fridas Filmtipp: „Prometheus” von Ridley Scott – natürlich in 3D

Ridley Scott wäre nicht der geniale Schöpfer des Ur-”Alien” von 1979 – meiner Meinung nach der immer noch beste Film der „Alien”-Reihe – wenn er nicht doch noch in die Versuchung gekommen wäre, Jahrzehnte später seinem Film ein Vorspiel zu gönnen, das aber ebenso als eigenständiges Werk funktioniert.

„Prometheus” enthält natürlich Versatzstücke und Hinweise, auf das, was in „Alien” kommt und geschieht, aber man muss nicht unbedingt „Alien” gesehen haben, um zu verstehen. Falls man „Alien” jedoch nicht kennt, empfehle ich, sich diesen Film im Anschluss von „Prometheus” anzusehen, um das komplette Bild zu bekommen.

Ein Wesen steht am Rande eines riesigen Wasserfalls in einer imposanten Landschaft, menschlich-nicht-menschlich, so ganz entschieden ist das nicht. Der Schatten eines sehr großen Raumschiffes kreuzt das Wesen, das einen Trank zu sich nimmt, in das Wasser stürzt und sich dort sozusagen bis in seine DNA-Stränge auflöst…

Im Jahr 2093 machen sich die Wissenschaftler Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) und Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) mit dem Raumschiff „Prometheus” auf, die Spuren jener Weltraumfahrer zu finden, die sie Jahre zuvor in Felszeichnungen entdeckt zu haben glauben. Beide sind besessen davon, zu beweisen, dass die Menschheit von jenen fremden Lebensformen abstammt. Und in der Weyland Company haben sie einen – wie sich später zeigt, nicht ganz uneigennützigen – Finanzier ihrer Mission gefunden.

Die Mannschaft der „Prometheus” ist eine überaus heterogene Gruppe, die nicht wirklich miteinander harmonisiert: Der pragmatische Captain Janek (Idris Elba) mit seinen Offizieren, die daran interessiert sind, dass das Schiff funktioniert und ansonsten an wenig mehr glauben.

Die Gruppe der Wissenschaftler, die aus zwei eher konkurrierenden Fraktionen besteht, den Skeptikern Fifield (Sean Harris) und Millburn (Rafe Spall) und die für ihre Überzeugung glühenden Shaw und Holloway, privat ein Paar, die eine eine softe, aber auch kämpferische Natur, von der „Alien”-Diktion vorbestimmt zu der einen, die am Ende übrig bleibt; der andere ein arroganter, von sich ziemlich überzeugter Typ, der seiner Überheblichkeit zum Opfer fällt.

Meredith Vickers (Charlize Theron) als Vertreterin der Weyland Company, kalt und berechnend, mehr eine Überwacherin und Bremserin der Mission als eine Unterstützerin.

Und der unvermeidliche, mit menschlichem Antlitz ausgestattete Android David (Michael Fassbender), eine Menschmaschine mit zwei Gesichtern, ein Diener zweier Herren, wie sich erweisen wird. David ist allerdings wie der Android Ash aus „Alien” ein wichtiges führendes Element in der Story.

Ein Funksignal führt die „Prometheus” auf einen unwirtlichen Wüsten-Planeten. Als die Wissenschaftler-Crew zusammen mit David die labyrinthischen Höhlen im Inneren des Planeten erkundigen, bricht eine Welle von Tod und Verderben über sie herein. Nicht nur, dass Shaw und Holloway erfahren müssen, dass sie in bezug auf die extraterristischen Weltraumfahrer einem gigantischen Irrtum aufgesessen sind: Jene Wesen – von denen sogar einer noch lebt – waren oder sind keinesfalls an der Menschheit interessiert, ganz im Gegenteil.

Sondern auch, dass im Schlick und Schlamm noch eine ganz andere Lebensform wohnt, wie Shaw sehr bald am eigenen Körper überaus drastisch erfahren muss – und die nichts anderes im Sinn hat, alles und jedes als Wirt zu benutzen und zu töten.

Die Crew reduziert sich rasch und im Showdown mit dem Extraterristen opfert der Captain sich und die „Prometheus”. Übrig bleiben die versehrte, aber unerschrockene Shaw, die schon längst die Zusammenhänge auf diesem Planeten verstanden hat, und der nur noch halb funktionstüchtige Android, der selbstverliebt und -vergessen fast dem Extraterristen zum Opfer gefallen wäre.

Und während Shaw sich zusammen mit David aufmacht, das Rätsel der Extraterristen zu ergründen, gebiert auf der fast zerstörten „Prometheus” der übrig gebliebene Weltraumfahrer eins der schrecklichen Aliens, wie sie die „Nostromo” über ein Jahrhundert später finden und Officer Ripley ihren einsamen Kampf dagegen aufnehmen wird.

Der Schluss von „Prometheus” ist so angelegt, dass er einerseits auf „Alien” verweist, andererseits sich aber auch für eine Fortsetzung offen hält. 1979 wusste das Publikum nicht, wohin am Ende die Reise im Raumgleiter der „Nostromo” Ellen Ripley führt – die „Alien”-Saga wurde erst 1986 von James Cameron mit „Aliens” weitererzählt. Und so hat es sich dieses Mal Ridley Scott offen gehalten, ob er „Prometheus” möglicherweise als eigenständige Saga weitererzählen will.

Und so wie Sigourney Weaver seinerzeit die Idealbesetzung für Ellen Ripley war, ist auch Noomi Rapace – die seit ihrer kongenialen Verkörperung der Lisbeth Salander gut im Filmgeschäft zu tun hat- eine würdige weibliche Hauptprotagonistin. Ihre Elizabeth Shaw ist softer, stellenweise sogar viel naiver als Ripley, sie hat eine Vorgeschichte und eine private Geschichte – aber in den entscheidenden Momenten reagiert sie flexibel und wächst weit über sich hinaus.

Es nimmt nicht wunder, dass Scott, der schon immer eine Schwäche für starke Frauen in seinen Filmen hatte, auch in „Prometheus” eine weibliche Figur als Hauptfigur und Überlebende wählt. Vickers als die zweite starke Frau im Team wird dagegen zum Verhängnis, dass sie sich nicht rechtzeitig den veränderten Verhältnissen anpassen kann.

Bezeichnend ist, dass die Männer der „Prometheus” bis auf Captain Janek eher konturlos bleiben und am Ende, wenn auch schwer beschädigt, der männliche Android überlebt, also eine Maschine.

