren aus den Chefetagen, die seiner Meinung nach die Unternehmung fahrlässig an den Rand des Ruins getrieben hatten. Als normaler Aktionär – und trotz seiner beachtlichen Stimmenanteile war er nichts anderes – konnte man der Geschäftsführung nicht so ohne weiteres die Zügel aus der Hand nehmen, aber einmal im Jahr mussten die Bosse Rechenschaft ablegen, und wehe ihnen, wenn sie dabei durchfielen. Und der jetzige Vorstand hatte nicht den Hauch einer Chance, mit heiler Haut davonzukommen, sprich entlastet zu werden. Dafür würde er schon sorgen. Keinen Stein würde er auf den anderen lassen, weder hier im Interconti-Hotel noch im Konzern.

Sicherheitshalber taxierte Victor noch mal sein Abbild in einer der mit Spiegelglas eingefassten Ziersäulen im Foyer, um zu kontrollieren, ob alles an ihm makellos aussah. Er wollte heute zwar liebend gern unangenehm auffallen, aber bitte nicht wegen eines verlotterten Äußeren. Doch ja, befand er, Eigenlob mochte vielleicht stinken, aber seine 1 Meter 87 hatte er formschön in Stellung gebracht. Sein kurzgeschnittenes, braunes Haar lag straff zurückgekämmt ohne einen einzigen Wirbel am Kopf, sein zackig gestutzter Kinnbart verlieh seiner ohnehin markanten Kieferpartie etwas Rücksichtslos-Aggressives. Lediglich die etwas angegrauten Schläfen hätten verraten können, dass er das 40. Lebensjahr bereits überschritten hatte. Extra für diesen Abend hatte er sich Kontaktlinsen besorgt, auf das er jünger und kraftvoller wirkte. Brillen lassen Menschen älter erscheinen, und nichts an seiner Person sollte auch nur im Ansatz so etwas wie Schwäche ausstrahlen. Victor drehte sich seitlich ins Profil und strich sich über den Bauch. Die Diät der letzten Wochen hatte angeschlagen, er schaute drahtig und elastisch aus. Sein teurer, dunkelblauer Anzug saß genauso einwandfrei, wie es die nette Verkäuferin aus seiner Maßschneiderei versprochen hatte. Nun gut, bei der von ihm hingeblätterten Mordssumme war das auch das Mindeste. Selbstzufrieden rückte Viktor seine Krawatte gerade. Nicht, dass es nötig gewesen wäre. Alles perfekt! Von ihm aus konnte es losgehen. Joe Ackermann hatte bei seinem Gerichtsprozess nicht besser ausgesehen. Victor schnalzte selbstverliebt mit der Zunge. Die Redaktion des Stilratgebers von Men’s Health hätte ihm Geld bezahlt, um ihn für ihre nächste Ausgabe ablichten zu dürfen.

Roswitha, seine Assistentin, stöckelte herbei. Sie überreichte ihm eine Akkreditierungskarte und heftete die ihrige an das Revers ihres Hosenanzuges. Auch sie checkte noch einmal seine Erscheinung ab.

„Hach, was sehen sie heute gut aus, Herr Dorn“, befand sie treuherzig, um sofort im Anschluss entschuldigend zu klarlegen, „also, ich meine … nicht, dass sie sonst etwa weniger gut aussehen würden. Ich wollte damit nur sagen, heute wirken sie ganz besonders stattlich.“ Mit jedem Wort war ihre Stimme brüchiger geworden, was sie mit fahrigen Handbewegungen hatte ausgleichen wollen. Freilich ein vergeblicher Versuch. Victor lächelte milde. Roswitha war eine dumme Nuss. Allerdings bloß, wenn sie in seiner Nähe war. Der Grund dafür lag auf der Hand: Sie war hoffnungslos und bis über beide Ohren in ihn verschossen. Infolgedessen überkam sie in seiner Gegenwart stets eine ungeheuerliche Nervosität, die sich in haarsträubenden Ungeschicklichkeiten und Verhaspelungen niederschlug. Victor störte sich nicht dran. Er war ein netter Chef. Respekt sollte man vor ihm haben, keine Angst. Außerdem war Roswitha ansonsten eine höchst kompetente, zuverlässige Mitarbeiterin. Ihr Büro hatte sie voll im Griff, und schon so manches Mal waren ihre Recherchevorarbeiten für wichtige Finanzverhandlungen entscheidend gewesen.

„Danke für das Kompliment, Rosy“, erwiderte er gentlemanlike. „Seien Sie doch nicht so furchtbar nervös. Auf mir liegt doch heute der Druck und die ganze Aufmerksamkeit, nicht auf Ihnen. Und wirke ich etwa aufgeregt? Also bitte, kühlen Sie runter! Hauptsache, Sie haben gleich die nötigen Produktionsdatenblätter und Kalkulationstabellen zur Verdeutlichung meiner Ausführungen parat. Übrigens, wo ist denn Ihr Aktenordner?“

Roswitha wurde schlagartig knallrot. Mit einem „Ach du meine Güte!“ machte sie auf dem Absatz kehrt und hetzte zurück ins Parkhaus, um ihre vergessenen Unterlagen zu holen, die entweder im Kofferraum oder auf dem Rücksitz seiner Karosse lagen. Allein auf dem kurzen Wegstück bis zum Ausgang knickte sie zweimal mit ihren hochhackigen Schuhen um. Victor seufzte und grinste gleichzeitig. Roswitha, Roswitha, dachte er, wenn wir nicht bald den richtigen Mann für dich finden, scheuert dein zentrales Nervensystem vor Überanspannung noch durch.

