„Geh!“

„Geh!“, sagst du und ich küsse dich und wende dir meinen Rücken zu. Zuhause nehme ich meinen leicht verstaubten Globus vom Schrank und plane meinen Weg.

Mein Finger zieht eine Spur nach Moskau, von dort mit der transsibirischen Eisenbahn nach Peking – das wollte ich immer schon mal machen, weißt du – dann über den Pazifik nach San Francisco, quer durch die USA nach New York und über den Atlantik zurück.

Ich denke nach. Südwärts! Italien, das Licht der Toskana im Gepäck, dann über’s Mittelmeer nach Kairo, quer durch Afrika, durch Wüsten, Regenwald und Savanne, am Kilimandscharo vorbei nach Kapstadt. Dort, am Ort der Guten Hoffnung, schiffe ich mich ein in die Antarktis, obwohl Kälte nicht mein Ding ist, aber die Pinguine sehen und die Robben und ein Stück Natur, das vielleicht bald keins mehr ist. Quer durch das ewige Eis, weiter nach Feuerland und Patagonien und ich denke an Bruce Chatwin und wie sehr er diese Landschaft liebte. Weiter geht es nordwärts, durch Chile auf der Traumstraße der Welt. Abstecher nach Machu Pichu, weiter, weiter, Mexiko, USA, Kanada, Grönland, Island, dann bin ich zurück.

Nun werde ich verwegen, reise, wie ich es nie tat, durch den Balkan, Türkei, Iran, Afghanistan, als Frau ohne Kopftuch. Sie starren mich an und werfen mit Steinen nach mir. Indien, Nepal, den Mount Everest rauf und runter ohne Atemmaske. Ich fahre nach Singapur und spucke auf offener Straße einen Kaugummi aus. Ich lasse mich in China mit Drogen erwischen, durchquere die asiatischen Tropen und segle allein durch’s indonesische Piratengebiet. Was soll’s? Was soll’s ohne dich? Ich habe Glück und werde entführt, Pech, sie bringen mich nicht um, sondern lassen mich gegen Lösegeld frei und der Typ von der deutschen Botschaft begleitet mich unter dem Jubel der Presse nach Hause.

„Geh!“, hast du gesagt und ich bin gegangen, von West nach Ost, südwärts und in den vermeintlich sicheren Tod.

Am Ende nehme ich meinen Globus und stelle ihn dir ins Zimmer. Ich küsse dich und du spürst den Staub auf meinem Finger und weißt: Es führen doch alle Wege zu dir zurück.

  • Jeder Mensch hat seinen eigenen Globus, der sich im Lauf des Lebens mit Ländern und Landschaften füllt. Ob die Reise durch das Leben ein Abenteuer wird, bestimmt jeder selbst. Und wo der Ort ist, an dem man sein Fähnchen einsticht.

Du musst eingeloggt sein, um zu kommentieren.