Die Schuld

Sie nahm das Brett und setzte die Figuren, auf die eine Seite zwei weiße Löwen, auf die andere drei Graue im Kreis, dazwischen die Reihe der Schwarzen, die das Schicksal lenkten. In Gedanken spann sie Fäden, fügte bei den Löwen zwei Figuren hinzu und wob nun aus allen ein Geschehen. Dann trat sie zurück.

Nur im Abstand wird der Blinde sehend.

Die weiße Löwin schmiegte ihren Kopf an die Schulter des Löwen und begab sich an den Rand des Feldes. Ein Grauer kam auf sie zu und blieb vor ihr stehen, nahe genug, um sich in ihren Augen zu spiegeln. „Erkennst du mich?“, fragte er. „Der Löwe schweigt“, antwortete sie. Er senkte den Kopf. „Und nun?“, flüsterte er. Die Löwin blickte zurück und sah den Löwen nicken. Dann sagte sie: „Nun wird es gut.“

Rot – gelb –

Eines Tages beschloss das grüne Ampelmännchen, einfach über die Straße zu laufen. Dort angekommen, kletterte es am Mast hoch, umarmte das rote Ampelmännchen und sagte ihm Adieu. Dann verschwand es im Stadtpark und wurde nie wieder gesehen.

Walgesang

Als ich dich nackt auf dem Tisch sitzen sah, zusammengekauert, den Blick ins Leere gerichtet, zog ich mich zurück. Drei Atemzüge lang hörte ich Wale singen, sah eine Fluke aufsteigen und wieder im Meer versinken. „Gleich bläst er“, wusste ich, und als er es tat, trat ich wieder in dein Zimmer.

Du wiegtest dich in ungewolltem Sein. „Wie kann ich …“, fragtest du und hieltest inne.
„Was?“, flüsterte ich.
„Damit leben.“
Ich wünschte, ich hätte eine Antwort gewusst.

Sag nichts

Sag nichts,
mit deinen Lippen nicht, nicht mit deinem Blick.
Sag nichts.

Der Hohn, dein Schlagen
schreibt sich ins Gesicht.
Sag nichts.

Du forderst mich heraus
– erneut –
ich fürchte dich.
Sag nichts.

Und wieder liege ich
verloren
da

sag
nichts

wieder und wieder

Wüsstest du,
wie oft ich dich lese
wieder und wieder
mich erinnere,
du würdest …

ich lächle
du tust es

Jenseits von Marathon

„Pheidippides hatte es einfacher“, sage ich und du lachst mich aus.

„Er rannte 42 Kilometer, ich 3“, sagst du und ich sehe dein Temperament in dir hochkochen.

„Er hatte sein Ziel immer vor sich, 42 Kilometer weit, von Marathon nach Athen. Du läufst im Stadionrund, lässt das Ziel immer wieder hinter dir, verlierst es aus den Augen, bevor du wieder um die Kurve kommst“, antworte ich. Du schweigst. „Weißt du, Pheidippides musste nur laufen. Und wie leicht läuft es sich mit einer frohen Kunde vom Sieg dem Ziel entgegen. Du aber passierst immer wieder die Linie und es ist noch nicht genug. Immer wieder neue Hindernisse. Immer wieder noch eine Runde. Immer neue Hürden. Da vergisst man schon mal seinen Weg. Zeichne ihn dir neu auf, damit du wieder weißt, wofür du läufst.“

„Mit dir hinter dem Ziel?“, fragst du.
„Mit mir hinter dem Ziel“, lächle ich.

Mit weißen Segeln

Du versinkst in deiner Traurigkeit
bis zum Grund,

dabei sahen wir uns schon
mit weißen Segeln
das Universum bezwingen.

Ungezählte Male stand er dort
nahe bei – nie
nah genug

Jeder Grund dagegen
trug einen anderen Namen,
nur nie den,
der es tatsächlich war.

anders als

„Ist sie dein Typ?“,
zweifelten sie
wie alle anderen,
aber ihm
war das egal,
weil er sie anders
als alle anderen
sah.

Kostüm und Kehrblech

Die morgendliche Begegnung zwei Strahlen.

„Sie waren in Zeitung!“
„Ja.“
„Habe ich gesagt: Schau die tolle Frau mit die schöne Lächeln.“

Wie leichtfüßig das Leben doch sein kann.