Victor gestand ein, dass seine Toleranz in Bezug auf ihre Pannenlastigkeit einer gewissen Eitelkeit entsprang. Er mochte es eben, von hübschen Damen angeschmachtet zu werden. Das stärkte sein männliches Ego. Nicht, dass er jemals auf Rosys Freifahrtsignale angesprungen wäre. Mit Frauen konnte er nicht so. Er empfand sie zwar gemeinhin als angenehm im Umgang, aber das große Prickeln setzte bei ihm in ihrer Gegenwart nicht ein. Für die meisten seiner Geschlechtsgenossen mochten Brüste das Höchste sein, aber er fuhr nun mal mehr auf Brusthaar ab. Vielleicht nicht gerade ein wuchernder Bärenpelz, aber so ein neckischer Flaum, gerade dicht genug zum Kraulen, das war doch was Feines …

Abrupt verfinsterte sich seine Miene. Dr. Theo Wurm, der Vorstandsvorsitzende von Chemoroxx, schlich an ihm vorbei. Victor bedachte ihn mit einem giftigen Blick. Das passt, dachte er, dass diese Null durch die Hintertür gekrochen kommt. Bei Wurms Inthronisierung vor sechs Jahren war’s noch der rote Teppich gewesen, da hatte bloß die Krone gefehlt für den neuen Walzerkönig auf dem Börsenparkett. Jetzt wollte sich nicht mal mehr der popeligste Kleinaktionär mit ihm gemeinsam fotografieren lassen. Jaja, so schnell kann sich die Lage ändern. Grimmig schaute Victor dem Noch-Vorsitzenden nach, der sich geduckt an der Wand entlang zur Bühne drückte. Erst wollte er dem wütenden Mob laut Bescheid geben, dass der Stein des Anstoßes angerollt kam, aber er unterließ das denn doch. Er wollte den Wurm stilvoll abmurksen, mit aufgeklapptem Visier, von Angesicht zu Angesicht, in einer offenen Redeschlacht mit dem gesamten Vorstand.

Mitleid mit Wurm und Konsorten verspürte Victor nicht. Das wäre ja auch noch schöner gewesen. Die Bande hatte genau gewusst, welche Strafe auf Versagen stand. Und mal ehrlich, so erbärmlich würde es ihnen nach der Degradierung nicht ergehen. Die anstehende Demütigung würde ihnen mit klingender Münze vergolten werden, im Elend keiner von ihnen landen. Leider! Die Gesamtabfindung würde mit Sicherheit einen dreistelligen Millionenbetrag ausmachen. Da gibt es nun wirklich Schlimmeres. Frag nach bei der normalen Belegschaft, von der nicht wenige den Gang zum Arbeitsamt würden antreten müssen.

Nun ja, Victor wollte jetzt nicht so tun, als läge ihm das Schicksal der gewöhnlichen Arbeitnehmerschaft allzu sehr am Herzen. Unter seiner schnieken Oberfläche verbarg sich ein gerissener, harter Hund. Er war viel zu sehr Finanzmanager, als dass ihn das Mitleid mit der geplagten Werktätigenklasse emotional hätte davonschwemmen können. Wer bedauerte denn ihn wegen seiner Verluste? Na also …

Abgeklärt schaute Victor zu, wie sich der Tagungssaal langsam füllte. Solche Massenaufmärsche waren nichts Neues für ihn. Von derartigen Versammlungen hatte er im Schnitt drei pro Monat. Bei den meisten war der Anlass freilich wesentlich erfreulicher. Immer mehr Personen nahmen ihre Plätze hinter den schlichten, in langen Reihen aufgestellten Bürotischen ein. O ja, die Zeichen standen auf Sturm. Spruchbänder, Banner und Plakate wurden ausgerollt und aufgehängt, und nicht ein freundliches Wort stand auf ihnen zu lesen. Oder doch, eines vielleicht! „Theo, lass dich nicht gehen. Geh selbst!“ War doch nett.

Victor weidete sich geradezu an den grimmigen Mienen seiner Aktionärskollegen. So egoistisch sie auch sonst in ihren Entschlüssen waren, hier waren sich mal alle einig. Die Unternehmensleitung musste weg, und heute würde sie hinfort gefegt werden. Das war sicher. Victor konnte sich deshalb so gewiss geben, weil es im Grunde ausschließlich von seiner Entscheidung abhing. Wenn er sich nachher bei den entsprechenden Abstimmungen sperrte, war es für Wurm und seine Gang vorbei. Victor verfügte einfach über zu viele Anteile, um noch länger ignoriert zu werden. In den letzten Monaten hatte er trotz der prekären Lage des Unternehmens noch mal kräftig zugekauft. Jetzt kam niemand mehr an ihm vorbei. Außerdem hatte er eine breite Phalanx aufgebaut. Seine Schlachtlinie reichte vom Bund der Kleinaktionäre bis hin zu den starken Kreditgeberbanken. Sie alle würden mit ihm stimmen. Eigentlich war der Vorstand selber schuld. Spätestens mit seiner dreisten Squeeze-out-Taktik hatte er die Eigner der im Streubesitz befindlichen Aktien – also der frei am Markt handelbaren Papiere – zutiefst und für alle Zeiten verprellt. Squeeze-out ist der börsentechnische Ausdruck für einen Vorgang, der sich vergleichen lässt mit dem Bemühen eines Elefanten, sich die Mücken, Zecken, Flöhe und Milben von seiner Haut zu pusten. Nun, in diesem Fall war das Ganze schiefgegangen. Das Kleinvieh hatte sich nicht ausquetschen lassen, es hing immer noch fest im Pelz und stand voll im Saft. So, und nun ging’s andersrum weiter, die Mücken würden den Elefanten fällen, ihn beharrlich zu Boden piksen.