„Prometheus” ist natürlich filmisch und technisch auf dem neuesten Stand. Sah man in der „Nostromo” noch kleine Monitore, über die in grüner Schrift endlose Zahlenkolonnen jagten und einen riesigen blinkenden Zentralcomputer, „Mother” genannt, so gibt es hier vor allem holografische Darstellungen en masse. Aber so wie in „Alien” das Raumschiff selbst als handelndes Subjekt in die Handlung mit eingebunden wurde, so ist es diesmal das den Planeten unterminierende Labyrinth als Subjekt. Folgerichtig erweist es sich am Ende als etwas ganz besonderes.

In der 3D-Version von „Prometheus” kommt das physisch Greifbare des Film besonders gut zur Geltung. Wer Angst vor schlangen- oder tintenfischähnlichem Getier hat, sollte vielleicht besser die 2D-Version wählen, sonst kommen einen die Entwicklungsstadien der Aliens mit ihren Tentakeln und kobraähnlichen Köpfen schon sehr nahe. Auch das schlussendlich voll entwickelte Alien mit seinem doppelten Gebiss ragt schon gefährlich nahe in den Zuschauerraum – so jedenfalls will es die Illusion, die uns 3D bereitet. Will sagen, dass „Prometheus” zu jener Filmkategorie gehört, die sich perfekt für eine 3D-Version anbieten.

Insgesamt ist Ridley Scott mit „Prometheus” ein würdiger und spannender „Vorgänger” zu „Alien” gelungen. Einige Handlungsstränge bleiben zwar lose Fäden oder lösen sich nicht ganz konsequent auf, aber alles in allem ist „Prometheus” ein in sich relativ stringent durchdachter Film. Wer „Alien” kennt und mag, kann sich hier auf Spurensuche begeben mit dem einen oder anderen déjà vu-Erlebnis, ohne jedoch das Gefühl zu haben, einem Klon aufgesessen zu sein. Eine Fortsetzung wäre wünschenswert.

© frida 2012

„Der Grabschänder“ – Romantischer Grusel mit Carol Grayson

LESUNG IM CAFÉ STILBRUCH GLADBECK

Ich stelle den folgenden Veranstaltungstipp mal ausnahmsweise in Großform hier ein – weil der Flyer so toll ist (bin hin und weg). Er stammt übrigens von meiner Traumchefin Julia Röken.
Und bitte, beachtet die Sponsoren :-).

Der Grabschänder (Flyer)


Gruselabenteuer mit einer gehörigen Portion Schwarzer Romantik sind das Markenzeichen von Topsellerautorin Carol Grayson. Wer Dark Fantasy nach Art von John Sinclair und herzige Adventures à la Indiana Jones mag, der ist am nächsten Montag, den 13.08. genau richtig im Gladbecker Café Stilbruch.
Die Schriftstellerin aus Kempen am Niederrhein stellt im beliebten Kult(ur)lokal auf der Rentforter Straße ihren Roman „Der Grabschänder“ vor. Gefallene Engel, geheimnisvolle Artefakte, sinistre Vampire, Liebeslust und Leidenschaft lassen die Dunkelheit in einem feurigen Licht erscheinen.
Los geht der Mystery-Spuk um 20:00 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Was: Dark Fantasy – Romanlesung „Der Grabschänder“
Wer: Carol Grayson
Wo: Café Stilbruch, Rentforter Straße 58, 45964 Gladbeck
Wann: Montag, 13. August 2012 um 20:00 Uhr
Wie viel: Eintritt frei

Der Grabschänder [Ungekürzte Ausgabe]
Carol Grayson (Autor)
Verlag: AAVAA E-Book Verlag UG
ISBN-13: 978-3862544530

Der Grabschänder (Cover)


Zum Roman: Der Grabschänder
Nathan Lynch, Professor der Archäologie an einer New Yorker Universität, ist im Besitz eines geheimnisvollen Amuletts und kommt dadurch einer Verschwörung der Vampire auf die Spur. Diese werden angeführt von Count Simon Ariel Langsley und seinem Sohn Damian. Sie manipulieren die Menschheit bereits seit Jahrhunderten und wollen die gefallenen Engel auf ihre Erweckung vorbereiten, um so den Himmel zurück zu erobern. Gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Aurelia Gravenport macht sich Lynch auf die Suche nach der einzigen Waffe, die das Gelingen dieses Plans noch verhindert kann: Das Schwert des Heiligen Michael.

Carol Grayson


Zur Person: Carol Grayson
Geboren 1960 in Krefeld, lebt die Autorin in Kempen am Niederrhein und ist vorwiegend in den Bereichen Mystery und Dark Fantasy tätig. Aber auch Kindergeschichten und der eine oder andere Krimi fließt aus ihrer Feder. Einige Romane und viele Kurzgeschichten wurden bislang bei verschiedenen Verlagen und als Hörbücher veröffentlicht. Speziell bei den Vampirgeschichten pflegt sie die „Schwarze Romantik“.

Begräbniskultur auf Orplid

Ich bin mal wieder im Einsatz: Diesmal in Düsseldorf. Wem der Sinn nach tollen Torten, abstrusen Kurzgeschichten und cooler Lyrik steht, der mag weiterlesen.

Begräbniskultur auf Orplid (Flyer)


Von Begräbnissen auf dem Mond, Wundkokons und anderen Abstrusitäten – eine Lesung zwischen schwarzem Humor und versponnener Fiktion.

Am Mittwoch, den 01.08.2012 um 19:00 Uhr tun sich Abgründe auf im Café Startklar zu Düsseldorf auf der Niederrheinstraße 182 (Telefon: 0211 5660846). Es wird düster, aber nicht unbedingt ernst.

Café Startklar


Der Gladbecker Satiriker Harry Michael Liedtke und der einheimische Lyriker Benjamin Schmälzlein philosophieren wild zu Kaffee und vorzüglichen Torten über das Leben, den Tod und alles was dazwischen liegt oder darüber hinaus geht.

Der Eintritt ist frei, um Künstlerbeitrag wird gebeten.

Harry Michael Liedtke

Benjamin Schmälzlein

Was: Begräbniskultur auf Orplid – Autorenlesung
Wer: Harry Michael Liedtke und Benjamin Schmälzlein
Wann: Mittwoch, 01.08.2012 um 19:00 Uhr
Wo: Café Startklar, Niederrheinstr. 182, Telefon 0211 5660846, 40474 Düsseldorf
Wie viel: Kollekte

Das Indische Filmfestival Stuttgart 2012 – Eine Rückschau – 3. Teil

Von Süd nach Nord: Von Tamil Nadu nach Bollywood in Las Vegas

Bollywood-Dance


(2) Bollywood in Las Vegas: „Ek Main Aur Ekk Tu” („Hochzeit mit Folgen”)

Natürlich lebt ein Indisches Filmfestival auch von den großen Hindi-Film-Produktionen – bei uns gemeinhin unter dem Sammelbegriff „Bollywood” bekannt. Und so wurde an den 4 Veranstaltungstagen – lässt man den Eröffnungsabend außen vor – mindestens eine solche Filmproduktion gezeigt. Und da wir die meisten Filme schon durch Previews oder reguläres Kino kannten, haben wir uns für die Filmkomödie „Ek Main Aur Ekk Tu” entschieden, die zeitgleich am Aufführungstag auch DVD-Premiere hatte.

