fridas Filmkritik: Christian Petzolds „Barbara“

Zugegeben, ich gehörte bisher nicht zu den Fans der Filme des Regisseurs Christian Petzold. Obwohl mir sein Ansatz bei „Dreileben – Etwas besseres als der Tod“ (Dreiteiliger Fernsehfilm von 2011) – überraschend am besten gefiel. Petzold, der gemeinhin zur sog. „Berliner Schule“ gezählt wird, schien sich weiterentwickelt zu haben – weg von den statischen Bilder, hin zu mehr Emotionen in der Story, zu mehr Zuschauerfreundlichkeit.

Sein neuester Film „Barbara“, hochgelobt von der Kritik und mit einem „Silbernen Bären“ für die Beste Regie belohnt, bestätigt diese Weiterentwicklung in vollem Maße. „Barbara“ ist großes Schauspielerkino, mit ruhiger, aber nicht statischer Hand erzählt, voller unterdrückter Emotionen.

Die Story ist angesiedelt Anfang der 80iger Jahre in der DDR. Dr. Barbara Wolff (Nina Hoss), ehemals Ärztin an der Charitè, wird in die Provinz zwangsversetzt, weil sie einen Ausreiseantrag gestellt hat. Weiterhin von der Stasi schikaniert, hat Barbara bereits völlig mit dem System DDR abgeschlossen. Entsprechend distanziert verhält sie sich gegenüber ihrer Umwelt und ihren neuen Kollegen, insbesondere ihrem Chef, Oberarzt Dr. André Reiser (Ronald Zehrfeld), dem sie per se unterstellt, mit der Stasi zusammenzuarbeiten, da er offensichtlich schon rundum über sie informiert ist.

André Reiser ist jedoch weder ein heimlicher Stasi-Zuträger noch ein heimlicher Regimegegner. Er gehört zu jenen DDR-Bürgern, die sich pragmatisch mit dem System arrangiert haben. Er lotet dessen Grenzen aus und sieht sich in erster Linie als Arzt in der Pflicht. So kann er ebenso vorurteilslos der schwerkranken Frau des Stasi-Offiziers Morphium verabreichen wie einen jungen Suizidalen behandeln, ohne diesen gleich zu melden.

Barbaras Abgeschlossenheit bekommt Risse, als ein junges Mädchen, Stella, eingeliefert wird. Für Stella, einer Insassin aus dem berüchtigten Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau, wird Barbara, die sich intensivst um das Mädchen kümmert, zu einer Art Mutterersatz. Reiser steigt wiederum in ihrem Ansehen, als dieser in seinem selbst gebastelten Labor ein Serum für Stella herstellt, nachdem Barbara die richtige Diagnose gestellt hat.

Im engen Kosmos der Klinik und der Kleinstadt trifft Reiser Barbara öfter und persönlicher, als ihr lieb ist. Als Reiser Barbara, die sich mehrfach heimlich mit ihrem westdeutschen Freund trifft und schon längst ihre Flucht nach Dänemark geplant hat, gegenüber indirekt seine Gefühle offenbart, begegnet sie ihm mit großer Vorsicht, kann sich aber auch dessen unausgesprochenem Werben nicht gänzlich entziehen. Stella, die später noch einmal aus Torgau dann zu Barbara flüchten wird, wird letztendlich zum Katalysator für Barbara, die sich am Ende für/gegen Stella und für/gegen die eigene Flucht entscheiden muss.

Klaustrophobie ist das vorherrschende Klima in „Barbara“. Klaustrophisch sind die Flure der Klinik, ist die sehr überschaubare Kleinstadt, das heruntergekommene Haus, in dem man Barbara eine Wohnung zugewiesen hat. Klaustrophobisch sind aber auch die Gefühle der handelnden Personen. In einer Gesellschaft, in der Misstrauen systemimmanent ist und Vorsicht in jeglicher Beziehung das Gebot der Stunde, kann es auch keine offenen Gefühle geben. Ein Gefühl von Freiheit entsteht nur, wenn Barbara auf Feldwegen durch die „freie Natur” radelt. Aber schon der Wald, in dem sie sich mit ihrem Freund trifft, hat mehr etwas vom „bösen Märchenwald”, in dem man sich so gut verirren kann.

