Einfall

Stoß den Turm,
auf dass die Klötzchen
purzeln!

Rat an den Stiesel

Du magst immun sein gegen Konventionen
bezüglich deines Habitus. Innere Werte zählen.
Du sagst, mit Schick soll ich dich bloß verschonen,
dich nicht mit Mode, Stil und teuren Marken quälen.

Schon recht, die Ansicht will ich gerne teilen.
Dein Zauselbart, das Stieselhemd, die ausgebeulte Hose -
nicht schlecht, ich mein: was sollst du an dir feilen.
Der beste Fraß ist selten in der schönsten Dose.

Bedenke nur: willst du dein Weib zu dir auf´s Sofa locken,
versuch es besser nicht mit Löchern in den Socken.

Kapuze

Im Hall des Treppenhauses
pfeift es sich gut,
zwei Stufen auf einmal,
rhythmisch,
bis in den zweiten Stock.

Hinunter sogar drei.
Jedoch mehr Stolperpolter,
ohne Geländer,
mehr Flucht als Pfiff.

Im Erdgeschoss schüttet es.
Zieh die Kapuze auf.

Schwarze Magie

Sie hielten sich an den Händen
umarmten sich
küssten sich
streichelten sich
schmiegten sich aneinander
ohne sich zu berühren

Plagliatelle

Kaum trag ein neues Lied ich vor, dass jemand schwört:
das hab ich doch schon irgendwo einmal gehört!
Den frischen Vers, den ich soeben erst erdacht,
kennst du so ähnlich schon und fragst mich: selbst gemacht?

Was ich erfinde, gibt es schon, es ist verzwickt,
profan erscheint mein Geistesblitz und ungeschickt.
Motive, Harmonien, alles von der Stange,
die Grundidee hatte ein anderer schon lange.

Für euch Belesene,
schon überall Gewesene –
Gebildete und Intellektuelle,
für euch kreiere ich an dieser Stelle
meine eigene Nudel: die Plagliatelle.
Sozusagen mein Jüngstes Gericht –
so, und das gab´s bislang nicht!

Verlockung

Mein Kind,
verschreib dich keinem Dichter
nie!

(wenn du kannst…)

Wenn auch sein Versmaß Träume spinnt
und seine Poesie
mit dir durch Wolken tanzt -

im Alltag liebt er deutlich schlichter.

Schnaps statt Blumen

Der folgende Text ist der Beginn einer etwas längeren Geschichte, die für eine Veröffentlichung in diesem Forum deshalb nicht taugt. Aber vielleicht macht euch der Anfang ja ein bisschen neugierig – und ihr seht, womit ich mich im Moment so beschäftige.

Wie gut, dass es hier keinen Spiegel gibt. Eitelkeit ist bei uns nicht gefragt. Wir sehen schrecklich aus. Ich selbst bin noch gut dran, die Zeit hat das ihre getan. Mein Gerippe liegt bleich und trocken einigermaßen in Reih und Glied. Aber die Kollegen am Hang sind mit der Zeit ziemlich durcheinander gepurzelt. Und die, deren Körper noch nicht so lange begraben sind, müssen sich noch mit Wurmfraß und Verwesung rumschlagen. Na ja, da mussten wir alle mal durch. Außer den Urnis, aber die beneidet hier keiner. Die liegen vorn direkt an der Hauptsraße und werden von den Lastern durchgerüttelt, dass die Urnendeckel klappern! Was tut ein Urni bei der Seebestattung? – Er macht sich aus dem Staub. Na ja. Urniwitze sind hier ziemlich populär.
Das Erste, was du hier unten lernst ist: Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Es ist so einfach, dass man sich fragt, was man sich als Lebender alles zurecht spinnt, um darauf zu kommen – wenn überhaupt. Alle tote Materie ist nur solange real wie es Leben gibt. Ist doch klar, gäbe es kein Leben im Universum, kein Mensch, der darüber nachdenken könnte, kein Tier, das durchs Gras krabbelt, kein Baum, der sich in den Boden krallt, nicht einmal das kleinste Pantoffeltierchen, nirgendwo: dann gäbe es auch die Materie nicht. Kapiert? Wenn sie nicht wahrgenommen werden kann mit lebenden Sinnen, ist sie futsch, weg! Die Materie ist eine Wahrnehmung des Lebens. Wir Toten haben nichts davon. Wir sehen noch nicht einmal schwarz. Aber ich komme ins Schwafeln.
Schade, dass ich das nicht alles schon vorher so klar gesehen habe – ich wäre bestimmt ein berühmter Philosoph geworden! Ich könnte euch noch ganz andere Geheimnisse erzählen, das würde dicke Bücher füllen! Ich hätte mehr in die Sonne blinzeln sollen in meinem Leben. Ein bisschen mehr Diogenes. Oder Huck Finn. Das denke ich immer, wenn Sam am Grab steht. Er kommt immer noch, wenn auch seltener, nach all den Jahren, ich wundere mich, dass er nicht selbst schon dran ist. Er hat immer zwei kleine Flachmänner mit, einen entleert er auf meinem Grab, den anderen gießt er sich selbst „auf ex“ hinter die Binde. Sam ist so ein Huck Finn. Er schläft zwar nicht in der Tonne, aber er sucht darin nach Pfandflaschen und lebt in einem winzigen Wohnwagen, für den er einen billigen Dauerstellplatz in der hintersten Ecke eines abgewrackten Campingplatzes an der Ruhr gemietet hat, direkt unterhalb einer Autobahnbrücke. Ich selbst war Bänker, nur Geld und Karriere im Kopf. Ich ging über Leichen, wie man sagt. Nun bin ich selbst eine. Und ich hatte Asche, viel Asche! – Wie die Urnis.

Dr. Forsch und sein Navi

Dr. Forsch bastelt
an seinem neuen Navi.
Er will es so programmieren,
dass ihn alle Wege nach Rom führen.
Forsch will endlich mal wieder
jemandem zeigen,
wo es lang geht.

Sein altes wurde bei einem Unfall beschädigt.
Forsch war mit seinem Wagen
kopfüber
in einem Graben gelandet,
und sein Navi plärrte nur noch
„bitte wenden“.

Forsch hat es jetzt
an seiner Pfanne installiert,
damit nichts mehr anbrennt.

Für die Erfindung hat er schon
ein lukratives Angebot
von einem Sonnenstudio.

Seiten

Euch zeig ich gerne alle meine Seiten,
die sich im Lauf der Zeit mit Schönschrift füllten.
Du aber darfst mich in mein Herz begleiten,
dir zeig ich auch die heimlichen, zerknüllten.

augenspiel

bloß
ein gedanke
an dein augenspiel

dein hauch
ein tupf deiner lippen

verschleiert sacht mir die sinne
zieht langsam von innen unten herauf
ein schleichendes nebelweben
süßherber düfte
lockt zarte gespinste
hinter geschlossene lider
tuscht schamlose bilder
so weich und rund
so warm und prall
und bloß

ein gedanke
an dein augenspiel