„Ek Main Aur Ekk Tu” stammt aus dem Haus „Dharma Productions”, also dem Produktionslabel von Karan Johar, der dem interessierten Publikum hier insbesondere durch seine Regiearbeiten mit Shah Rukh Khan bekannt ist. Karan Johar steht für das Segment gehobeneren mainstream inklusive guter Unterhaltung.

Mit „Ek Main Aur Ekk Tu” verlassen wir zunächst Indien und kehren in das Milieu der sog. NRI’s – der im Ausland lebenden Inder– ein, vorzugsweise in den Staaten, natürlich in Großbritannien oder in Australien.

Viele moderne Hindi-Filme siedeln sich gern unter Indern im Ausland an, auch weil man dort z.B. Geschichten erzählen kann, die in der Heimat schon etwas als anrüchig gelten würden. Bekanntlicherweise hat zwar Indien eine stetig wachsende Bevölkerung, aber schon das Wort „Sex” nur in den Mund nehmen, ist immer noch gewagt.

Aber nicht nur darum geht es in diesen Filmen, sondern auch um den gelockerten Umgang mit Traditionen, auch wenn am Ende viele dieser Filme sehr inkonsequent wieder brav zu den überlieferten Traditionen zurückkehren.

Allen gemeinsam ist, dass sie sich in der Regel an ein städtisches, junges Mittelstandspublikum wenden, also Menschen, die sich gerne als „Global Player” verstehen möchten.

Mit Imran Khan (der Neffe Aamir Khans) als Rahul Kapoor gut und Kareena Kapoor als Riana Briganza hochkarätig besetzt, ist dem Newcomer-Regisseur Shakun Batra (der bisher Erfahrung im Filmgeschäft als Assistent Director gesammelt hat) mit „Ek Main Aur Ekk Tu” ist eine Komödie gelungen, wie sie einst Hollywood zu drehen verstand, aber heute im westlichen Kino eher rar geworden ist.

Der Film hat Witz, ohne albern zu sein, sehr gutes Timing und Tempo und zwei Hauptdarsteller, denen man wünschen würde, dass sie zusammenkämen – aber das Drehbuch hat sich für einen anderen Kniff entschieden.

Zwei einsame, aber gänzlich unterschiedliche Seelen, die sich in Las Vegas am Weihnachtsabend treffen und sich nach durchzechter Nacht am nächsten Tag plötzlich verheiratet finden: Auf der einen Seite der aus der upper class stammende Rahul, der nie den Ansprüchen seiner Eltern genügen konnte und gerade frisch gefeuert wurde, einer, der seine Socken und Unterhosen bügelt und so gänzlich jenseits dessen ist, was man so unter „cool” versteht.

Auf der anderen Seite die vor Leben berstende Riana, eine chronisch abgebrannte Lebenskünstlerin, selbständige „hairstylistin” in diversen Kasinos und gerade mal wieder ohne Job, ohne Geld und auch ohne Wohnung.

Die Ehe muss natürlich geschieden werden, aber auch in Las Vegas geht das nicht ganz so schnell. Und da Riana ja wohnungslos ist, zieht sie kurzentschlossen bei Rahul ein. Darüber kommen die beiden sich näher, und da Riana ohnehin über Silvester nach Hause – also Mumbai – fliegt, nimmt sie Rahul kurzentschlossen mit.

Rianas Familie ist so ganz das Gegenteil der Kapoors, wo nur Geld und Extravaganz zählt. Die Briganzas sind eine bunte, leicht überdrehte Patchwork-Familie, die Rahul mit offenen Armen aufnimmt. Ja, und als dann noch Riana Rahul zu den Stätten erster Liebe mitnimmt, missdeutet Rahul Gefühle ganz gewaltig. Am Ende steht ein Lernprozess über Liebe, Freundschaft und Vertrauen, von dem beide profitieren.

Das ist alles mit leichter Hand in Szene gesetzt, ohne ein Leichtgewicht zu sein. Vor allem hat mir die Figur der Riana gefallen, eine durch und durch moderne junge Frau, die keine Kompromisse eingeht, die ein sexuelles Vorleben hat (was für die Frauenfiguren im indischen Kino immer noch nicht gängigist) und die ein selbst bestimmtes Leben führt.

Mit rund 111 Minuten durchschnittlich lang kommt keine Minute Langeweile auf. Der Film hat eine längere Tanzszene – das empfinde ich als grundsätzliches Manko im neueren Hindi-Film, dass leider zunehmend auf größere Tanzszenen verzichtet wird und man sich stattdessen auf begleitende Songs im Hintergrund beschränkt.

Das schmälert aber das Vergnügen an diesem Film nicht, der die in Hollywood fast schon ausgestorbene Kunst der Komödie auf indische Art weiterleben lässt.

Und damit beende ich meinen Rückblick auf das diesjährige Indische Filmfestival in Stuttgart und freue mich schon auf das nächste Jahr.

© frida 2012

Foto: eigenes

http://www.bollywood-festival.de

Das Indische Filmfestival Stuttgart 2012 – Eine Rückschau – 2. Teil

Von Süd nach Nord: Von Tamil Nadu nach Bollywood in Las Vegas

Der Elefant wacht jedes Jahr

(1) Das Tamil- Special

Die Vielsprachigkeit und die gleichzeitig damit einhergehende kulturelle Vielseitigkeit des Subkontinents spiegelt sich selbstverständlich auch in seinem Filmgeschehen wieder.

Unter der Nicht-Hindi-sprachlichen Filmindustrie ist besonders das große südindische Kino mit seinen Sprachen Malayalam (Kerala), Kannada (Karnataka), Telugu (Andhra Pradesh) und Tamil (Tamil Nadu) hervorzuheben. So sehr sich Südindien kulturell von Nordindien unterscheidet, so sehr unterscheiden sich auch Hindi-Film und südindischer Film.