Die restlichen Vorstandsmitglieder waren in der Zwischenzeit eingetrudelt. Pagen eilten zu den noch im Flur stehenden Gästen und teilten ihnen mit, dass es in fünf Minuten los gehe. Man solle doch jetzt bitte den Sitzungssaal betreten.

Roswitha hechelte heran, beschwert mit zwei riesigen Ordnern. Victor nickte ihr aufmunternd zu, ihrem entschuldigenden Dackelblick Rechnung tragend. Er ließ ihr den Vortritt, als sie eintraten. Gemessen schritten sie beide zu ihrem Platz. Vorne halblinks, zweite Reihe, zwischen dem Vertreter der Deutschen Bank und dem Chef des Betriebsrates. Der Versammlungsleiter trat ans Mikro, das Gemurmel hörte auf, der kurzen Begrüßung folgte die unnötige Vorstellung der auf dem Podium vertretenen Sachbereichsleiter, Direktoren und Vorständler. Dann begann die Beichte. Die nächsten zwei Stunden wurden bestimmt durch Zahlen, größtenteils rote, und ernste Gesichter, ebenfalls zumeist in rot. Die Ausführungen liefen samt und sonders auf das Gleiche raus: Fallende Erlöse, steigende Beschaffungspreise, ein daraus resultierender Negativgewinn. Alte Hüte, stand alles schon in der Bilanz. Langeweile kam dennoch nicht auf. Die Ersten fingen an zu Murren. Hie und da fielen auch Kraftausdrücke. Die Stimmung heizte sich auf. Victor gefiel’s. Der Tag nahm den erwarteten, erwünschten Verlauf. Vergnügt beobachtete er Dr. Theo Wurm, der unruhig auf seinem Sitz herumrutschte. „Heute ist Dein letzter Tag an der Unternehmensspitze“, schickte Victor seinem Gegenspieler ein telepathisches Grußwort, „gleich stürze ich dich.“