Petzold, der aus dem nahen Haan stammt, dessen Eltern aber aus der DDR kommen, hat das spezielle DDR-”Flair” bis ins kleinste Detail rekonstruiert. Da stimmt sogar noch der Aschenbecher, Marke Kunsthandwerk aus Rumänien. Suppentassen und eine Terrine aus der gleichen Serie habe ich heute noch in meinem Schrank stehen, Ausbeute aus dem sog. Zwangsumtausch, dem jeder DDR-reisende Westbürger unterlag. Ich konnte fast das allgegenwärtige Desinfektionsmittel riechen, so nah ist Petzold am DDR-Alltag dran.

Gedreht wurde in einem Stadtteil der Stadt Brandenburg, in Brandenburg selbst und in Mecklenburg-Vorpommern, spezifische Landschaften, die es so im Westen nicht gibt. Petzold, der Musik in seinen Filmen nur sehr minimalistisch einsetzt, lässt dafür umso mehr „natürliche” Geräusche sprechen. Dafür hat er sogar einen eigenen Geräuschmacher. Da rauschen die frühherbstlichen Bäume im Wind, Vögel sind zu hören, der Blinker überlaut im „Wartburg”.

Nina Hoss, die schon des öfteren mit Christian Petzold gearbeitet hat, und Ronald Zehrfeld liefern sich ein großartiges schauspielerisches Duell. Sie ganz die so scheinbar spröde, verschlossene, die aber dennoch nicht ganz ihre Empathie auf dem Weg nach Westen verloren hat, er der softe, aber dennoch bestimmte und selbstbewusste Arzt in bärtig-bäriger Gestalt.

Alles in allem macht das „Barbara” zu einem sehr sehenswerten Film aus deutscher Produktion. Da ZDF/ARTE den Film mitproduziert haben, sollten diejenigen, die keine Lust auf einen Kinogang haben, sich diesen Film dann aber später unbedingt einmal im Fernsehen ansehen.

„Barbara”, Regie: Christian Petzold, D 2011, ca. 120 min

© frida 2012

fridas Filmkritik: James Camerons „TITANIC“- jetzt noch einmal in 3D im Kino

Am 15.04. jährt sich zum 100sten Mal der Untergang der „RMS Titanic“. Aus dieser rundum ausgezeichnet dokumentierten Katastrophe machte im Jahr 1997 auch US-Regisseur James Cameron einen Spielfilm, mit Kate Winslet und Leonardo di Caprio in den Hauptrollen, deren Karrieren durch diesen Film einen ungeheuren Schub erhielt.

Camerons „Titanic“, mit 11 Oscars® gekrönt, erwies sich als erfolgreichster Spielfilm aller Zeiten, bis sich James Cameron mit „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ selbst von diesem Thron stieß. Dennoch ließ (und lässt) das Thema „Titanic“ Cameron nicht mehr los. Er unternahm selbst mehrere Tauchgänge zum Wrack der „Titanic“, die er in einem Dokumentarfilm dokumentierte („Die Geister der ‚Titanic‘, 2005, im IMAX-3D-Format).

Mit „Avatar“ hatte James Cameron bereits einen perfekten 3D-Spielfilm vorgelegt. Und jetzt – passend zum Unglücksjubiläum – nach über 2 Jahren digitaler Bearbeitung bringt er nun auch seine „Titanic“ als 3D-Version ins Kino. Es hat sich gelohnt, meiner Meinung nach. War ich schon seinerzeit vom analogen 2D-Original mehr als angetan, begeisterte mich jetzt die 3D-Version dieses perfekten großen Hollywood-Kinos in Reinform.

Zugegeben: Ich bin ohnehin ein Fan der 3D-Technik, woran „Avatar“ einen nicht unerheblichen Anteil hat, und nehme gern den „Nachteil“ in Kauf, dass man eine Brille tragen muss und Brillenträger wie ich dann eine zusätzliche Brille über die Brille stülpen müssen. Wobei es sich ja nicht mehr um diese seltsamen Pappgestelle aus der Urzeit der 3D-Technik handelt, sondern die heutigen 3D-Brillen eher Sonnenbrillen ähneln. Und die Kinos, seien es hier in Düsseldorf die drei Multiplexe oder das „Atelier“, welches zur „Metropol-Gruppe“ gehört, haben gehörig in ihre 3D-Technik investiert.

Die 3D-Version von „Titanic“ verleiht dem Film einen ganz eigenen Reiz. Da 3D den Zuschauer mitten ins Geschehen zieht, sind wir immer direkt dabei: Einer der nahezu unbeschädigt gebliebenen Kristalllüster im Wrack des Schiffes schwebt inmitten von Plankton vorbei, scheinbar zum Greifen nah. Später pflügen dann Leo und Kate in der wohl berühmtesten Szene des Films an der Spitze des Schiffes auf uns zu, dann schrammt das Schiff am Eisberg vorbei, und die großen Eisbrocken fliegen in den Zuschauerraum – nein, alles nur virtuell, aber höchst lebensecht.