Sie unterscheiden sich so sehr, dass es gang und gäbe ist, gleich ein Remake von dem einen Hindi-Film oder dem anderen südindischen Film zu drehen oder etwa zwei Versionen parallel zu verfilmen – wie Mani Ratnam es häufig praktiziert – anstatt den einen oder anderen Film jeweils in den Kinos der anderen Region zu zeigen. Es gibt nur wenige Regisseure – wie etwa Mani Ratnam – die in der Filmsprache beider Filmregionen zuhause sind. Und ein Mammoothy oder Rajinikanth besitzen gottgleichen Kultstatus im südindischen Film wie das für Shah Rukh Khan für den Hindi-Film gilt.

Es gibt außer auf Festivals hier sonst kaum Möglichkeiten, auch Filme aus Südindien zu sehen. Auch ich habe nur sehr unvollständige Kenntnisse über diesen Film, eigentlich nur das, was ich selbst in Südindien wahrgenommen habe. Darum war es eigentlich keine Frage, sich aus dem Tamil-Special des Festivalprogramms einige Filme herauszusuchen. Wir entschieden uns zum einen mit „SindhuBhairavi” für einen älteren Film aus dem Jahr 1985 und zum anderen mit „3 (Three)” für eine aktuelle Produktion aus dem Jahr 2011.

„SindhuBhairavi” wurde als Hommage an die indische Filmlegende Suhasini Maniratnam, Ehrengast und Jurymitglied des Festivals, gezeigt. Suhasini, seit 1989 mit dem auch bei uns bekannten Regisseur Mani Ratnam („Dil Se”, „Guru”, „Bombay”, „Ravanaan”) verheiratet, gab eine Einführung in den Film. Sie spielt den Part der Sindhu in einem Drama, in dem ein eher schwacher Mann sich in einer Dreier-Beziehung fast verliert.

JKB, populärer Sänger südindischer klassischer Ragas, ist mit Bhairavi verheiratet, einer Frau, die keinen Sinn für die Musik hat, sondern ihre Erfüllung im häuslichen Dasein und dem Versuch, Mutter zu werden, findet. Er lernt Sindhu kennen, eine lebhafte und gebildete junge Frau, die seine Liebe zur Musik vollständig teilt. Beide verlieben sich ineinander, aber aufgrund des gesellschaftlichen Drucks müssen die beiden sich trennen.

JKB ertränkt seinen Kummer im Alkohol – er wird zu einer Art südindischem Devdas (dem bekanntesten Trinker der indischen Literatur-und Filmgeschichte) – und verliert damit seine Fähigkeit zu singen. Bhairavi merkt schließlich, dass nur Sindhu JKB vom Alkohol heilen kann und holt diese aus dem selbst gewählten Exil zurück. JKB erholt sich und tritt wieder als Sänger auf. Als JKB zu erkennen gibt, dass er Sindhu heiraten möchte und Bhairavi in diese Konstellation einwilligt, wird Sindhu von seinen Freunden gezwungen, wieder fortzugehen.

Monate später kehrt sie anlässlich eines Konzerts zurück. Sie bringt ein besonderes Geschenk mit – JKB’s Sohn, den sie zwischenzeitlich in Chennai zur Welt gebracht hat (Bhairavi ist nämlich unfruchtbar). Gegen jede gesellschaftliche Regel überlässt sie ihren Sohn Bhairavi und kehrt nach Chennai zurück.

„SindhuBhairavi” war ein großer Hit des südindischen Kinos. Suhasini fällt mit ihrer im Vergleich zur statuarischen Darstellung der anderen Hauptdarsteller sehr dynamischen und modern zu nennenden Spielweise deutlich aus dem Rahmen. Sie hat immer wieder starke Frauencharaktere gespielt und auch hier ist sie dem Charakter des Mannes deutlich überlegen, obwohl dieser die Hauptfigur ist.

Ansonsten lebt der Film von einer sehr expressiven Symbolik (da schlagen die hohen Wellen an die Felsen, Feuerwerke werden abgebrannt, den Göttern wird ausgiebigst gehuldigt), die auf uns heute manches Mal unfreiwillig komisch wirken. Aber man muss solche Filme in ihrer Zeit und ihrer Kultur sehen. Tanzszenen gibt es keine, aber dafür südindische Ragas satt.

Technisch ist der Film weit hinter Filmen, die zur gleichen Zeit im Westen entstanden sind, zurück. Da hat zumindest das Hindi-Kino inzwischen einen Quantensprung gemacht.

Sehr expressiv ging es auch in dem modernen Tamil-Film „3 (Three)” weiter. Regisseurin Aishwarya Dhanush erzählt zwei Geschichten in einer. Was als nette Liebesgeschichte beginnt, kippt nach der Pause (jeder indischer Film hat eine „Intermission”) völlig überraschend in ein Drama, das am Ende nicht gut ausgeht.

Ram und Janani lernen sich bereits als Schüler kennen und lieben. Nach jahrelanger Geheimhaltung gelingt es ihnen trotz der elterlichen Vorbehalte auf beiden Seiten zu heiraten. Aber als endlich als gut zu werden scheint, verändert sich Ram schleichend. Es stellt sich heraus, dass er an Bipolarität erkrankt ist, für sich und andere zur Gefahr wird (der Titel des Films „3 (Three)” bezieht sich auf die Dreier-Konstellation Ram, Janani, Rams Krankheit).

Janani bleibt währenddessen ahnungslos, kann sich die Stimmungsschwankungen ihres Mannes nicht erklären. Obwohl Ram sich behandeln lässt, bekommt er sich jedoch nicht unter Kontrolle. Als er fürchten muss, dass er eines Tages Janani umbringen wird, zieht er die Notbremse und begeht stattdessen Selbstmord.

Während man im ersten Teil des Films noch mit dem sympathischen Pärchen mitfiebert, ob sie es denn nun schaffen werden, wird man im zweiten Teil völlig von den sich nun überschlagenden Ereignissen überrannt. Die Bipolarität Rams wird so überdeutlich in Szene gesetzt, dass ich mich auf der einen Seite meinen Gefühlen nicht erwehren konnte, mich aber auf der anderen Seite gewundert habe, warum ich so reagiere.

Janani bleibt passiv, sie stellt Ram nicht wirklich zur Rede. Alles, was sie am Ende weiß, erfährt sie aus der Erzählung des engsten Freundes, dem einzigen, der von der Krankheit Rams wirklich wusste.

Es wird viel geredet, viel geweint, an der Grenze zum „over acting” in der Mimik, ohne dass aber die Personen tatsächlich aktiv handeln. Das schlägt sich auch in der schauspielerischen Darstellung nieder, die in ihrer Beweglichkeit eher gebremst ist. Tanzszenen gibt es im übrigen auch keine, nur zwei Songs.