Wurm schien die gedankliche Botschaft tatsächlich vernommen zu haben. Erschrocken hob er den Kopf und starrte suchend, mit angstvoll flackerndem Blick ins Publikum. Er fand nur Wut und Feindseligkeit. Mutlos krümmte sich das Würmchen wieder auf seinem Stuhl zusammen. Aber ihm war nur eine kurze Zeit in seiner Deckung gewährenden Fötushaltung vergönnt. Er musste nun ran. Sein Redebeitrag war fällig. Na dann, gute Nacht! Wurms Vortrag wurde der erwartete Rohrkrepierer. Tapfer trat der Oberboss unter dem eisigen Schweigen des Publikums ans Redepult – und anschließend von einem Fettnäpfchen ins nächste. Böse ausgedrückt, seine Rede war das verbale Äquivalent seiner sich dem Ende neigenden Amtszeit, nämlich eine Serie von Pannen. Wurm startete mit einem Witz und ging damit direkt baden. Das Schweigen wurde nur noch lauter, obwohl der Joke gar nicht mal übel gewesen war. Wurms anschließender Versuch, mit ausgeklügelten Zahlenspielen Kompetenz auszudrücken, brachte ihm hingegen nur Gelächter ein. Als dann auch noch bei seiner PowerPoint-Präsentation der Projektor ausfiel, konnte er sein Vorhaben vergessen, sich als Kämpfer aufzuspielen. Sein fast hysterischer Zornesausbruch ließ ihn jetzt zu allem Überfluss auch noch hilflos ausschauen. Victor schmunzelte wie der Li-La-Launebär. Wurm war mit den Nerven runter. Neben ihm wirkte sogar Roswitha kühl wie ein Eisblock. Mit dem Einsetzen des Frage- und Antwortteils zog Victor die Schlinge um den Hals des Wurms zu. Seine Verbündeten und er schossen abwechselnd ihre Wortpfeile ab, und keiner verfehlte sein Ziel. Ihre Zwischenrufe und -fragen zerschnitten Wurm förmlich. Der Vorsitzende sah aus, als stünde er gefangen in einem Gitternetz aus Laserstrahlen. Widersprüche, Rüffel, Anfechtungen, Drohungen, Insulte und Beschwerden prasselten auf den Vorstandschef ein. Stich für Stich wurde er zerfräst. Victor lief zu Höchstform auf. Anhand Roswithas profunder Infomappen zerpflückte er jedes Gegenargument des Wurms schon im Ansatz. Während seine Assistentin bewundernd zu ihm aufschaute, legte Victor einen wahren Erweckungsgottesdienst hin mit ihm als neuen Messias. Sein Widersacher zerfiel hingegen förmlich zu Staub. Mittlerweile bot Wurm ein zutiefst jämmerliches Bild, sogar im Nadelgestreiften sah er schäbig aus. Durch ständiges Nesteln war die Krawatte verrutscht, sein Kragen hing schief und der oberste Hemdknopf hatte sich gelöst. Zu seinem ramponierten Aussehen kam noch eine ausgeprägte Leichenbittermiene. Alles was noch an Wurm glänzte, war der Schweiß. Bis in die letzte Reihe war erkennbar, wie ihm die Suppe die Stirn hinunterrann. Klatschnass klebte das spärliche Haar am Kopf, an der Nasenspitze sammelten sich dicke Tropfen, die alle zwei Minuten aufs Pult platschten. Nach etwa einer Stunde Trommelfeuer verpasste Victor dem schwer Angeschlagenen den Todesstoß. „Wir erwarten, dass Sie die Konsequenzen ziehen, Herr Dr. Wurm!“, blaffte er. Der Beifall war tosend. Wurm, ganz Opfer, wankte geschlagen zurück zu seinem Platz. Nun denn, formulierte Victor im Geiste in Imperatormanier, so lasset denn die Abstimmungen beginnen. Doch daraus wurde vorerst nichts. Ein Redner stand noch aus, und zwar Dr. Thomas Brennecke, der Finanzchef des Konzerns, der Herr aller Konten. Victor traf es wie ein Blitz. Meine Fresse, sieht der Kerl gut aus, dachte er. Ein junger David Bowie stand vor ihm, gewandet wie der ältere David Bowie. Victors Atem wurde heiß. Gebannt starrte er in Richtung Podium und suchte die dort stehende Gestalt nach Schönheitsfehlern ab. Er entdeckte keine. Sogar das etwas zu lange Haar im Nacken und die leicht unregelmäßigen Zähne störten nicht, sie erhöhten vielmehr den Sexappeal des für seine Position noch erstaunlich jugendlichen Mannes. Nach dem heruntergekommenen Wurm wirkte Brennecke erst recht wie ein junger Gott. Bekleidet war er mit einem Premium Herrenanzug, Schurwolle, grau mit Streifen, der ihn einfach nur umwerfend aussehen ließ. Das Sakko saß in der Länge genau richtig, es endete exakt auf der Mitte zwischen Kragen und Schuhsohlen. Dabei war der Taillenknopf das Zentrum des Anzugs und befand sich etwa auf Höhe des Bauchnabels. Zu dem maßgeschneiderten Anzug trug Brennecke eine handgefertigte Seidenkrawatte, terrakottafarben mit feinen Streifen in Hellblau. Bewundernd tastete Victor den sexy Finanzjongleur mit seinen Blicken ab, und er hätte wer weiß was dafür gegeben, wenn er für die Tuchfühlung nicht bloß die Augen, sondern auch die Hände hätte benutzen dürfen. Aaah, der junge Herr Doktor besaß Geschmack, unzweifelhaft. Man musste nicht mal wie Victor ein Klamottennarr sein, um dies zu erkennen. Was für ein edles Stöffchen: Toccami-Qualität, schlank machende Schnittform, mit Mittelschlitz und schmalen Revers, Paspel-Pattentaschen, klassische Hose ohne Bundfalte. Victor nickte anerkennend. Yessir, so ein Sakko würde er sich auch zulegen, und zwar gleich, nachdem er hier raus war. Brennecke hatte noch kein Wort gesagt, und doch gehörte der Saal bereits ihm. Hinreißend elegant, aber trotzdem lässig stand er da und ließ seine Präsenz auf die sich unversehens beruhigende Allgemeinheit wirken. Ganz hinten in Victors Hirn bimmelte ganz, ganz leise noch eine letzte Alarmglocke. So sportlich und frisch Brennecke auch wirkte, der Aufputz war vielleicht eine Spur zu clean. Victor versuchte, sich zu sammeln. Er musste aufpassen, durfte sich nicht durch dieses „Impression Management“ die Sinne vernebeln lassen. Doch dann zeigte der diplomierte Mathemagier ein unwiderstehliches Lausbubenlächeln, und der letzte Widerstand im Saal erlahmte. Auch Victor, aus zahllosen Konferenzen als strahlender Sieger hervorgegangen, fiel ohne einen einzigen Schuss Pulver. Völlig baff ließ er sich willenlos von Wurms Joker durch den Soll-und-Haben-Dschungel führen. Und was konnte Brennecke reden. Mannomann, wirklich herrlich, als wäre Cicero wiederauferstanden. Brennecke sprach ruhig, beinahe leise, aber sein samtiges Timbre ließ das Publikum und ganz speziell Victor an seinen Lippen kleben. Was er sagte, hatte Hand und Fuß, jedenfalls hätte jeder Zuhörer dies beschworen. Gemeinplätze wurden plötzlich zu Wortgewalt, Entschuldigungen zu Erfolgsgeschichten, Defizitberichte zu Kampfansagen. Victor entgingen die rhetorischen Kniffe nicht, dafür beherrschte er sie selbst gut genug. Allein, er konnte