Auffällig ist das geänderte Größenverhältnis zwischen Personen und Technik. Gegenüber der äußeren und inneren Größe des Schiffes, immerhin das seinerzeit größte Passagierschiff der Welt, wirken die Menschen wie geschrumpft – wenn die Heizer vor den Öfen schuften oder die Maschinisten sich zwischen den Antriebskolben bewegen, oder aber auch, wenn die Passagiere an Bord gehen oder es sich im Luxussalon gut gehen lassen.

Von den gut 197 Minuten Spieldauer sind ja rund die Hälfte dem Untergang des Schiffes gewidmet. Und mit 3D ging offensichtlich auch eine Überarbeitung des Tons einher. Das Schiff ächzt, schreit und kracht, mit einem dumpfen Grollen, das den unaufhaltsamen Untergang ankündigt und begleitet. Im fast physisch zu fühlenden eiskalten Wasser kommen die Schiffswände auf uns zu und erzeugen eine klaustrophobische Atmosphäre, der man sich kaum entziehen kann.

Die verzweifelten Menschen krabbeln ameisengleich hoch auf das sich steil aufbäumende Heck. Die riesigen Schiffsschrauben heben sich dabei aus dem Wasser, als würde gleich ein unfassbar schreckliches Alien aus der Tiefe hervortauchen. Und dann – als das Schiff auseinander bricht – geht es hinab in die Tiefe, dass einem fast schwindlig wird. Die suggestive Kraft des räumlichen Sehens verleiht dem Untergang der „Titanic“ einen fast schon „hyperreal“ zu nennenden Touch und gibt dem Zuschauer mehr als nur eine Ahnung davon, welches Drama sich während des mehrstündigen Todeskampfes des Schiffes abgespielt haben mag. In der 3D-Version entwickelt das tragische Geschehen letztlich eine ganz eigene Tiefe, in der am Ende Mensch und Technik gleichgestellt als Verlierer dastehen.

Erhellt von Scheinwerfern in der schwarzen Nacht von rund viertausend Metern Tiefe schimmert das rostüberzogenden Wrack der „Titanic“ fast überirdisch schön, aber der im Sandboden ruhende menschliche Nachlass zeugt davon, dass es sich hier nichtsdestoweniger um eine riesengroße Grabstelle handelt. Mit Wirkung ab 15.04.2012 wurde das Wrack unter den Schutz der „UNESCO-Konvention zum Schutz des Kulturerbes unter Wasser“ gestellt. Dies hilft nicht gegen das schleichende Verschwinden, verursacht durch unzählige eisenfressende Mikroben, aber vielleicht hilft es gegen weitere Plünderung und Grabschändung.

© frida 2012

Zuckersüße Zitrusfrüchte: Lemonarien – eine Rezension

Lemonarien


Ein tolles Buch! Genauso sollte ein Lyrikband sein: gefühlvoll und zugleich peppig, geistreich, aber nicht schwergewichtig, ernsthaft, indes auch verspielt.
Franziska Dannheim hat mit ihrem ersten Buch gleich ein echtes Prachtstück hingelegt. Ihr Gedichtband liest sich flockig leicht, ist humorig und ironisch, hat Tiefsinn.
“Da liegt er plötzlich in der Luft, der Limonenduft.”
Es geht ums Keimen, um menschliche Lebensprozesse. Ein selbst gezogener Limonenkern dient als Sinnbild. Die Texte sind zwar nicht autobiografisch, doch gewährt die aus Bad Cannstadt stammende Autorin mit ihnen augenzwinkernd sehr ehrliche Einblicke in ihre Seelenwelt – und in der ist unzweifelhaft ein Schalk zu Hause.
Gute Gedichte regen den Leser stets zum Nachdenken an. Bei den Lemonarien ist das nicht anders. Aber man verfällt nicht ins Grübeln. Viel zu oft muss man bei den aphoristischen Bonmots schmunzeln. Und manche Pointen sind echt zum Kringeln.
“Du bist mein Cocktail, mein Konfekt, mein Morphin,
du hast mich mit deiner selbst angefixt.
Ohne dich weiß ich nicht wo mit mir hin.
Ohne dich geht nichts mehr – verflixt!”