Was nicht bedeutet, dass der Film schlecht ist oder mir nicht gefallen hätte, ganz im Gegenteil. Aufgefallen ist mir jedoch noch, dass, obwohl eine Frau Regie geführt hat und auch gleichzeitig für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, die Figur der Janani sich so wenig emanzipiert. Als Schülerin hat sie noch Träume von Ausbildung und selbstbestimmten Leben, als verheiratete Frau ist sie dann nur noch wie selbstverständlich Hausfrau. Darin hat sich das Hindi-Kino mittlerweile doch schon ein weiter entwickelt.

Und bevor ich nun den Bogen zum Hindi-Film schlage, möchte ich Sie nicht überfordern und mich stattdessen gesondert in einem dritten Teil meiner Rückschau mit der Hindi-Komödie „Ek Main Aur Ekk Tu” („Hochzeit mit Folgen”) beschäftigen.

© frida 2012

Foto: eigenes

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Das Indische Filmfestival Stuttgart 2012 – Eine Rückschau – 1.Teil

Der Elefant ist jedes Jahr wieder mit dabei


Das Indische Filmfestival Stuttgart 2012 – Eine Rückschau – 1.Teil

Das Indische Filmfestival Stuttgart 2012 ging am vergangenen Sonntag erfolgreich zu Ende. Von Mittwoch bis Sonntag und nunmehr zum 9ten Male zeigte sich der indische Film erneut in einer Bandbreite, die weit über das hinausgeht, was hierzulande gemeinhin unter dem Etikett „Bollywood” bekannt ist.

Das Indische Filmfestival Stuttgart, das größte indische Filmfestival in Europa und mittlerweile von „Bollywood and Beyond” in „Indisches Filmfestival Stuttgart” umbenannt, ist in diesem Jahr vom eher abgelegenen Kongresszentrum im Stadtteil Möhringen in die Innenstadt zurückgekehrt, was dem Festival eine erheblich größere Aufmerksamkeit einbrachte, liegt der Veranstaltungsort Metropol-Kino doch in einer stark frequentierten Zone der Stuttgarter Innenstadt.

Der Veranstalter, das Filmbüro Baden-Württemberg, spricht von rund 7.000 Zuschauern. Wir haben es an den vollen Kinosälen gemerkt, auch bei Filmen, von denen man meint, sie würden nicht so auf dem Zuschauer-Radar liegen. Aber wie bei der Berlinale im Großen ist auch bei einem solchen Filmfestival im kleineren Maßstab in erster Linie derjenige Zuschauer vertreten, der bereit ist, sich mit den verschiedensten Spielarten von Film und Filmverständnis auseinanderzusetzen.

Genug Material dazu war mit den rund 60 Filmproduktionen reichlich vorhanden. Da stand der spielfilmlange Dokumentarfilm neben dem Kurzfilm von nur rund 6 Minuten, Tamil-Filme (Spielfilme in tamilischer Sprache) im Tamil-Special neben den natürlich auch gezeigten Bollywood-Großproduktionen. Flankiert wurde das Filmprogramm von den sog. „Tea-Talks” zu aktuellen indischen Themen aus Wirtschaft und Gesellschaft, von Bollywood-Dance und sogar speziellen Projekten für Schulen.

Das Festival vergibt darüber hinaus natürlich auch Preise, den „German Star of India” in den Kategorien Langspielfilm, Kurzfilm und Dokumentarfilm. Dazu den „Director’s Vision Award” und den „Audience Award”.

Aus dem auch in diesem Jahr wieder überaus interessanten Filmprogramm haben wir – meine Schwester und ich – uns eine gute und gelungene Mischung aus Kurzfilm-Reihe, Dokumentarfilm, zwei Spielfilmen aus dem Tamil-Special und einem aktuellen Hindi-Film (Bollywood) zusammengestellt, die ich hier in 2 Teilen (Teil 1„Shorts” und Dokumentarfilm, Teil 2 Tamil-Special und Hindi-Film) vorstellen möchte.

Die „Shorts”:

Beginnen wir mit der Kurzfilm-Reihe, den sog. „Shorts”, von denen das Festival drei Reihen im Programm hatte. Die „Shorts” umfassten jeweils 6-8 Kurzfilme von durchschnittlich 10-15 Minuten Dauer. Es ist schon eine große Kunst, einen kleinen Film genau auf den Punkt zu bringen. Auch wenn aus der von uns gesehenen Reihe kein Film den Kurzfilm-Preis gewann, so haben mich doch drei von den acht gezeigten Filmen besonders beeindruckt:

„Mehfuz” von Rohit Pandey, ca. 16 Minuten. Ein Leichenbestatter verbrennt am Rande eines sich in Gewalt auflösenden Gemeinwesens Nacht für Nacht anonyme Leichen. Eines Tages kreuzt eine namenlose Frau seinen Weg. Sie weckt sein Interesse, er verliebt sich in sie. Sie verschwindet, einige Nächte später muss er entdecken, dass auch sie jetzt zu den namenlosen Toten gehört. „Mehfuz” ist eine verstörende, düstere Geschichte mit einem überaus zarten Ende, das jenseits aller Abgestumpfheit liegt.

„Aisa – Hota hai” von Aashish Dubey, ca. 13 Minuten, ist dagegen ein witzig-unterhaltsames Leichtgewicht. Zwei Frauen haben ein Rendezvous im Gebüsch und werden dabei von zwei Kleinkriminellen überfallen. Es taucht eine fünfte Person auf, ein Mann, der von sich behauptet, Polizist zu sein. Der Polizist ist der Katalysator der Story, denn alle haben etwas zu verbergen. Die Frauen – deren Verhältnis in Indien als moralisch anrüchig gilt – kaufen sich mit Geld frei, aber auch die beiden verhinderten Diebe landen am Ende nicht im Knast, während es offen bleibt, ob der Cop wirklich ein Cop ist.

Mit „Sujata” von Shlok Sharma, ca. 19 Minuten, dagegen bricht eine Welle der emotionalen und körperlichen Gewalt über den Zuschauer herein. Sujata wird von Kindheit an von ihrem sadistischen Cousin emotional und körperlich misshandelt. Auch als Erwachsene ist sie ständig auf der Flucht. Weder von der Polizei noch von Nicht-Regierungsorganisationen ist Hilfe zu erwarten. Als ihr Cousin sie wieder einmal ausfindig macht, wehrt sie sich am Ende mit äußersten Mitteln. Der Film, der auch das Zeug zu einem Langspielfilm hätte, entfaltet seine Story in kurzen prägnanten Rückblicken, die das ganze Maß des Missbrauchs und der ausweglosen Situation von Sujata aufzeigen. Das Ende ist ein verstörender, aber ein verstehbarer und erklärter Gewaltausbruch. Das Verständnis und das Mitleid ist jederzeit auf Seiten des Opfers, das zu schrecklicher Gewalt greifen muss, um sich zu befreien.

