Es gab diese Zeit

Es gab diese Zeit, als ich taub war. Da lief das Leben an mir vorbei oder wie ein Film vor mir ab und ich dachte: Wann hört das auf? Es gab diese Zeit, als es mir egal war, ob ich lebe oder sterbe, stell dir das vor, mit zwei kleinen Kindern! Es gab diese Zeit, da ich die schlimmen Tage zählte und irgenwann waren sie es alle. Es gab diese Zeit.

Und dann kam die Zeit, als ich dachte: Zähle die guten! Und es tat. Es kam die Zeit, da ich kämpfte, gegen die Taubheit, gegen die Gleichgültigkeit, für meine Kinder. Und für mich.
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Wenn der Po nicht auf die Brille passt

Es gibt ja Leute, bei denen ich mich ernsthaft frage, ob die nicht ihren Beruf verfehlt haben. Nein, ich schimpfe jetzt nicht auf die üblichen Verdächtigen, von denen der geneigte Leser selbst genug zu benennen weiß. Mein Groll gilt den Designern.

Ich überlege schon länger, ob es in deren Studium auch ein Fach „angewandtes Design“ gibt und verneine die Frage nicht erst seit dem Zeitpunkt, als ich im Sanitärfachhandel ein viereckiges WC entdeckte. Um die werten Leser aufzuklären: Es gibt viereckige WCs, deren Brillenrand außen eckig, das Loch aber oval ist. Und dann gibt es WCs, deren Brillen ein rechteckiges Loch haben. Da stellt frau sich natürlich die Frage, wie denn das Runde auf das Eckige passen soll. Vertrauensvoll sprach ich die Sanitärfachfrau an:
„Entschuldigen Sie bitte, sitzt man auf den viereckigen Brillen bequem?“
„Wie bitte?“
„Sie haben da viereckige Toilettenbrillen auf viereckigen WCs. Sitzt man darauf bequem?“
„Wo haben wir die?“ Ich zeigte es ihr.
Die Sanitärfachfrau sah mich konsterniert an: „Das habe ich noch nicht ausprobiert.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein runder Po bequem auf eine viereckige Brille passt.“
Sie sah so aus, als könne sie sich das ebenfalls nicht vorstellen, doch ihr Verkäuferverstand antwortete: „Aber die sind jetzt ganz modern!“ Das Ausstellungsstück war nur notdürftig befestigt und nicht für die praktische Erkundung geeignet.
Ich entschied mich für ein anderes Modell.
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Worte bloß

Da stehen sie, Worte bloß.
Als Antwort auf Worte bloß.
„Ja“ geschrieben,
„Nein“ geschrien,
Lautlos.

Der Schmerz schrei(b)t mehr als
Worte bloß.

Brennendes

Brand gegen Brand. Wein gegen Herz. Irgendwas hilft immer. Und wenn nichts mehr hilft, ist es das. Schmalzwort Herzschmerz. Runter damit. Das Gefühl gleich hinterher. Noch drei, dann ist alles weg. Ich auch.
Lege mich ins Betäuben. Egal, wie die Lichter des auf mich zurasenden Autos. Was soll’s. Und sie steht da und sagt: „Aber ich brauch dich“ und ich denke: „Aber er nicht. Er nicht.“ Noch ein Schluck.
Egal sollte man großschreiben. Dann braucht es nicht mal das Kack-Wort davor.
EGAL.
E G A L.
Alles egal.
Nur er nicht.
Nur er nicht.

Flüsterwind

Clare schlief unruhig. Gedankenfetzen rissen sie aus dem Schlaf, Worte tanzten vor ihren Augen, bis sie sie in eine Dose zwang und den Deckel schloss. Leer wollte sie sein, nicht mehr über den Streit nachdenken, der zwischen ihnen lag. Ihre Hand strich über sein Kopfkissen. „Ich wünschte, du wärest hier“, flüsterte sie, küsste ihre Fingerspitzen und gab mit der Hand diese Zärtlichkeit für ihn auf die Reise, wie sie es immer tat, bevor sie einschlief. Ihr Atem ging nun ruhiger, tiefer.

Im Traum lächelte sie. Sie sah eine Pflanze hoch oben im Gebirge im Spalt eines Felsens wachsen. Dort sammelten sich Erde und Wasser, die Vorsprünge des Felsens schützen sie vor Sturm und Orkan, so dass die Pflanze wuchs und aufblühte. „Du bist mir Halt und Schutz“, sagte sie zum Felsen, und: „Ich fühle mich wohl mit dir.“ „Ich bin niemand, mit dem man sich wohl fühlen kann“, antwortete dieser. „Und doch tue ich es“, widersprach sie ihm. Dem Fels blieb die Entwicklung der Pflanze nicht verborgen. Er sah, wie sie wuchs, er spürte, wie ihre Wurzeln an ihm Halt fanden, und heimlich erfreute er sich an ihren Blüten. Sie war da. Sie war einfach da. Und sie sah ihn anders, als die Felsen um ihn herum ihn bisher gesehen hatten.
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Verstand verstrahlt

Heute habe ich mir den halben Tag den Kopf darüber zerbrochen, wie ich dem geneigten Leser das Thema des heutigen Tages nahebringe. „Worüber schreibst du?“, fragte meine Freundin und ich antwortete: „Atompolitik.“ „Puh!“, sagte sie da.
Wer jetzt ebenfalls „Puh“ denkt, findet hier ja gottseidank genügend Alternativen, aber vielleicht geht ja doch der eine oder die andere mit mir auf eine atomare Entdeckungsreise.