Es gibt eigentlich nur eines, was schöner ist als “Lemonarien – das Buch”. Nämlich “Lemonarien live”! Wer die in Essen wohnhafte Künstlerin einmal auf der Bühne erlebt hat, wird diese Aussage bestätigen. Ob mit Begleitband oder nur mit Ukulele ausgestattet, die ausgebildete Sopranistin leistet bei den Vertonungen ihrer Texte ganze Arbeit. Die Arien in Lemonarien sind durchaus wörtlich zu nehmen. Franziska Dannheim versteht halt ihr Handwerk und weiß ihre Stimme einzusetzen. Wer die Chance hat, die attraktive Opernsängerin und Autorin mit ihrem Programm einmal live zu sehen und zu hören, sollte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.

Franziska Dannheim


Angereichert ist das Buch mit zahlreichen Bildern der Malerin Katharina Lökenhoff, und der Schauwert ist enorm. Die wunderschönen expressiven Zeichnungen (häufig Porträts) ergänzen die lebensbejahenden Texte perfekt. Durch sie erhält der Band eine zusätzliche Dimension.
Keine Frage, “Lemonarien” ist ein Kunstbuch. Im wahrsten Sinne des Wortes! Kunst kommt eben doch von Können.

Lemonarien: Gedichte
Franziska Dannheim (Autor)
ISBN-13: 978-3981013740, Verlag: Kawe 8; 146 Seiten; Lyrik

Frohe Ostern!

Jenseits der Eiersuche
und des Kirchgangs,
jenseits des mittäglichen Gelages
und des Spaziergangs danach,
jenseits der Monumentalfilme
im Fernsehen,
ist Ostern vor allem
ein Fest der Zuversicht
für das Danach.

Ich wünsche Euch allen ein frohes Osterfest!

Rezension „Des armen Mannes Ehre“ von Heđin Brú

Heđin Brú
„Des armen Mannes Ehre“
Flamberg Verlag Zürich, 1966

Alte und neue Welt kollidieren. An Generationenkonflikten enstponnen sich die größten Dramen und Epen der Literaturgeschichte (Nibelungenlied z.B.). Oder auch kleine Erzählungen, wie diese hier.

Ein alter Fischer auf den Färöer-Inseln lässt sich dazu hinreißen, beim Fest der traditionellen Waljagd „Grindadráp” ein großes Stück Walfleisch zu kaufen, obwohl es sein Budget übersteigt.
Für uns mag dieses „Abschlachten“ der Wale im Sund undenkbar sein. Für Ketil, den alten Fischer, ist es die Tatsache diesen Kauf getätigt zu haben, obwohl es seine Finanzen nicht zulassen. Da die Rechnung erst in ein paar Monaten kommt, bleibt ihm Zeit das Geld aufzutreiben. Denn Schulden machen, das ist gegen die Ehre des armen Fischers.

Zugegeben, für uns im Hier und Heute klingt das nicht spannend. Doch wegen der Handlung liest man dieses Buch nicht.
Man liest es, weil man dem Zeitgeist der 1960er und dem Milieu nachspüren will. So erwarten einen liebevoll gezeichnete, schrullige Charaktere und jede Menge Lokalkolorit, das nicht bemüht wirkt.
Mittelpunkt von Ketil‘s Haus ist die Rauchküche, über der auf Balken Hühner herumlaufen, ab und an etwas fallen lassen. Das Grasdach kann bei Sturm wegfliegen, man muss sich darauf legen und die Schäden mit neuem Stroh decken. Seine Frau hatte 40 Jahre lang dieses Haus nicht verlassen. Walfleisch ist Delikatesse, man kaut auf derben Stücken.

Doch bereits die Jungen leben in einer anderen Welt. Die Häuser haben Metalldächer, die Fischerboote Motoren, man geht einkaufen und gönnt sich etwas, zur Not auf Kredit. Walfleisch wird zerkleinert, oder gar gebraten.

Vor diesem Hintergrund laufen viele menschliche Konflikte. Verwandte reden nicht miteinander, untätige Alte jammern, Töchter wollen besser sein als ihre Mütter, der Tagedieb kommt immer durch. Am Ende helfen sie sich und teilen alles – und sei es nur, weil die Tradition es so will.

Die Alten arbeiten und sparen, stehen früh auf, benutzen alles bis zum Gehtnichtmehr. Sie verstehen die Jungen nicht, die auf Kredit leben, ihr Essen beim Krämer kaufen, morgens ausschlafen (also länger als bis 4 Uhr), faul mit Motorbooten fahren und sich fein benehmen.
Die Jungen verstehen die Alten nicht, die nur arbeiten und sparen, ohne zu wissen wozu, anstatt sich Zeit zum Leben zu nehmen.