Der Dokumentarfilm: „The Bengali Detective”

„The Bengali Detective” gehörte zu den 12 im Festivalprogramm vertretenen Dokumentarfilmen. Da der indische Polizeiapparat weitestgehend korrupt und ineffizient ist, vertrauen immer mehr Inder auf Privatdetekteien.Produziert u.a. von Channel4 begleitet der britische Regisseur Privatdetektiv Rajesh und seine Mannen von der „Always”-Detektei durch den Dschungel Kolkatas (Kalkutta).

Sie beschäftigen sich mit Produktfälschungen und mit Ehestreitigkeiten, werden aber auch mit der Aufklärung eines Mordes an drei jungen Männern beauftragt. Und gerade hier gerät Rajesh mit seiner Truppe an den Rand seiner Möglichkeiten. Eine Unterredung mit dem die Untersuchung leitenden Polizeiinspektor in dessen Büro soll dem Detektiv die Möglichkeit verschaffen, die Telefonliste vom Telefonanbieter zu bekommen. Schnell lernt der Zuschauer, warum die Mordsache nicht vorankommt. Ein Polizist, der völlig desinteressiert wirkt, rechtsmedizinische Untersuchungen, die auch noch nach einem Monat zu keinem Ergebnis gekommen sind, ein technisches Equipment, was schlicht nicht vorhanden ist und was den Ruhm von Indien als das Land der IT-Spezialisten so ziemlich ad absurdum führt.

Noch Monate nach Beendigung der Dreharbeiten ist der Mordfall immer noch offen, und da 70 % aller Morde in Indien nicht aufgeklärt werden, stehen die Chancen auch in diesem Fall schlecht.

Rajesh wird aber auch in seinem privaten Umfeld gezeigt. Er ist Vater eines kleinen Sohnes, der mal etwas Besseres werden soll. Seine Frau Minnie ist schwer an Diabetes erkrankt – sie stirbt während der Dreharbeiten an den Folgen dieser Krankheit, die aufgrund der schlechteren medizinischen Versorgung sehr viel schwerer als in unseren Systemen bekämpft werden kann.

„The Bengali Detective” ist aber nicht nur schwere Kost. Die Männer von der „Always”-Detektei haben nämlich ein ganz bestimmtes Hobby – sie tanzen sich mit Bollywood-Dance den Frust von der Seele und aus dem Leib. Für ein Vortanzen bei einem Wettbewerb werden sie sogar professionell trainiert. Und scheuen sich nicht, im Glitzeranzug wie ein Disco-Dancer beim Vortanzen zu erscheinen. Sie schaffen es zwar nicht in den Wettbewerb, aber darauf kommt es am Ende auch nicht mehr an.

„The Bengali Detective” gibt mit viel Sympathie für seine Protagonisten Einblick in das Leben des kleinen indischen Mannes oder der Frau, auf der einen und auf der anderen Seite des Gesetzes, für dessen Durchsetzung private Ermittler unerlässlich sind, da die Polizei ihren Aufgaben entweder nicht gewachsen sind oder sie nicht wahrnehmen will.

Der Editor der Dokumentation war übrigens beim Screening anwesend und stand nach der Vorführung dem Publikum zur Frage und Antwort bereit, was rege angenommen wurde.

In einem zweiten Teil möchte ich dann etwas genauer auf unsere beiden Filme aus dem Tamil-Special eingehen und natürlich auch über die Hindi-Film-Komödie „Ek Main Aur Ekk Tu” („Eine Hochzeit mit Hindernissen”) berichten.

© frida 2012

Foto: eigenes

Blutdurst, Sonnenhunger und Liebesbegierden

„Seraphim: Carpe Noctem“ von Sandra Baumgärtner – eine Rezension

Seraphim: Carpe Noctem (Cover)


Aller Anfang ist schwer, auch und vor allem das Dasein als Vampir! Dies merkt die junge Grazie Resa nach ihrer Verwandlung in die Spitzzahnuntote Seraphim.
Sonnenlicht und ihr Widerwille, Menschen zu töten, machen der Blutsaugerin die Eingewöhnung schwer. Überdies wird Seraphim als wissenschaftliches Forschungsobjekt im Rahmen einer ominösen Experimentreihe missbraucht und strapaziert.
Doch mit Hilfe des charismatischen Vampirs Leander, in den sich die „lebens“-lustige Untote prompt verliebt, gelingt ihr endlich die Anpassung. Gemeinsam stürzt sich das mysteriöse Paar in ein Abenteuer, bei dem es um nichts Geringeres geht als um die Existenz all ihrer Artgenossen …

Sandra Baumgärtner


Okay, ich gebe es zu: Für meinen Geschmack ist viel zu viel Liebe und Romantik in Sandra Baumgärtners Debütroman. Ich als alter Gorehound hätte mir mehr Bisse und weniger Küsse gewünscht. Zudem ist Leander viel zu schnuckelig, um wahr zu sein. Als Mischung aus Frauenversteher und Supermann erweckte er in mir beinahe Aggressionen. Die impulsive Hauptfigur Seraphim ist zwar lebensechter gezeichnet, kommt aber gleichsam viel zu nett rüber – erst recht für eine Vampirin.
Aber, und das muss ich eingestehen, alte Gorehounds sind klar in der Minderheit und romantische Vampire stattdessen groß in Mode. Twihards werden bei „Seraphim: Carpe Noctem“ jauchzen, das Werk enthält alles, was die Zielgruppe wertschätzt: sanfter Grusel, große Gefühle, mucho Romantic Talk, stilikonentaugliche Figuren und eine gar nicht uninteressante, durchaus spannungsvolle Rahmenhandlung mit Fantasyeinschlag. Ferner gefällt das Buch durch kundige Schauplatz- und Milieubeschreibungen, etwa von der Römerstadt Trier oder der Leipziger Gothicszene.
Man muss kein Prophet sein, um voraussagen zu können, dass das Buch sein Publikum finden wird.

Seraphim: Carpe Noctem
Sandra Baumgärtner (Autor)
ISBN: 978-3899681345
Verlag: Kleine Schritte (2011)
210 Seiten; Fantasy/Science Fiction/Grusel

„Was Ihr Wollt” 2012 – 22 Jahre Shakespeare-Festival im „Globe” zu Neuss – Eine kleine Reprise von frida

Einmal im Jahr erwacht der Rundbau an der Neusser Rennbahn zu prächtigem Leben. Immer im Juni/Juli treffen sich dort im „Globe” zu Neuss Shakespeare-Liebhaber und Liebhaberinnen nicht nur aus der Umgebung oder Deutschland-weit, sondern auch global – ist das Neusser „Shakespeare-Festival” doch mittlerweile eines der wichtigsten Shakespeare-Festivals weltweit.