sich nicht wehren. Mit offenem Mund hockte er in einer rosaroten Wolke, festgezurrt von ihren Schlieren und benommen von ihrem Dunst. Als würde er von Schalmeienklängen umschmeichelt, saß Victor becirct da und lauschte. Alles, was zuvor grundfalsch gewesen war, mutete nun richtig an oder kam Victor zumindest halb so schlimm vor. Die immensen Beschaffungskosten für Rohstoffe – nun gut, was sein muss, muss eben sein. Die auf breiter Front unangemessen hohen Löhne und Gehälter – was soll’s, man muss auch gönnen können. Und dass die Produktpalette falsch zusammengestellt worden war – na ja, wir alle machen Fehler. Mit dem Begriff Missmanagement ist man immer so leicht bei der Hand, dabei geziemt es sich nicht, vorschnell zu urteilen, besonders nicht in der Hochfinanz. Gut, sicher, dass einige wichtige Patente verschlampt worden waren, hätte man verhindern müssen. Aber in dem hektischen Tagesgeschäft kann einem echt schon mal was durchgehen, und es war ja schließlich keine Absicht gewesen. Bestimmt nicht! Außerdem sei gar nicht die Führungsriege für das gegenwärtige Dilemma verantwortlich, sondern der Staat. Na klar, wer sonst! Die Rahmenbedingungen stimmten nicht mehr, besonders galt dies im Bereich der Steuern. Warum sonst würde die Chemoroxx in Ländern der so genannten Dritten Welt expandieren wollen und dort so rasch Fuß fassen? Victor schämte sich jetzt beinahe. Was zuvor gerechter Zorn gewesen war, erschien ihm nun als peinliche Erbsenzählerei. Drei Millionen Euro hatte Victor die Unfähigkeit der Firmenleitung gekostet, aber ach, sei’s drum, er besaß ja noch sieben. Verzückt horchte er Brenneckes In-extenso-Erläuterungen zum Themenbereich „Absatzschwankungen bei modifizierten Siliconen und organischen Oligomeren“. Mensch, wenn er gewusst hätte, wie interessant und spannend dieses Sachgebiet war, hätte er sich schon viel eher damit beschäftigt. Hach, Dr. Tom, was bist du süß, schwärmte er in Gedanken wie ein liebestoller Teenager. So begeistert er zunächst von dem noblen Fulldress gewesen war, so sehr störten ihn nun die Stoffbahnen. Unwillkürlich begann er, sich Dr. Tom nackt vorzustellen. Das Wasser lief ihm dabei im Mund zusammen. In seinem Oberstübchen spulte Victor seinen eigenen Film ab: Pink Narcissus Part 2. Er bemerkte gar nicht, dass er nunmehr beinahe ebenso stark transpirierte wie sein Erzfeind Theo Wurm. Aber er bemerkte etwas anderes. Herrje, das letzte Mal, dass er so einen Ständer gehabt hatte, war noch zu der Zeit von Helmut Kohls Kanzlerschaft gewesen. Hätte man ihn jetzt nach vorn ans Podium gebeten, wäre er gezwungenermaßen auf drei Beinen dorthin gestelzt. Victor bemühte sich, an etwas Unattraktives oder gar Widerliches zu denken. Frösche, Spinnen, der Nudelauflauf seiner Mutter … nichts half. Im Gegenteil, sein bestes Stück legte befremdlicherweise noch an Ausdehnung zu. Verdammt, musste ausgerechnet jetzt seine Libido entflammen?! Victor schwitzte Blut und Wasser. Wenn das nun jemand sah … Er strengte sich weiter an, seine Fantasie warf bereits Blasen: gekochter Spinat, eine Raucherlunge, Punk Outfits, Inge Meysel, verwesende Leichen … willst du wohl einlaufen … noch mehr Spinnen, Frauenfußball … Dr. Theo Wurm! Flopp, sein Freudenspender zog sich wie schockgefrostet zusammen. Na Gott sei Dank, atmete Victor auf, das war knapp gewesen! Er gewahrte, dass Roswitha ihn verlegen musterte. Sie hatte sicherlich etwas bemerkt, ihr enttäuschter Blick sprach Bände. Als Victor sie unsicher anlächelte, blickte sie bockig nach vorn. Victor tat es ihr gleich. Zum Henker, Dr. Tom stand dort noch immer im Adamskostüm. Mit aller Konzentration bemühte sich Victor, ihn wieder anzuziehen. Es half nichts, die Blutgefäße schwollen erneut an. Nur Augenblicke später hatte er abermals einer Boner in Fahnenmastgröße. Aber jetzt war ihm das auch egal. Er hatte es versucht, es ging halt nicht. Und außerdem, eigentlich sollte er sich freuen. Immerhin war er nicht mehr der Jüngste, dass er ohne Pillen oder sonstige Hilfsmittelchen noch zu solch einer mächtigen Latte fähig war, verlieh doch Lebensmut. Er verkantete die Beine in sichtversperrender Stellung, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ seinen Kopffilm weiterlaufen. Trotz seiner verkrampften, unbequem Körperhaltung entspannte er innerlich. Während sich seine Gedanken um „La bella figura“ drehten, endete Dr. Brenneckes Redebeitrag. Die Abstimmungsprozedur startete. Punkt für Punkt wurde nun mit Bitte um Handzeichen über das Wohl und Wehe der Chemoroxx entschieden. Victor bekam von alledem nichts mit. Er saß da und träumte. Er bemerkte nicht, wie die Zeit verstrich, bekam nichts mit von dem Tuscheln um ihn herum und erst recht nichts von den zahlreichen fragenden Blicken. Auch Roswithas verzweifeltes Stupsen und Armrütteln schreckte ihn nicht auf. Mit einer unwirschen Geste und einem bösen Zischeln bedeutete er ihr zu schweigen, und treu wie sie war, folgte sie ergeben. Verklärt hing Victor seinen erotischen Fantasien nach, die Augen geschlossen und die Ohren auf Durchzug. Dann war die Sitzung vorbei. Der Vorstand droben auf der Bühne applaudierte schüchtern, unten im Auditorium herrschte Fassungslosigkeit an der Grenze zum Entsetzen und Totenstille. Eben diese abnorme Geräuschlosigkeit ließ Victor aufwachen. Verwirrt schaute er sich um, irgendetwas stimmte nicht. Was sollen denn all die bösen Blicke, grübelte er … Dr. Wurm trat die Stiegen der kleinen Treppe hinab, trat mit dankbarer Miene und Tränen in den Augen zu Victor und schüttelte dem völlig Verdutzten voller Rührung die Hand. Sogar einen Schulterklopfer gab es. Langsam realisierte Victor, was da gerade passiert war. Das durfte doch nicht wahr sein! Er hatte sich blenden lassen, war eingelullt worden von einer hübschen Larve. Sein Magen, sein Herz, seine Atemwege, sein Gehirn – es gab kein Organ in seinem Körper, das sich nicht zusammenklumpte. „Ach du Scheiße“, war alles, was er denken konnte, immer nur „Ach du Scheiße“. Fast eine Viertelstunde stand er wie vom Donner gerührt im Raum, Mittelpunkt der wütenden Musterungen und geifernden Hasstiraden derjenigen, die nicht zum Buffet abgedampft waren. Roswitha hatte bei ihm ausgeharrt, aber nur widerwillig und aus Pflichtgefühl. Als sie sah, dass das Blut wieder durch seinen Kreislauf zu pulsieren begann, hielt sie ihre Aufgabe für beendet.

