Ausgebrannt

Vielleicht hättest Du Dir nicht den Strick genommen, hättest Du Dir ein Beispiel nehmen können….

Die Szene gleich hinter der Haustür, vor weiß verputzter Wand, die Einrichtung Ausdruck typisch deutscher Spießbürgerlichkeit. Eine Marmortreppe führt nach oben, gesäumt vom Geländer. Das Geländer setzt sich oben fort, rahmt den kleinen Flur zu den Schlafzimmern, ragt ein wenig über den unteren Treppenabsatz hinaus. Ideale Bedingungen. Hat halt niemand darüber nachgedacht damals, Du nicht, der Architekt nicht, doch niemals mehr wird Deine Frau so ein Haus bauen wollen, in dem das Geländer ein Aufhänger sein kann. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Auch sie hatte nie darüber nachgedacht, bis sie die Tür öffnete, eines Tages, und Dich hängen sah mit den braunen Socken zu der frisch gewaschenen Jeans. War kein schöner Anblick und doch, sie stürzte vorbei an Dir, die Marmortreppe hinauf in das Zimmer des schlafenden Kindes, welches sie an sich riss und vor dieser Szene floh. Hinaus nur, hinaus. Weiter, das Kind tragend, hin zu den Nachbarn, wo sie zusammenbrach.

Seither steht die große Frage im Raum, Warum nur, Warum, ist eingemeißelt in den Augen der Kinder und festgeschrieben im Herzen Deiner Frau.
„Zieh dich warm an,
musst du dem Selbstmörder sagen,
es ist kalt draußen.“
ist ein Gedicht von Arnfrid Astel, doch wann hätte sie sich warm anziehen sollen, wann nur, da Du ihr nichts von dem Geländer erzählt hast, das Dir schon lange ein Trost war, das die Leere in Dir besiegen würde, irgendwann. Bis es soweit war.

Und nun ist da dieser Baum und Deine Frau starrt ihn an und zum ersten Mal weicht das Bild des Geländers dem Deines Inneren. „Du hättest sein können, wie dieser Baum“, denkt sie, „ausgebrannt, aber doch stärker als das, was Dich zu verzehren suchte.“

Der Baum hatte es geschafft, hatte den Waldbrand besiegt, die Feuersbrunst, die Hitze, die unbarmherzig sein Inneres auffraß. Nur ein Rumpf war stehen geblieben, ragte aus dem Morgennebel auf und war doch nicht zerbrochen. Der Baum hüllte seine Wunde ein wie mit einem Mantel, er wollte sie nicht vergessen, denn sie war ein Teil seiner selbst. Er wuchs aus ihr heraus, gleichsam, als ob er gerade durch sie seine Kraft bekommen hätte. Und schnell kamen die Kookaburras zurück, jene lustigen Vögel, und lachten das Feuer aus, das den Baum nicht hatte besiegen können.

„Hättest Du diesen Baum gekannt, hättest Du Dir nicht den Strick nehmen müssen“, denkt Deine Frau, aber wer kann das schon wissen.

  • Interessant, wie der Selbstmörder direkt angesprochen wird. Dadurch wird der Blick des Lesers auf sich selbst gerichtet, er ist sozusagen der Selbstmörder und fragt sich – erstens, ob er sich identifizieren kann, wenigstens mit einem kleinen Teil seines Wesens, und zweitens, ob ihm der Anblick des ausgebrannten Baumstumpfes geholfen hätte.
    Ich treibe das Bild noch weiter. Die meisten Bäume werden nicht wieder ausschlagen in einem verbrannten Wald. Aber die Asche ist der Dünger für die Samen, die überall in der Erde schlummern. Klingt provokant. Soll es auch sein.

  • Wäre Mumpitz nicht gewesen hätte ich den Text nicht verstanden. Schön traurig oder traurig schön.
    Andreas

  • Ein eindringlicher Text. Was treibt einen Menschen dazu, sich auf diese martialische Art umzubringen? Öffentlich und irgendwie spektakulär. Ich habe das Unbegeifliche erlebt, die Person war unglaublich untrovertiert und hat doch ihren Tod wie eine griechische Tragödie inszeniert.

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