Wer Shakespeare liebt oder auch nur an ihm interessiert ist, bekommt dort Shakespearsches Welt-Theater erster Güte geboten. Gruppen aus aller Welt und aus verschiedensten Kulturen loten die unendlichen Möglichkeiten aus, Shakespeare auf die Bühne und an den Zuschauer zu bringen, abseits von Stadttheater-Konventionen, die Shakespeare allzu oft in den Eitelkeiten von Regisseuren ertränken.

Auch in diesem Jahr war den Veranstaltern ein rundum engagiertes Programm gelungen. Hier ein „Hamlet” aus Polen, dort ein „Sturm” aus Litauen, aus Afghanistan kamen zwei Zwillingsbrüder-Pärchen und „Othello” ist ein berühmter Hip-Hopper, Frankreich lässt „Richard III” durch Blut waten und lotet mit „Romeo et Jules Yet” die Möglichkeit einer schwulen Liebesgeschichte aus, während die englische „Propeller Company” ihren „Henry V” militärisch durchexerziert. Natürlich waren auch in diesem Jahr mit der Bremer und Berliner Shakespeare Company und dem Neusser Landestheater die dem Festival verbundenen deutschen Bühnen dabei. Und flankiert wurde das Festival wie immer von Lesungen, Liedervorträgen, Workshops für Lehrer und Schüler und der Lecture „Shakespeare and the Globe” des unverwüstlichen Patrick Spottiswood.

Es ist jedes Jahr eine nicht kleine Qual, aus der Vielfalt des Programms auszuwählen. Ich habe mich in diesem Jahr für „Rah-e Sabz” aus Afghanistan mit der „Comedy of Errors” und für die „Q-Brothers” aus Chigaco mit einer Hip-Hop-Version von „Othello” entschieden.

1. Kann es Theater in und aus Afghanistan geben? „Rah-e Sabz” aus Kabul und die „Comedy of Errors”

Ja, auch wenn „Rah-e Sabz” im Programmheft als „kleines Theaterwunder” beschrieben werden. Bereits 2005 führte die Gruppe in Kabul „Verlorene Liebesmüh” auf, mit Männern und Frauen (!) als Liebende. In diesem Jahr brachten sie vom „Olympic Festival” des Londoner Globe ihre neue Produktion „Comedy of Errors” („Komödie der Irrungen”) mit. Sie kamen mit gleich zwei Handicaps, da sowohl ein männliches als auch ein weibliches Mitglied der Gruppe nicht anwesend sein konnten – und diese Rollen somit doppelt übernommen werden mussten, so dass auch die Regisseurin Corinne Jaber als Ersatz auf der Bühne stand.

Die eher selten gespielte „Comedy of Errors”, Shakespeares heitere Komödie um die Irrungen und Wirrungen zweier Zwillingsbrüder-Pärchen – Herren und Diener – die durch die Zeitläufe zwangsweise getrennt wurden, sich so wundersam wie heiter wiederfinden und am Ende zumindest auch die Herren mit den Eltern wiedervereint werden, ist die Geschichte einer Familien-Zusammenführung, wie sie auch in die Traditionen Afghanistans passt, denn Familie ist wichtig und steht in dieser Kultur über allem. Und so wie sich im Original Ephesus und Syracus feindlich und kriegerisch gegenüber stehen, sind es hier die vom langjährigen Krieg versehrten Städte und Landschaften Afghanistans, durch die die handelnden Personen irren (und sich aber glücklich wiederfinden).

„Rah-e Sabz” siedelt die Geschichte in der Gegenwart an – Kabul ersetzt mühelos das Shakespearesche Ephesus. Die Inszenierung ist keine Minute langweilig, es gibt viel zu lachen, auch wenn die Sprache ungewohnt ist, denn gesprochen wird in Farsi, mit deutscher Übertitelung (abgesehen davon ist auch das originale Shakespeare-Englisch heute kaum noch zu verstehen). Das Spiel wird darüber hinaus von einem Musiker-Trio musikalisch nicht nur begleitet, sondern auch kommentiert. Die afghanische „Comedy of Errors” ist kein experimentelles Stück Theater, aber auch weit entfernt davon, eine Folklore-Veranstaltung zu sein. Afghanische Kultur wird mühelos mit Shakespeare verbunden – und das ist international verständlich.

„Rah-e Sabz” eroberte so spontan nicht nur mein Herz, sondern auch die des restlichen Publikums, das höchst verdient und ausgiebig „standing ovations” im nahezu ausverkauften Rund des „Globe” gab.

2. „And this is why I hate the moor”…

rappt Jago, während er zu donnernder Hip-Hop-Musik über die Bühne tanzt. „Othello” als „Othello – The Remix” in einer Hip-Hop-Version? Ja, geht denn das? Ja, auch das geht. Die „Q-Brothers” aus Chicago haben mit ihrer „Othello”-Version nicht zum ersten Mal Hip-Hop und Shakespeare zusammen auf die Bühne gebracht, sie waren bereits schon mit „Bombity of Errors” (nach „Comedy of Errors”) und „Funk it Up About Nothin’ (nach „Much Ado About Nothing”) erfolgreich unterwegs.

Nun ist also Othello ist „MC Othello”, ein Rap-Star im Musikgeschäft, verheiratet mit der Sängerin Desdemona, der Tochter des Plattenbosses und gegen dessen Willen. Cassio ist der Pop-Rapper und Jago der Hip-Hop-Hardliner. Dass Othello den geschmeidigeren Cassio Jago auf der anstehenden Tournee vorzieht, ist sein und Desdemonas Todesurteil. Jago, der Anti-Held, geriert sich als fürchterlicher Puppenspieler im pumpenden Beat des Hip-Hops – und diese düstere Geschichte über Eifersucht und Macht, über Vertrauen und Glauben, über Verblendung und Lust an der absoluten Zerstörung funktioniert zeit-und nahtlos.

Dabei sind die „Q-Brothers” nicht nur gute Hip-Hopper, sondern vor allen Dingen auch gute Schauspieler, eine „all male”-Company im Stil der Zeit Shakespeares. Das heißt, dass Desdemona gar nicht anwesend ist und die anderen Frauenrollen gleich von den „Q’s” mitübernommen werden. Dabei ergeben sich hinreißende Möglichkeiten, wie etwa eine Soul-/Hip-Hop-Version des James Brown-Klassikers „It’s a Mans World” im Stile der Supremes.