„Ich geh dann mal zum Wagen“, bemerkte sie spitz. Und weg war sie. Ohne zu stolpern.

Mit eckigen Bewegungen drehte sich Victor um in Richtung Ausgang. Am hinteren Ende des Saales sah er Dr. Thomas Brennecke stehen, ein Gläschen Sekt in der Hand und im Plausch mit ein paar VIPs. Kurz streiften sich sein und Victors Blick. Brennecke lächelte, aber keineswegs hämisch. Er nickte Victor sogar freundlich zu. Nanu, sollte da vielleicht was gehen? Jäh fand Victor wieder in die Rolle des Jägers zurück. Die Schlacht mochte verloren sein, wahrscheinlich sogar der Krieg, aber zu Beutefeldzügen kann man zum Glück immer wieder aufs Neue aufbrechen. Irgendwo gibt es immer irgendwas zu gewinnen, Begehrenswertes existiert in den verschiedensten Formen. Diese Vielfalt sollte man unbedingt ausnutzen, keine Gelegenheit zur Eroberung verstreichen lassen. Wer nicht kämpft, hat schon verloren – im Krieg wie in der Liebe!

Völlig von der Rolle

Februar 4, 2010 in Kurz erzählt von Netzkritzler

fertigAu weia. Gestern war hier im Chat vielleicht was los. Man könnte glatt meinen, es ist Vollmond :-)
Unter anderem entstand die Idee für eine gemeinsame Fortsetzungsgeschichte, in der unbedingt die Wörter Roulade, Rollade und Rollator vorkommen müssen.

Mit genau dieser geht es jetzt los. Jeder darf mitschreiben. Die Fortsetzung wird jeweils als Kommentar hier unter den Artikel gesetzt. Jede Fortsetzung darf höchstens 10 Zeilen lang sein. Ich füge die Fortsetzungen einmal am Tag an die Geschichte an. Alles klar? Dann geht’s los:

Mit geschickter Hand zog Karl die Krawatte zurecht. Ein prüfender Blick in den Spiegel bestätigte ihm, dass er in den kommenden Stunden zumindest optisch einen guten Eindruck machen würde. Noch einmal kämmte er sein Haar quer über die kahle Stelle auf seinem Hinterkopf. Noch ein wenig Taft, dann waren die Strähnen derart fixiert, dass sie auch bei Windstärke 6 nicht kraftlos neben dem Ohr herabsinken würden. Karl schlurfte in den Flur, zog Mantel, Schal und Hut an und begab sich dann, auf den Rollator gestützt, auf den Weg zum Fahrstuhl.

In Gedanken sah er sich mit federndem Schritt und lässigem Schwung in der Hüfte, den Weg bis zum Lift gehen. Seine eingeschränkte Mobilität machte ihm sehr zu schaffen. Zumal seine Eitelkeit es nicht erlaubte, sich mit dem Rolator zu zeigen. Mürrisch sah er sich in der Spiegelwand des Fahrstuhls an. Wenigstens konnte er so sehen, ob die Strähnen dekorativ gelegt waren.
Einen Moment zu lange hat er sich bewundert. Kurz bevor Karl an der Tür ist, schließt die Kabine sich wieder und bringt ihn in den 7. Stock. Bestimmt muss er dann auch wieder mit in die Tiefgarage fahren. Er mag es nämlich gar nicht, wenn Jemand seinetwegen warten muss.

Frau Schmitz. Schon wieder! Als sich die Fahrstuhltür öffnete, wünschte sich Karl nichts sehnlicher, als mit einem gewagten Sprung dem Fahrstuhl entfliehen und die Treppen hinablaufen zu können. Doch nun war er mit diesem Quasselweib im Lift gefangen und es gab kein Entrinnen. “Oooh, Herr Wedel, Sie haben sich aber fein gemacht! Man könnte ja meinen, sie hätten ein Rendevouz!” Sie unterbrach ihr Gesäusel für 5 Sekunden, wohl in der Erwartung einer Antwort. ‘Du kannst warten, bis Du schwarz wirst’, dachte Karl und blickte demonstrativ auf die Etagenanzeige, die nur schneckenlangsam Rettung verhieß. Noch 4 Stockwerke. “Mein Mann, Gott hab ihn selig, hat sich ja auch immer so fein gemacht, wenn er mit mir zum Tanzkaffee gegangen ist.” Noch 3. “Er hat immer gesagt ‘Hilde’, hat er gesagt, ‘wenn man ausgeht, muss man gut aussehen’.”

‘Seh ich aus, als wenn ich zum Tanzcafè gehe?’, denkt Karl. ‘Mit dem Rollator! Die Olle hat ne Meise’ Karl guckt grimmig. Frau Schmitz stört das nicht. “Und er hat auch immer gesagt: Hilde, hat er gesagt, man muss das Leben genießen so lange man noch kann. Und nun ist er tot. Schon zwei Jahre.” Erdgeschoss. Gott sei Dank! Karl schickt ein Stoßgebet zur hellerleuchteten Fahrstuhldecke. Aber das Elend nimmt kein Ende. Ausgerechnet die alte Schmitz erdreistet sich, Karl mit ihrem dicken Hintern die Lifttür aufzuhalten, damit er nicht wieder rauf und runter fahren muss. “Kommen Sie Herr Wedel. Ich bleib mal zwischen den Türen stehen, damit die Tür nicht so schnell wieder zugeht.” Es gibt nichts peinlicheres für einen alten Mann, als sich von seiner unbeliebten etwa gleichaltrigen Nachbarin helfen zu lassen. Noch dazu, wenn diese die Hausmafia in Person ist. Morgen spricht der ganze Block darüber, dass er nicht mal mehr allein aus dem Fahrstuhl kommt. ‘Der Tag ist hin. Eigentlich könnt ich nun auch gleich zu Hause bleiben.’ denkt sich Karl, während er ein “Danke Frau Schmitz.” aus sich herauspresst.