Als Höhepunkt dient die Beerdigung seines Nachbarn. Die Alten kommen ins Dorf (nach 40 Jahren), sehen all die neuen Häuser, größer und schöner. Finanziert von systematischem Fischfang mit Motorbooten (damals die Industrialisierung der Färöer). Der Ortsvorsteher veruntreute einst Steuergelder, wurde danach als Kämmerer gewählt, weil er immerhin eine zeitlang in Dänemark lebte und vornehm reden kann. Ketils 24-jähriger, etwas minderbemittelter Sohn, bleibt zuhause – wo er mit der Tochter des Tagediebs im Bett erwischt wurde. Für Ketil, den alten Fischer, bricht eine Welt zusammen.
Aber genau darauf zielte dieses Buch ab.

Für uns ist dieser Höhepunkt nicht mehr sonderlich dramatisch. Ein nettes Zeitzeugnis des Lebens auf den Färöer-Inseln der 1960er ist es allemal. Und die menschlichen Konflikte sind ohnehin immer die gleichen. Nur kommen sie hier ganz unaufgeregt daher – was dieses Buch auf jeden Fall zu einer kurzweiligen und gelungenen Unterhaltung macht.

Das war jetzt mehr eine Zusammenfassung als eine Rezension. Nachdem das Buch im Deutschen aber nur über Antiquariate zu finden ist, kann ich ruhig Handlung vorwegnehmen – man sehe es mir nach.

HIER GIBTS WAS GRATIS:

Und wer von diesem kleinen Artikel neugierig wurde: ich biete das Buch g-r-a-t-i-s auf “Free Billy” an.

Von Moral und Unsitte

Lieber Biber

Lieber Biber


Biber, die im Trocknen üben,

das sind die besonders lieben. Weiterlesen »

Grammatik kommt von Gram

“Schreib den verd… Roman!: Die simple Kunst, einen Bestseller zu verfassen. Ein Anti-Ratgeber” – eine Rezension.

Schreib den verd… Roman! (Cover)


Und noch’n Schreibratgeber. Das wäre doch nun wirklich nicht nötig gewesen, wird so mancher aufstöhnen. OH, DOCH!! Dieser war schon lange fällig.
Wem die ewige Klugscheißerei der selbsternannten Literaturexperten auf den Geist geht, der wird an diesem Buch sein Vergnügen haben. Und wer sich als Autor fragt, warum seine Manuskripte regelmäßig in den Papierkorb der Lektoren landen, wird nach dem Studium dieses verflucht weisen Anti-Ratgebers ziemlich genau wissen warum.
“Schreib den verd… Roman!” ist eine Spottschrift, die es in sich hat. Hier bekommt jeder sein Fett weg, der mit seiner Engstirnigkeit den Literaturbetrieb zu einem mainstreamigen Haifischbecken oder durch seine schriftstellerische Unfähigkeit den Buchmarkt unnötig aufbläht. Auf jeder Seite schießt dem (szenekundigen) Leser der Stoßseufzer “Wie wahr!” durch den Kopf. Wer könnte auch an Merksätzen und Schreibkniffen wie “Nur wer konkret wird, wird auch konkret angreifbar” oder “So gehen Sie richtig mit Kritik um: ignorieren” zweifeln – bei dem Einheitsbrei, der heutzutage geboten wird.
Seien es nun allzu geschäftstüchtige Literaturagenten, überkandidelte Lektoren oder an Selbstüberschätzung leidende Autoren, ihnen allen wird mit sardonischer Sprachakrobatik der Spiegel der Einsicht vorgehalten.
Ein urkomisches Buch speziell für Insider! Gegen Ende des Buches werden die Gags ein wenig redundant. Komisch sind sie aber trotzdem.

Schreib den verd… Roman!: Die simple Kunst, einen Bestseller zu verfassen. Ein Anti-Ratgeber
Stephan Waldscheidt (Autor)
ISBN: 978-3932522048; Verlag: Uschtrin

Mit dem Literaturschiff und KrimiautorinVal McDermid auf der „lit.cologne 2012”

Düsseldorf hat seine Kö und seine Großbaustellen – Köln hat seinen Dom und die „lit.cologne”

Und deswegen sitzen wir nun hier, an einem sehr milden Märzabend in der ausverkauften „RheinEnergie”, dem Partyschiff der Köln-Düsseldorfer Schifffahrtsgesellschaft. Aber während der „lit.cologne”, dem jährlich in Köln ausgerichtetem internationalen Literaturfestival, werden auf der „RheinEnergie” keine Parties gefeiert, sondern Lesungen abgehalten, während das Schiff gemütlich den Rhein rauf-und runter tuckert.