Das Atom an und für sich ist ja keine schlechte Sache, es ist klitzeklein und alle Materie besteht daraus. Kompliziert wird es aber, wenn man Atome spaltet (Fission) oder mehrere miteinander vereinigt (Fusion). In beiden Fällen wird ungeheure Energie freigesetzt und wenn man diese Energie in eine Bombe packt, malt sich die Welt geschockt Szenarien wie Hiroshima und Nagasaki.
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Der weise König

Im Reich des Zauberers, gerade an der Grenze zum Irgendwo, lag das kleine Königreich Lamar. Dichter Wald bedeckte die sanften Hügel und verbarg die kleinen Dörfer in seinem Schatten. Nur die Burg des Königs ragte weit über das Land. Die Bewohner nährten sich redlich von Ackerbau und Viehzucht. Ein jeder gab dem König einen Zehnten seines Ertrages und wer den Zehnten brachte, diente am Hof für einen Mond. So kannte der König alle seine Untertanen und sie ihren Herrn.

Eines Tages erschien auf der Burg eine junge Frau, die ein Kalb brachte. Wer immer sie sah, bewunderte ihre Schönheit, und als sie vor den König trat und ihre Aufgabe erbat, war er von ihrem Liebreiz so entzückt, dass er sie einlud, an seiner Seite Platz zu nehmen und Königin zu sein. Die junge Frau erschrak. „Herr“, sprach sie, „ich bin geehrt durch Eure Bitte, aber ich versorge meine Geschwister, unsere Mutter starb. Bitte lasst mich zum nächsten Mond heimkehren oder sie zu mir nehmen.“
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Saitensalbe

Gegen alles
hilft immer noch
dieses Lied
und die Erinnerung dazu.

Die fortgesetzte Volksverarsche

Die Angela, also die Bundesangela, Ihr wisst schon, unsere Kanzlerin, die war ja diese Woche wieder in Sachen Euro beschäftigt. Manchmal glaube ich, die ist über jede Eurokrise froh, denn wenn sie nach durchberatener Nacht mit tiefer als sonst herunterhängenden Augenlidern vor die Presse tritt, denkt der deutsche Durchschnittsbundesbürger, sie würde ganz doll viel arbeiten, während sie bei innenpolitischen Themen so gut wie nie in Erscheinung tritt. Das aber nur am Rande.

„Europa geht gestärkt aus der Krise hervor“, hat die Angela gesagt. Nun kann die mir ja viel erzählen, glauben tue ich das deswegen noch lange nicht. Also habe ich mir das Krisenpaket mal angeschaut, das die da nächtelang beraten haben.
„Alle Länder führen eine gesetzliche Schuldenbremse – möglichst in den Verfassungen – mit dem Ziel ausgeglichener öffentlicher Haushalte ein.“ Da geht es ja schon los. Das Ziel eines ausgeglichenen Haushaltes steht doch in Deutschland schon in der Bundes- und den Landesverfassungen! Da frage ich mich ja, ob die Politik überhaupt weiß, was das ist: Also, liebe Politiker, ein ausgeglichener Haushalt ist, wenn man auf meinen Papa hört und höchstens so viel Geld ausgibt, wie man einnimmt. Da die Politik aber weder meinen Papa noch die eigenen Verfassungen kennt, hat sie unsere Staatverschuldung von 1950 mit umgerechnet 10 Milliarden auf heute 2.027 Milliarden Euro ansteigen lassen. Und mit jedem Haushalt, der ein Defizit hat, kommen wieder mehr Schulden hinzu.
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Filibart, die Weihnachtskugel – Der einzige Zeuge

Helga Günthersen hatte lange überlegt, wie sie sich ihres Gatten Günther entledigen konnte. Seit seiner Pensionierung ging ihr der alte Sack unglaublich auf die Nerven. Hatte sie früher jede Stunde genossen, in der er auf der Arbeit war, püngelte er nun ständig um sie herum. Verzweifelt hatte sie versucht, ihn für ein Hobby zu begeistern, mit dem er wenigstens stundenweise außerhäusig beschäftigt war, aber Günther Günthersen liebte nur Zeitschriften und Bücher. Er las die Tageszeitung auf dem Klo und diverse Wochenzeitschriften immer gerade in dem Raum, in dem sie ihren hausfraulichen Pflichten nachkam. Abends im Bett schlug er ein Buch auf, über dem er dann einschlief und sie mit seinem Schnarchen um ihre Nachtruhe brachte.
Gut ein Jahr hielt sie das nun schon aus. Oder auch nicht, denn inzwischen war sie abhängig von Johanniskraut, mit dem sie ihre Nerven zu beruhigen suchte. Es gab nur eine Lösung – Günther musste weg.
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