Die Worte pressen sich leichter aus seinem Mund als Karl sich an Frau Schmitz vorbei. Ihr volumunöser Körperbau mit den nicht minder ausladenden Brüsten ragen so weit in die Fahrstuhltür, dass Karl nicht ins Freie gelangt, ohne Körperkontakt mit Frau Schmitz aufzunehmen. Der verzweifelte Versuch, sich durch einen kräftigen Rempler mit dem Rollator etwas mehr Platz zu verschaffen, scheitert kläglich. Die Fahrstuhlmasche ist die einzige Gelegenheit, bei der Frau Schmitz körperliche Nähe zu einem Mann erfährt, und eine solche Chance lässt sie sich nicht entgehen. ‘Es kann nur noch besser werden’, denkt Karl, ’schlimmer wird’s nimmer’.

Als beide in der Tür stecken, scheint sich Frau Schmitz aufzublähen wie ein Luftballon, nichts geht mehr, kein vor, kein zurück. Karl merkt, dass Frau Schmitz die Intimität des Augenblicks genießt. Und er ist überrascht. Nachdem er sich sicher ist, dass niemand in der Nähe ist, fühlt sich der Leib, der sich da an ihn presst, ganz warm an und weich. Aber nur für einen Moment lässt Karl diese Schwäche zu, mit aller Gewalt presst er sich ins Freie. Als der Druck plötzlich nachlässt, schießt Karl mit dem Rollator mit Wucht über den Flur, auf die gegenüberliegende Wand zu. Dann, wie eine Billardkugel, prallt er ab und stürzt die Treppe hinab, ein rasendes Gepolter. Erst auf dem nächsten Flur endet der Unglücksflug. Als er die Augen aufschlägt und beginnt, seine Knochen zu zählen, beugt sich das besorgte Gesicht von Frau Schmitz über ihn. “Karl”, haben Sie sich etwas getan! Bitte, so sprechen Sie doch!

“Hilfe…, Hihilfeeee. Soo helfen Sie uns doch.” Panisch kreischt Frau Schmitz im Hausflur rum. “Pssstttt. Sie trommeln noch das ganze Haus zusammen!” zischt Karl. “Gott sei Dank. Sie leben.” Frau Schmitz ist sichtlich erleichtert. “Ja, ja. So schnell stirbts sich nicht.” brummelt Karl und versucht sich aufzusetzen. ‘Meine Güte, ist das peinlich.’ denkt er sich. ‘Da liege ich dieser Schreckschraube zu Füßen.’ Vergessen ist der kurze Moment des erotischen Knisterns. Jetzt ist praktisches Denken gefragt. Immerhin muss Karl irgendwie wieder in die Senkrechte kommen. Frau Schmitz, die ihm helfend unter die Arme greifen will, wehrt er ab und klapst ihr auf die Finger. “Setzen Sie sich doch bitte auf meinen Rollator. Dann kann ich mich gut aufstützen und komme alleine wieder hoch.” Karls Bitte klingt wie ein Befehl. Frau Schmitz gehorcht und Karl rappelt sich auf die Knie und dann ganz langsam auf die Füße. Ihm wird ein wenig schwummerig und er betastet seinen Hinterkopf. “Oh jeh, das wird ne mächtige Beule.” Frau Schmitz drückt besorgt an Karls Kopf herum.

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Bildquelle: Hulemule

Simsalablubb

Januar 13, 2010 in Kurz erzählt von Dirty Harry

www.foto-dahlhoff.de

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Der kleine Mann mit dem viel zu großen Turban wischte sich den Schweiß von der Stirn und ließ sich erschöpft in eines der vielen Plüschkissen sinken, die in dem ebenso gemütlich wie verschwenderisch eingerichteten Wohnraum verstreut lagen. Endlich Ruhe! Was war das heute wieder für ein hektischer Arbeitstag gewesen, nicht zum Aushalten. Aber jetzt war Feierabend. Zeit zum Ausspannen. Ein schönes Glas Wein wäre jetzt das Richtige, dachte der schmächtige Orientale, und schwupps hatte er auch schon ein solches in der Hand. Doch noch bevor er den ersten Schluck hatte nippen können, hupte plötzlich ein Signalhorn. Dazu erklang eine laute Stimme: „Ich rufe dich, Jim’bi-Im! Erscheine!“ Der Angesprochene verzog angesäuert das Gesicht, stieß einen gequälten Laut aus und schmiss wütend das Weinglas an die Wand. Nicht schon wieder! Kopfschüttelnd hob der kleine Mann vom Boden ab, schwebte zu einem geräumigen, offenen Leitungsrohr, das nach oben führte, und verschwand in dem dunklen Loch.
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von Gekka

Have Yourself A Merry Little Christmas

Dezember 21, 2009 in Kurz erzählt von Gekka

Ich schloss die Tür des Hotelzimmers auf, stellte die Reisetasche ab und sah mich um. Es war gemütlich eingerichtet, mit einem kleinen Kühlschrank, Fernseher und einem Tisch, vor dem zwei Sessel standen. Wehmütig blieb mein Blick am frisch bezogenen Doppelbett hängen, das neben dem Fenster stand.
Seufzend zog ich meinen Mantel aus, holte mein Handy aus der Manteltasche, legte es auf den Tisch und ging ins Bad. Ich wusch meine Hände und schaute in den Spiegel. Ich sah nicht besonders gut aus, traurige, müde Augen blickten mich an. Was machst du jetzt allein an diesem 24. Dezember, schienen sie zu fragen, und die unglückliche Frau im Spiegel zog die Schultern hoch.
Auf eine Nachricht von Walter warten? Ich schüttelte widerwillig den Kopf. Nein, das war zwecklos, darauf brauche ich nicht warten, rannte aber ins Zimmer zurück und stellte mein Handy lauter, damit ich es auch klingeln hörte.