Val McDermid ist nicht zum ersten Mal Gast bei der „lit.cologne”, und wir sind auch nicht zum ersten Mal bei einer Lesung von ihr, aber eine Lesung auf einem fahrenden Schiff ist das erste Mal für uns und schon etwas besonderes.

Die Autorin, vom Publikum mit großem herzlichen Applaus begrüßt, wird begleitet von Michael Kessler, seines Zeichens Comedien und Schauspieler, der Teile aus der deutschen Übersetzung liest, und von Angela Spitzig, Bürgermeisterin der Stadt Köln mit Schwerpunkt Kultur und Medien, die die Moderation übernimmt.

Vorgestellt wird der neueste auf Deutsch erschienene Roman „Alle Rache will Ewigkeit” („Trick of the Dark”). „Alle Rache will Ewigkeit” gehört zu Val McDermids – die vor allem mit ihrer Krimi-Reihe um Dr. Tony Hill und Chief Inspector Carol Jordan bekannt wurde, aber auch mehrfach ausgezeichnete Einzelwerke in ihrem Repertoire vorzuweisen hat – stand-alone Krimis

Val McDermid ist – wie eigentlich immer – glänzend aufgelegt und spielt sich mit Angela Spitzig als launiger Moderatorin die witzigen, aber auch nachdenklichen Bälle zu. Sie kommt aus Schottland, aus der Bergarbeiterstadt Kirkcaldy im County Fife, schwärzestes „Macbeth”-Land, wie Frau Spitzig anmerkt. Mit 17 Jahren wurde sie als erste Schottin, die von einer staatlichen Schule kam, in Oxford am St. Hilda’s College angenommen.

Lachend erzählt sie, dass sie dort erst einmal „Englisch” lernen musste, weil ihre Kommilitoninnen ihr schnelles Schottisch überhaupt nicht verstanden. Darüber hinaus spricht sie warmherzig über ihre beiden Mentorinnen, die ihr besonders und vielen anderen Frauen in vergleichbarer Lage engagiert den Weg geebnet haben.

Ihr Aufenthalt am St. Hilda’s College ist das Stichwort für ihren neuesten Roman. „Alle Rache will Ewigkeit” spielt in großen Teilen in Oxford, seine Protagonistinnen sind ehemalige Alumnas und noch gegenwärtig lehrende Dozentinnen eines Frauencolleges. „Alle Rache will Ewigkeit” ist außerdem McDermids erster Kriminalroman, der – bis auf den bereits zu Anfang toten Ehemann einer Protagonistin – fast ausschließlich weibliche Hauptfiguren aufzuweisen hat, die auch noch zu rd. 99 % lesbisch sind.

Die Autorin hatte sich bereits mit zarten 19 Jahren geoutet. In vielen ihrer Romane kommen homosexuelle Menschen beiderlei Geschlechts als tragende Figuren vor oder wird Homophobie thematisiert. Nun also „Alle Rache will Ewigkeit” mit einer eindrucksvollen Anzahl von lesbischen Protagonistinnen, sympathisch und unsympathisch, normal und durchgedreht – und der Killer ist diesmal auch nicht der Gärtner, pardon, die Gärtnerin.

Nach dieser Einführung liest Michael Kessler den Prolog und das zweite Kapitel – meines Erachtens gut ausgewählt, weil Leser, die das Buch noch nicht kennen, noch nicht allzu viel erfahren und doch angespitzt werden, weiter lesen zu wollen. Kessler liest gut und flüssig. Da ich den Roman bereits auf Englisch und Deutsch gelesen habe, kann ich mich entspannt zurücklehnen und mich ein wenig auf das fahrende Schiff und die vorüberziehende Rheinuferlandschaft konzentrieren. Ich sehe schöne Alt- und häßliche Neubauten (die Architekten müssten dafür verhaftet werden) an mir vorbeiziehen, bald sind nur noch Wiesen und Bäume zu erkennen, im schwindenden Abendlicht.