Stille herrscht allerdings, wenn Othello seine Desdemona erstickt – schwierig zu spielen, wenn die andere Person ja nicht anwesend ist, aber wunderbar gemeistert. Ich habe schon Desdemonas in schlechten Aufführungen den schnellen Tod gewünscht – aber das hier greift ans Herz, ist ein absolutes Highlight. So wie dieser Othello-Remix ein Glanzstück ist, das das Festival hell strahlend zu Ende gehen lässt.

Den „Q-Brothers” gelingt es mühelos, auch die älteren Zuschauer in ihren Bann zu ziehen – und auch ich, obwohl mein Musikgeschmack meilenweit von Hip-Hop oder Rap entfernt ist, würde mir gerne weitere Inszenierungen der „Q’s” ansehen. Ein begeistertes Publikum und „standing ovations” sind der Lohn am Ende der Aufführung.

Und damit schloss das „Globe” für dieses Jahr seine Pforten, aber nur, um im nächsten Jahr wieder im alten/neuen Glanz zu erstrahlen und mit uns erneut das Shakespearsche Universum zu erkundigen.

© frida 2012

www.shakespeare-festival.de

Das Café Stilbruch rockt: Teneja

Man verzeihe mir die Dreistigkeit, diesen Veranstaltungshinweis hier so groß einzustellen, aber ich habe ehrenwerte Sponsoren zufriedenzustellen (hehe)!!

Live in Concert: Teneja


Live in concert: Teneja – VOICE MEETS GUITAR

Mit Ihrer Gitarre bringt sie ihre Emotionen zum Klingen.

Teneja – groß, aufrecht, fordernd, eigensinnig!

Die gebürtige Slowenin mit ihren wilden blonden Haaren hat von frühester Kindheit an gelernt, Gitarre zu spielen und ihre Kunstfertigkeit an der bergischen Musikschule perfektioniert. Virtuos beherrscht sie ihr Instrument – ob Blues, Soul, Rock oder Reggae – sie spielt es nicht, sie taucht darin ein. So ist es mehr als eine Untermalung ihrer professionell geschulten Stimme!

Teneja live


Sie verleiht den Songs ihrer Vorbilder eine neue Dimension und ihren eigenen Kompositionen einen unverwechselbaren Charakter voll harmonischer Energie und Leidenschaft. Wollte man ihre Stimme beschreiben, so müsste man viele Parallelen bemühen: Wandlungsfähig wie Alanis Morissette, kratzig wie Janis Joplin, leidenschaftlich wie Joss Stone, hell und klar wie Sarah McLachlan, ausdrucksvoll und melodisch wie Tracy Chapman.

Teneja


Wenn Teneja singt, bricht ihre ganze Leidenschaft aus ihr heraus. Dann funkeln ihre großen, blauen Augen und mit ihrem Charme fängt sie ihr Publikum. „Wenn ich spüre, wie die Musik uns verbindet, wenn ich eins mit dem Publikum bin, dann weiß ich, dass ich sie mit meiner Musik erreicht habe. Das ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl.“

Wer: Teneja
Was: Rock-/Popkonzert
Wann: Freitag, 13. Juli 2012, ab 20:00 Uhr
Wo: Café Stilbruch, Rentforter Straße 58, 45964 Gladbeck
Wie viel: Kollekte

http://www.cafe-stilbruch-gladbeck.de/
http://www.teneja.de/

Lebenshighlights 1

Nacherzählte Berichte

„Ich lebte ein paar Jahre in Australien. Mit der Zeit wurde mir bewusst, dass dieser Kontinent viel mehr als Wüste im Innern und traumhafte Wasserreservate hatte. Ich freundete mich sogar mit den Ureinwohnern an und kam so an Orte, die kein normaler Tourist zu sehen bekommt. Als ein paar Deutsche mich ansprachen, ob ich ihnen das Leben in den Outbacks zeigen könne, sagte ich trotz großer Bedenken zu. Mein australischer Bekannter gab mir den Satz mit: „Nach drei Tagen kommen sie geschreddert zurück.“ Wir beschlossen zu zelten.

Ich legte viel Wert auf eine Sicherheitseinweisung. Benannte bestimmte Dinge, die man nicht macht und andere, die man vorsichtshalber macht. Bis zum Schluss hielten sich alle daran. Am letzten Abend gingen wir in unsere Zelte, nachdem ein ausgiebiges Lagerfeuer die Erlebnisse der Tage wie Funken zum Himmel trieb. Es gab einen in der Gruppe, der mehr zuhörte als sprach. Er ging zu seinem Zelt und kroch auf sein Lager. Eine Petromax, (Petroleumleuchte mit Glühstrumpf), gab genug Licht, so dass er noch etwas in seinem Buch lesen konnte.

Ausgerechnet er war es, der Schweiger, der plötzlich aus seinem Zelt stürmte und schrie, bis er erst ein paar hundert Meter weiter stehen blieb. Es war der gellende Schrei eines Verrückten. Als wir alle alarmiert um ihn standen, zeigte er aufs Zelt und schwieg, beantwortete keine Frage. Wir näherten uns seinem Zelt, das durch die Petromax von Innen hell erleuchtet war, und sahen die Zeltstangen, die wie ein Gerippe das Ganze hielt. An der Decke zeichnete sich dazu etwas ab. Es hatte die Gestalt einer Riesenspinne. Ihre Beine bedeckten den großen Teil des Zeltdaches, ihr Körper warf einen beachtlichen Schatten.

Ich ging hinein und benutzte meine Jacke, um sie aus dem Zelt zu holen. Während die Mutigen von oben aufs Zelt schlugen, breitete ich die Jacke aus, um sie zu fangen. Als ich glaubte sie zu haben, ging ich mit der Jacke nach draußen und schüttelte sie aus.

Sie war verschwunden.

Wir vermuteten, dass sie bereits im Dunkel getürmt war, stellten aber fest, dass der eine Ärmel einen Wulst aufwies. Sie war im Ärmel. Nachdem wir sie endlich heraus bugsiert hatten, stellte sie sich tatsächlich auf ihre Hinterbeine in Angriffsposition und attackierte uns. Erst als wir sie mit Sand bewarfen, verschwand sie im Dunkel der Nacht.

Als wir den Schweiger am nächsten Morgen auf das Geschehen ansprachen sagte er:

„Ich las die ersten Zeilen des Buches und sah eher zufällig nach oben. Ich konnte es nicht glauben, dass es so etwas gab, das sich über mir festhielt, und das nur wenige Zentimeter. Ich wäre fast gestorben vor Angst.“

Schlussbemerkung:

Es war der „graue Wolf“. Eine Spinnenart, die unter anderem von Fröschen lebt und deutschen Urlaubern den Urlaub versaut.