Ich sah zum Fenster hinaus. Draußen gingen die Laternen an, die kleine Stadt wirkte wie mit Puderzucker bestreut. Irgendwo läuteten Kirchenglocken. Wie oft hatte ich das jetzt schon erlebt, dass Walter mich versetzte? Dass er etwas versprach und es nicht hielt.
‘Aber sicher, Kleines, wir verbringen Weihnachten zusammen. Bis dahin habe ich alles mit meiner Frau geklärt’, hörte ich ihn sagen. Und ich dumme Pute glaubte ihm. Schlug die Einladung meiner Eltern aus – ‘Kind, komm doch wenigstens Weihnachten mal nach Hause’ – und sagte bei meiner Schwester ab – ‘Nicht, dass du Heilig Abend allein bist, komm doch zu uns, Berit und Jonas freuen sich, ihre Tante zu sehen.’
Aber nein, ich hatte mich auf Walters Wort verlassen. Bis ihm vor ein paar Tagen einfiel, dass doch nicht alles mit seiner Frau geklärt sei, und er herumdruckste: ‘Ich gehöre zu den Kindern an Weihnachten, das verstehst du doch, Kleines?’
Natürlich verstand ‘Kleines’ das.

Seufzend schaute ich noch mal auf das Handy. Keine neue Nachrichten …es war mir aber so, als wenn es gepiepst hätte.
Ein langer heiliger Abend lag vor mir, ein einsamer Abend. Aber ich wollte es so, deshalb war ich gefahren. Das Zusammensein mit meiner Familie hätte ich heute nicht ertragen, die fragenden, verstohlenden Blicke…das traute Familienleben meiner Schwester, die strahlenden Kinderaugen unterm Tannenbaum.

Nein, ich wollte heute Abend, ausgerechnet heute Abend allein sein. Ich musste nachdenken, wollte die Geschenke auspacken, die alle mir mitgegeben hatten. Nicht mal zum Abendessen ins Hotelrestaurant würde ich gehen. Ich hatte auch keinen Hunger, aber – ich konnte mir auch nicht vorstellen, allein dort zu sitzen, inmitten all der fröhlichen Menschen.

Ich packte den Wein aus, ein Geschenk von meinem Kollegen Paul. ‘Für eine schöne Stunde – wünsche dir frohe Weihnachten’ stand auf seiner Karte. Ich musste dran denken, wie sehr er mir den Hof machte, wie ungeschickt er mit mir flirtete, und wie kühl ich ihn immer abwies.
Ich suchte nach einem Glas und goss mir etwas von dem Wein für die schöne Stunde ein. Das war sie jetzt. Ich stellte das Radio an. Es wurden, wie konnte es anders sein, Weihnachtssongs gespielt.
Nur mein Handy blieb stumm.

Meine Schwester hatte ein paar Strümpfe für mich gestrickt, obwohl sie gar nicht gut stricken konnte. Gerührt zog ich sie an. ‘Dass du all das bekommst im neuen Jahr, was du dir wünschst, und endlich die große Liebe triffst’, hatte sie auf die Karte geschrieben.
Ich schluckte.
Dann packte ich das Geschenk meiner Freundin aus – ein Kriminalroman. ‘Wenn du mal Langeweile oder Muße hast’, stand auf der ersten Seite. Nun hatte ich sowohl das eine als auch das andere. Der Abend war gerettet.

Der gelbe Schein der Nachttischlampe tauchte das Zimmer in ein gedämpftes Licht, das Radio dudelte leise vor sich hin. Ich streckte mich auf dem Bett aus, nahm den neuen Roman, schlug die erste Seite auf, aber als die Buchstaben zu verschwimmen begannen, klappte ich es zu und starrte an die Decke.
So viele Menschen gab es in meinem Leben, die sich um mich kümmerten, die mit mir Weihnachten feiern wollten. Und nun – nun saß ich hier allein in einem fremden Hotelzimmer.
Selber schuld. Ich hatte ihm geglaubt. Wie lange wollte ich das eigentlich noch ..?

Im Radio sang Judy Garland gerade mit weicher Stimme mein liebstes Weihnachtslied ‘Have yourself a merry little Christmas’, als mein Handy summte. Eine sms. Endlich! Vielleicht kommt er ja doch noch nach? Ich sprang mit einem Satz aus dem Bett und rannte zum Tisch.

‘Ich ruf dich an, wenn hier alles schläft. Wird spät. Vermisse dich. Frohe Weihnachten, Kleines.’

Have yourself a little merry Christmas, let your heart be light, from now on, our troubles will be out of side…

Ich antwortete ihm: ‘Ich wünsche dir und deiner Familie auch frohe Weihnachten, Walter.’

Und dann schaltete ich mein Handy aus. Ich legte es ganz unten in die Reisetasche, zog den Reißverschluss zu, schob die Tasche in den Schrank und schloss ihn ab.
Plötzlich verspürte ich Appetit. Vielleicht sollte ich doch eine Kleinigkeit essen gehen ..?