Das Schiff wendet langsam, und auch Kessler hat seine Lesung beendet. Angela Spitzig nimmt die Moderation wieder auf. Die Autorin, die zunächst als Journalistin tätig war, erzählt davon, dass 1987 fast unbeachtet von der Kritik ihr erster Roman „Die Reportage” (aus dem später eine Reihe um die lesbische Reporterin Lindsay Gordon wurde und übrigens auch mein erster McDermid-Roman) erschien. Sie spricht vom Prozess des Ideen-Sammelns und Schreibens und wie sie die Idee von „Alle Rache will Ewigkeit” bereits seit 12 Jahren mit sich herumtrug, bis sie endlich über eine Hochzeitsszene, die sie selbst während einer Tagung in ihrem ehemaligen College beobachtet hatte, den richtigen Einstieg fand.

Val McDermid spricht auch über die Notwendigkeit, gesellschaftlich und politisch wach zu bleiben und an Veränderungen mitzuarbeiten. Ihre Bücher sind nicht explizit politisch, aber spiegeln natürlich die politische und gesellschaftliche Haltung der Autorin wider und begleiten kritisch politische und gesellschaftliche Prozesse.

Dann liest sie selbst, mit ihrem unverkennbar schottischem Akzent, aber trotzdem noch verstehbaren Englisch (hat sie ja trainiert). Auch sie liest aus einem Kapitel, das nicht zu viel verrät, den noch nicht wissenden Leser aber neugierig macht. Val McDermid hat eine kräftige, ausdrucksvolle Stimme, auch sie liest flüssig und vor allen Dingen fesselnd.

Und in der Zwischenzeit hat das Schiff angelegt, die rund 1 1/2 Stunden sind wie im Flug vergangen. Am Steg draußen warten schon die nächsten Zuhörer auf Einlass, um 21.00 h gibt es nämlich die nächste Lesung. Wir gehen aber nicht, ohne uns vorher ein Signet der Autorin geholt zu haben. Es bildet sich eine lange Schlange, aber das Warten lohnt sich. Auch Michael Kessler darf sich im Buch verewigen und dann lasse ich „To Elke (and cats)” hineinschreiben und Val McDermid fügt noch ihr „All the best” dazu.

Beschwingt über diesen schönen Literaturabend gehen wir von Bord. Die Kölner Altstadt ist mittlerweile gut gefüllt. Wir finden noch ein Plätzchen draußen und beschließen mit einem gut gekühltem Kölsch den Abend, bevor es dann zurück in das Dorf an der Düssel geht, das sich kulturell irgendwie ziemlich abgehängt hat.

P.S. „Alle Rache will Ewigkeit” werde ich demnächst einmal gesondert besprechen.

© frida 2012

Unabdingbares

Unabdingbares

Pärchen gibt es haufenweise.
Jedes Frühjahr wuchern sie
in den Parks auf Bänken leise – Weiterlesen »

fridas Filmtipp: „The Best Exotic Marigold Hotel“

ist eine wunderschöne Tragikomödie, nicht nur für die älteren Semester.

Acht Engländer, darunter ein Ehepaar, fliegen oder sollen wir besser sagen: fliehen nach Jaipur. In Jaipur, die „Pink City“ genannte Haupt-und Millionenstadt des indischen Bundesstaates Rajasthan, verspricht das „Best Exotic Marigold Hotel“ gerade den Älteren unter den westlichen Reisenden einen First Class-Aufenthalt für wenig Geld.

Das fortgeschrittene Alter verbindet sie alle. Sie sind bereits allesamt deutlich jenseits der 60: Evelyn (Judi Dench), gerade Witwe und fast mittellos geworden, will einen Neuanfang in Indien wagen, Graham (Tom Wilkinson), der frisch pensionierte Lordrichter, möchte in Jaipur eine alte Schuld abtragen.
Das Ehepaar Douglas (Bill Nighy) und Jean (Penelope Wilton), er ebenfalls Pensionär, der seine Rente im IT Start-up der Tochter versenkt hat, sie chronisch unzufrieden, möchte seinen Lebensstandard allerdings mit weniger Geld wahren.
Madge (Celia Imrie), bereits mehrfach verheiratet und ebenso geschieden, auf der Suche nach einem neuen Ehemann, Norman (Ronald Pickup), der umgekehrt auf der Suche nach einer Frau ist.
Und Muriel (Maggie Smith), die alles hasst, was nicht die gleiche Hautfarbe hat wie sie und die sich dennoch in Indien eine Hüfte einsetzen lassen will.

Sie alle treffen sich bereits im Flieger und landen gemeinsam im „Best Exotic Marigold Hotel“(„now with guests“), das in Wahrheit eine bessere Bruchbude ist, geführt von Sonny („Slumdog Millionär“ Dev Patel), einem sehr netten, aber wenig geschäftstüchtigen „Schluffi“. Sonny hat selbst jede Menge Probleme: Kein Geld, eine Mutter, die seine Freundin Su… nicht akzeptiert, die wiederum von ihm eine Entscheidung fordert.

Der Film erzählt seine Geschichte in vielen kleinen Episoden. Graham sucht (und findet) seinen lange verschollenen indischen Geliebten. Evelyn findet Arbeit als „kulturelle Trainerin“ in dem Callcenter, in dem auch S… arbeitet. Douglas stürzt sich mit Begeisterung auf die indische Kultur, während sich im Gegensatz dazu Jean völlig von der Außenwelt abkapselt. Norman findet sein Glück mit der gleichaltrigen und ebenso einsamen Carol, die er im edlen Country Club kennenlernt, und Madge – sie findet ebendort vielleicht ihr Glück ein wenig später.

Und Muriel? Ausgerechnet Muriel, der – scheinbar – unverbesserlichen Rassistin, die mit „stiff upper lip“ ihre trockenen englischen Kekse kaut, wird von einer Dalit-Frau (Dalits sind die „Unberührbaren“) eine Lehre erteilt, die nachhaltige Wirkung zeigt.

Und so entfaltet sich ein kleines Universum von menschlichen Befindlichkeiten, Sehnsüchten, Lernprozessen von Menschen, die sich bereits im letzten Drittel ihrer Lebenszeit befinden und jede/r sein oder ihr ganz eigenes Päckchen an Lebenserfahrung mit sich herum trägt.

Warmherzig und witzig, nachdenklich, komisch und auch traurig zugleich, nimmt der Film junge und alte Zuschauer mit in das bröckelnde Gemäuer des „Best Exotic Marigold Hotel“, in die flirrende Hitze Jaipurs, das wie alle indischen Großstädte kurz vor dem Infarkt zu stehen scheint. Regisseur John Madden („Shakespeare in Love“) nutzt Indien aber nicht nur als exotische Kulisse. Madden hat sich ganz im Gegenteil offensichtlich im Vorfeld mit den Besonderheiten indischer Kultur beschäftigt. So kommen denn auch spezifisch indische Befindlichkeiten nicht zu kurz, ganz ohne einen westlich-überheblichen Blick herab, sondern vielmehr auf Augenhöhe zwischen britischer Steifheit gepaart mit Understatement und indischer Chaoslehre. Das führt zu vielen vergnüglichen Situationen, in denen beide Seiten ihr Fett wegbekommen.

Getragen wird der Film von einem glänzend aufgelegten Ensemble angelsächsischer Charakterdarsteller. Judi Dench, die Grand Old Dame des britischen Kinos, als Evelyn fast erstickt in ihrer Trauer und doch sich nicht selbst aufgebend. Tom Wilkinson als stiller Graham, der schwer an einer Jahrzehnte alten Last trägt, die doch noch von ihm genommen wird. Maggie Smith als Muriel, anfänglich ein rassistisches, pardon, Miststück, die sich dann doch wandlungs-und lernfähig erweist.

Bill Nighy als melancholischer Douglas, in einer Ehe erstickt, die schon seit Jahren nicht mehr funktioniert, der nahezu euphorisch in die indische Kultur eintaucht und am Ende fast doch noch die falsche Entscheidung trifft, während Penelope Wilton als seine Ehefrau Jean die undankbarste Rolle von allen hat, weil sie unbelehrbar bis zum Schluss der negativste Charakter sein muss.

Und last, but not least, Celia Imrie als Madge und Ronald Pickup als Norman, für die das Leben im Alter ganz selbstverständlich auch Liebe und Sex beinhaltet.

Auch die indischen Schauspieler/-innen, die bis auf den Briten Dev Patel allesamt aus Bollywood kommen, machen ihre Sache sehr gut und runden den Film wie ein indisches Masala-Gericht würzig ab.

„The Best Exotic Marigold Hotel“ ist beste Unterhaltung in einer Tradition, wie sie fast nur die Briten zustande bekommen. Man geht höchst beschwingt und gut gelaunt aus dem Kino – und das habe ich in den letzten Jahren leider nicht allzu oft getan – nicht, weil die Filme schlecht waren, sondern weil das Sujet der gehobenen und intelligenten Komödie leider immer weniger wird.

„The Best Exotic Marigold Hotel“, GB 2011, Regie: John Madden, ca. 124 min

© frida 2012